Erlösung nur durch Jesu Blut?

gestellt von Hermann Bamberger am 28. Januar 2014
Jesus am Kreuz

Foto: Choat Boonyakiat/stock.adobe

Wäre Jesus auch unser Retter und Erlöser, wenn er nicht am Kreuz, sondern eines gewöhnlichen Todes gestorben wäre? Wieso musste als conditio sine qua non Blut fließen? Der liebende GOTT hat es doch nicht "nötig", sich durch Blut besänftigen zu lassen und versöhnt zu werden!? Wieso geht das Heil nur über Golgata?

Lieber Herr Bamberger,

 

Ihre Frage ist durchaus berechtigt und richtet sich vor allem gegen eine bestimmte Art der Auslegung des Kreuzestodes Jesu. Sie schreiben, dass Gott sich hat "besänftige lassen" müssen und "versöhnen". Diese Vorstellung ist über viele Jahrhunderte prägend gewesen, wenn man sich fragte, was denn an Jesu Leben, Sterben und Auferstehung die "Heilstat" war. Schon im frühen Mittelalter bildete sich in dieser Frage heraus, dass man unter dem "Heil" christlicherseits die "Versöhnung", die "Rechtfertigung" und zugespitzt die "stellvertretende Genugtuung" verstand. Die Lehre Anselms von Canterbury, dass Gott die Welt mit sich nur durch das größtmögliche Opfer (nämlich seinen eingeborenen Sohn) versöhnen konnte, ist bis in die Neuzeit das gängigste Erklärungsmodell bewesen.

Kurzgefasst erklärt Anselm den Tod Jesu am Kreuz so: Die Welt ist sündig, Gott unendlich gut. Kein Opfer, das Menschen machen können, kann Gott "besänftigen". Darum wird Gott selbst Mensch. Er ist aber auch als Mensch völlig rein und sündlos, und darum kann dieses Opfer Gott für alle Zeit versöhnen.

Da es aber auch um die Vergebung aller Sünden der gesamten Menschheit geht, muss Jesus auch wirklich geopfert werden. Er muss als Allerniedrigster, als verurteilter Verbrecher hingerichtet werden, so kann er – nach diesem Verständnis – sämtliche Schuld der Welt auf sich nehmen. Das ist nur durch das Opfer am Kreuz möglich und nicht durch einen friedlichen Tod im bett.

 

Diese Opfervorstellung hat sich bis heute gehalten, denn sie wird von der katholischen ebenso wie von der evangelischen Kirche weiterhin gelehrt und bekannt. Im (protestantischen) Augsburger Bekenntnis von 1530 steht zu Jesus Christus "Ebenso wird gelehrt, … dass er (Christus) ein Opfer nicht allein für die Erbsünde, sondern auch für alle anderen Sünden war und Gottes Zorn versöhnte." (Confessio Augustana, Artikel 3). In Artikel 4 wird deutlich, dass der Protestantismus das Heil, das durch Jesus geschenkt wurde, als Rechtfertigung des Sünders vor Gott versteht. Und diese Rechtfertigung geschieht durch den Glauben an das Leiden Jesu: "Es wird weiterhin gelehrt, … dass wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen durch den Glauben, nämlich wenn wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird." (CA, Artikel 4)

 

Dennoch ist Ihre Anfrage, wie eingangs erwähnt, eine durchaus berechtigte und auch eine derzeit viel diskutierte. "Hat Gott es nötig, sich durch ein Opfer besänftigen zu lassen?" Die theologischen Positionen, die sich gegen eine Opfertheologie wenden, haben eines gemeinsam: Sie wollen das Heil, das durch Christus in die Welt kam, nicht allein an seinem Kreuzestod festmachen. Der gewaltsame Tod Jesu wird allerdings nicht infrage gestellt, und das wäre ja auch unsinnig, denn es ist eine der wenigen historischen Tatsachen, die wir über das Leben des Jesus von Nazareth haben, die wenigstens relativ gut (außerbiblisch) belegt sind. (S. hierzu: Art. Jesus von Nazareth, Abschnitt Nichtchristliche Quellen). Ihre Frage ist also eigentlich spekulativ, denn wir müssen davon ausgehen, dass Jesus eben gewaltsam zu Tode kam und nicht friedlich starb.

 

Wie gesagt: TheologInnen, die weg von einer Opfertheologie kommen wollen, nehmen den Weg, dass sie möglichst das Ganze des "Christusgeschehens" in den Blick nehmen, also sein "In-die-Welt-kommen", seine Verkündigung, seine Werke, seinen Kreuzestod und seine Auferstehung. Das Heil, das so in die Welt kommt, liegt dann nicht allein in dem Opfertod, sondern es liegt in dem "Gott in Jesus Christus". Gott hat am menschlichen Leben, am menschlichen Schicksal vollständig teilgenommen. Seine Verkündigung und sein Handeln haben auf das Reich Gottes hingewiesen, und das führt zu seinem Kreuzestod hin und wird letztlich durch seine Auferweckung bestätigt.

 

Wenn Sie sich hier weiter informieren möchten, schlage ich Ihnen den Artikel "Heil und Erlösung" in der Theologischen Realenzyklopädie (TRE), Band 14, Seiten 605-637, insbesondere den Abschnitt IV Dogmatisch.

 

Ich hoffe, ich konnte Ihre Frage angemessen beantworten und grüße Sie herzlich.

Frank Muchlinsky

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