Wir bei Gott oder Gott bei uns und das heilige Land?

gestellt von Susanne am 13. August 2013

Hallo Herr Muchlinsky,

ich habe mal wieder Bibelstellen gefunden, die sich wesentlich voneinander unterscheiden und doch das gleiche Thema behandeln. Oder nicht? Im Text zur Auferstehung der Toten in 1. Thessalonicher 4,13-18 ist zu lesen, dass die Toten auferstehen werden und zusammen mit denjenigen, die zu dieser Zeit noch leben, in den Himmel entrückt werden zu Gott. Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen. Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. So tröstet euch mit diesen Worten untereinander. (1. Thessalonicher 4,13-18) Im Text: "Das neue Jerusalem" in Offenbarung 21,1-5 und Offenbarung 21,9-14 wird, vom neuen Jerusalem berichtet, dass von Gott aus dem Himmel herab kommt und Gott dann bei den Menschen wohnen wird. Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß sprach: Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,1-5) Und es kam zu mir einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen mit den letzten sieben Plagen hatten, und redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir die Frau zeigen, die Braut des Lammes. Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem herniederkommen aus dem Himmel von Gott, die hatte die Herrlichkeit Gottes; ihr Licht war gleich dem alleredelsten Stein, einem Jaspis, klar wie Kristall; sie hatte eine große und hohe Mauer und hatte zwölf Tore und auf den Toren zwölf Engel und Namen darauf geschrieben, nämlich die Namen der zwölf Stämme der Israeliten: von Osten drei Tore, von Norden drei Tore, von Süden drei Tore, von Westen drei Tore. Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes. (Offenbarung 21,9-14) Ich glaube sogar, dass dieses "Neue Jerusalem" dort sein wird, wo das "Alte Jerusalem, das heutige Jerusalem" ist. Das Land, in dass Gott sein auserwähltes Volk vor langer Zeit geführt hat. Ins Land, darin Milch und Honig fließt, ins heilige Land. Dieses Land wird immer das heilige Land bleiben, auch wenn es heute nicht so danach aussieht. Was sagt die Theologie dazu? Auf Ihre Antwort bin ich sehr gespannt.

Herzliche Grüße Susanne

Liebe Susanne,

 

Sie sind uns ja schon als aufmerksame Bibelleserin bekannt. Heute schreiben Sie zu – ja, was ist Ihr Thema? Wenn ich Sie recht verstehe, geht es um Gottes letztlichen Ort in der Welt, um das Bild vom „Neuen Jerusalem“. Dieses Thema identifizieren Sie in den zitierten Bibelstellen. Ich habe mich gefragt, ob das Gemeinsame dieser Texte nicht eher darin liegt, dass sie ihren HörerInnen Trost spenden wollen.

 

Im ersten Thessalonicherbrief wird das Ergehen einzelner Menschen thematisiert. In der Gemeinde, an die Paulus schreibt, sind Menschen verstorben, obwohl die frühen ChristInnen mit der Wiederkunft Ihres Herrn rechneten. Daraus ergab sich die Frage, was denn eigentlich mit den bereits Verstorbenen geschieht, wenn Jesus Christus wiederkommt. Paulus versichert allen, die sich darum sorgen, diese Zeit könnte ihnen zu lang werden, darin, dass Gottes Heil auch den Menschen gilt, die bereits tot sind.

 

In dem von Ihnen zitierten Text aus der Johannesoffenbarung wird ein großes Trostbild entworfen, das sich in erster Linie an Menschen richtet, die sich als Opfer erleben. Christen und Christinnen, die in den frühen Gemeinden viel aufgeben mussten, denen gesellschaftliche Anerkennung entzogen wurde, die verfolgt wurden um ihres Glaubens willen. Das mächtige Bild vom Neuen Jerusalem, das vom Himmel auf die Erde kommt, in dem es keine Mauern gibt und in dem Gott selbst wohnt, zeigt ihnen: Es gibt keinen Raum, der nicht von Gott durchwirkt sein will.

 

An dieses räumliche Bild vom Neuen Jerusalem knüpfen Sie die Frage nach der Heiligen Stadt, dem Heiligen Land an. Paulus war dieses Bild natürlich auch geläufig, er verwendet es in seinem Brief an die Thessalonicher aber nicht, weil seine AdressatInnen, die überwiegend HeidenchristInnen waren, also nicht vorher schon im jüdischen Glauben zuhause waren, dieses Bild nicht im Sinne der Überlieferung der hebräischen Bibel verstanden hätten.

 

Das „Heilige Land“ ist „Reiseziel, Sehnsuchtsort, Krisenherd“ gleichermaßen. Vielfältige Konzepte stehen bereits in der Bibel nebeneinander und werden im Blick auf ihre gegenwärtige Bedeutung so kontrovers diskutiert, dass ich Ihnen dies nicht in wenigen Zeilen darlegen kann. Ich kann Ihnen dazu aber eine jüngst erschienene Orientierung der Evangelischen Kirche in Deutschland empfehlen, wenn Sie dieses Thema näher interessiert: „Gelobtes Land? Land und Staat Israel in der Diskussion. Eine Orientierungshilfe“ (http://www.ekd.de/download/20121024_gelobtes_land.pdf).

 

Die räumliche Metaphorik für Gottes Anwesenheit weist auf die bleibende Verbundenheit des Christentums mit Israel, und zeigt zugleich den universalen Heilswillen Gottes für alles, was er geschaffen hat, an.

 

Hilft Ihnen das für’s Weiterlesen? Ich hoffe es!

 

Freundliche Grüße

Friederike Erichsen-Wendt

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