Wieso brauchte Gott ein Opfer?

Gefragt von Hermann Bamberger

Lieber Herr Muchlinsky!

 

Wieso muss ein Gott, dessen Wesen überströmende Liebe ist, durch ein Blutopfer versöhnt werden? Wozu dieses archaische Opferritual? "Blut kann nur durch Blut gesühnt werden" (Hebr.) - das zu glauben macht mir Probleme. Wäre Jesus nicht zum Erlöser geworden, wenn er von Pontius Pilatus freigesprochen worden wäre?

Für Gottes Liebe braucht es doch keine Bedingungen, oder? Er ist souverän und frei in seinen Entscheidungen. Für mich hätte Jesus als Christus die gleiche Bedeutung auch ohne Leiden, Blut und Tod...

War die Kreuzigung eine conditio sine qua non??

 

Frohe Ostern und liebe Grüße mit einer sicher mehr als schwierigen Frage

Hermann Bamberger

Lieber Herr Bamberger,

 

Ihre Frage ist in der Tat eine, an der sich die Theologie immer wieder die Zähne ausbeißt – im Grunde fragt sich das Christentum seit dem gewaltsamen Tod Jesu, wie man damit umgehen soll. War die ganze Sache mit dem Mann aus Nazareth nur eine Episode? Sie können in der Bibel noch andere Erklärungsversuche finden, wie den von Ihnen zitierten Hebräerbrief. In der Apostelgeschichte zum Beispiel wird dem Kämmerer aus Äthiopien, der die Passage über den Knecht Gottes des Propheten Jesaja liest, von Philippus erklärt, damit sei Jesus gemeint.

 

Hier die Textstelle im Ausschnitt, Apg 8,32-35: "Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.« Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus."

 

Der gewaltsame und sinnlos erscheinende Tod Jesu war ein Faktum für die Christinnen und Christen der ersten Stunde. Sie mussten – auch nach Ostern – versuchen, einen göttlichen Sinn darin zu entdecken. Der Autor der Apostelgeschichte zum Beispiel ging den Weg zu sagen: Das musste so sein, weil es schon die Propheten so angekündigt hatten. Der Hebräerbrief sagt: Das musste so sein, weil dadurch Christus Gott ein einmaliges Opfer darbringen musste, um Gott mit der sündigen Menschheit zu versöhnen.

Dass diese Versöhnung mit Gott durch ein Opfer geschieht, war für den Autoren des Hebräerbriefes kein Problem. Opfer waren schließlich in sämtlichen Religionen an der Tagesordnung, auch Jesu Eltern opferten für ihren Sohn (Lk 2,24). Das Neue und Bedeutende war, dass der Tod Jesu nun als das ultimative Opfer galt.

 

Wie auch immer man den Tod Jesu erklärte, immer war der springende Punkt, dass es so kommen musste, dass er es letztlich so wollte, damit der Heilsplan Gottes aufgehen konnte. Insofern lautet die Antwort auf Ihre Frage: Nein, Jesus wäre nicht der Erlöser, wenn er freigesprochen worden wäre. Diese Antwort kann man sogar aus Munde Jesu hören. Jesus kündet an, dass er leiden und sterben wird. Petris will das nicht wahrhaben. Daraufhin sagt Jesus zu ihm: (Mk 8,33) "Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist."

 

Jesu Kreuzigung ist also tatsächlich eine unerlässliche Bedingung, eine Conditio sine qua non, für den christlichen Glauben. Geboren ist dieser Gedanke aber aus der schlichten Tatsache, dass Jesus gekreuzigt wurde. Mit diesem Fakt müssen wir Christen umgehen und uns fragen: Warum? Die Lehre vom Sühnopfer, die im Hebräerbrief angelegt ist, wurde übrigens von Anselm von Canterbury im 11./12. Jahrhundert zur "Satisfaktionslehre" weiterentwickelt, die später auch von den Reformatoren aufgenommen wurde. Sie ist also immer noch eine zentrale Erklärung für den Tod Jesu.

Wenn Sie einen anderen Weg gehen möchten, tun Sie das ruhig. Sie können auch sagen, dass Jesus sterben musste, weil Gott eben ganz Mensch wurde, und dazu gehört eben auch, das er starb. Oder Sie können mit der Apostelgeschichte sagen: Es musste so geschehen, weil Gotte es so geplant und bereits seinen Propheten offenbart hatte. Oder Sie haben eine ganz andere Antwort. Nur: am Tod Jesu kommen wir eben nicht vorbei.

 

Ich grüße Sie ebenfalls in die nachösterliche Zeit hinein!

Ihr Frank Muchlinsky

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