Liebes evangelisch.de-Team,
derzeit bin ich völlig verwirrt, was Parteien betrifft. Alles, was radikal ist, lehne ich ab. Antifa und Rechtsradikalismus sind beides extrem. Peter Hahne z.B. als bekennender Christ ist der AfD sehr zugewandt. Die CDU hat auch nichts mehr mit christlich zu tun. Die Linken punkten mit sozialer Gerechtigkeit noch am ehesten. Aber der ganze CSD-Wahn ist doch auch extrem, selbst wenn ich homosexuelle Menschen voll akzeptiere, finde ich diesen ganzen Zirkus darum ebenfalls extrem. Fundamentale Freikirchen neigen auch zu Extremismus. Und dann ist noch der Islam mit den furchtbaren Anschlägen. Auch das ist wieder extrem. Ich frage mich, gibt es eigentlich auch noch was in der Mitte? Derzeit wüsste ich nicht, wen ich noch mit gutem Gewissen wählen könnte. Die Kirchen sind ja da auch sehr unterschiedlich gestrickt. Was halten Sie von der ganzen Entwicklung? Was ist eigentlich noch normal?
Liebe Maria,
danke für Ihre lange Frage, die ich in allen Details natürlich nicht beantworten kann. Aber Ihre Kernfrage scheint mir die zu sein, die Sie als letztes stellen, nämlich danach, was noch "normal" ist. Tatsächlich ist das auch häufig meine Frage. Wenn ich höre und lese, wie hart und verletzend Menschen gegenüber anderen Menschen sein können, frage ich mich immer wieder, was noch normal ist. Darum will ich gern diese Ihre Kernfrage beantworten.
Das Adjektiv "normal" stammt aus der lateinischen Sprache. "Normal" bedeutet "nach dem Winkelmaß gemacht" und meint "der Vorschrift entsprechend". Und das Wort "Norm" steht für "Regel, Richtschnur, Maßstab, Größenvorschrift (für die Technik), Richtwert (für Arbeitsaufwand, Materialeinsatz), festgelegte Arbeitsleistung, Rechtsvorschrift". Biblische Texte sind natürlich kein Winkelmaß, das man anlegt und aus dem man eine eindeutige Anweisung folgern kann. Aber Jesu Sätze geben einen Richtwert vor, sie schärfen das Gewissen. Normal ist, die ethische Verbindlichkeit des Glaubens für unsere Gesellschaft. Normal ist also die Orientierung an der nächsten Person und die Gleichheit aller Menschen vor Gott.
Insofern ist normal, was Jesus im Matthäusevangelium sagt: "Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen." (Matthäus 25,35-36) Normal ist diese Forderung Jesu: "Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." (Matthäus 25,40)
Normal ist es, diese einfachen Grundsätze des christlichen Glaubens mit Leben zu füllen und deren Bedeutung hervorzuheben. Denn sie gelten nicht nur für die Kirche, sie wirken schon immer tief in unsere Gesellschaft hinein. Diese normalen Sätze aus der Bibel gelten auch im Zusammenleben glaubender und nicht glaubender Menschen. Normal ist auch, das - sogar in der Sozialgesetzgebung immer stillschweigend mitgedachte: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Vielfach in der Bibel, hier Galaterbrief 5,14) Ich finde der Kurs, den solche Überzeugung vorgibt, gilt auch in der Wahlkabine.
Umgekehrt fällt mir eine Menge ein, was nicht normal ist. Normal ist es nicht, Menschen herabzusetzen, indem man entwürdigend über ihre Herkunft, sexuelle Orientierung oder ihren Bildungsgrad redet. Normal ist es auch nicht, die Personen, die in unserem Land erwerbstätig sind, aus unserem Land vertreiben zu wollen. Normal ist es auch nicht, dass an den Außengrenzen der EU Menschen ertrinken.
Das alles habe ich auch im Hinterkopf, wenn ich zur Wahl gehe und einer Person und einer Partei für die kommenden vier Jahre mein Vertrauen schenke. Auch das ist normal, dass man sein Vertrauen in die Haltung und Kompetenz einer Person legt und davon ausgeht, dass diese Person es gut machen wird.
Herzlich,
Ihr Henning Kiene