"Du sollst dir kein Bildnis machen" - und Gott ist ein Mann?

Gefragt von Anita Schumacher

Sehr geehrter Herr Muchlinsky

Ich habe folgende Frage, die mich sehr beschäftigt: In den 10 Geboten heißt es u.a., ich solle mir kein Bildnis von Gott machen. Im Verlauf der 10 Gebote wird das Wort "HERR" dann aber sechsmal aufgeführt, - ein Wort, das bei mir eindeutig das Bild vor Augen entstehen lässt, dass Gott ein Mann ist (bzw. eine männliche "Instanz").

Ich persönlich bekomme so schon beim Lesen der 10 Gebote ein "Bildnis" vor Augen... In weiteren Verlauf der Bibel wird Gott dann metaphorisch als König, Richter, HERR/Meister, Vater und Hirte dargestellt (zu einer Zeit, wo es in Ägypten und Israel (Atalja) schon Königinnen und in China sogar eine Kaiserin gab, also "ER" wäre nicht die erste Königin gewesen, hätte ER sich in der Bibel so offenbart). Einzige Ausnahmen bleiben die Stellen, wo ER (=männlich) bzw. dann eben recht einmalig "sie" als schwanger beschrieben wird bzw. als Amme, die ein Kind trägt bzw. das Bild eines Adlers benutzt wird. Gott schickt einen Sohn auf die Welt, der seinerseits dann 12 Apostel aussucht, auf deren Überlieferungen dann die Kirch aufbaut (Das Evangelium der Maria Magdalena wurde als häretisch abgestempelt).

Gottes Botschaft ist doch zeitlos und nicht an historische Gegebenheiten und soziologische/gesellschaftliche Strukturen gebunden. ER wusste doch von sich, wer ER war, bevor die Gesellschaft Frauen einen besseren sozialen Status einräumten, als es damals der Fall war. Warum wir das Bild von Gott dann (fast) ausschließlich männlich transportiert, obschon wir uns kein Bildnis machen dürfen? Es gäbe doch unzählige andere Bilder, mit denen Gott eben DOCH ein "Bild" von sich hätte vermitteln können, welches aber nicht den sehr starken Eindruck hinterlässt, Gott sei eine männliche Instanz - denn dieses "Bild" bekomme ich beim Lesen der Bibel unweigerlich...

Vielen herzlichen Dank für Ihre Antwort!

 

 

Liebe Schreiberin, da Pastor Muchlinsky in Urlaub ist, reagiere ich gerne auf Ihre Frage. Ein Lebensthema von mir, das Sie da ansprechen!

"Du sollst dir kein Bildnis machen" - ist eine der wichtigsten Erinnerungen, die uns die Bibel gibt. Dieser Vers ist mein Trauspruch - gerade in Ehen braucht es diese Erinnerung immer wieder, sich nicht festzuleben. Aber nicht nur. Ich glaube, wir Menschen haben die Neigung in uns zu fixieren und Bilder zu machen. Diese führen einen aber in die Enge.

Gott hat sich Mose mit seinem Namen am brennenden Dornbusch gezeigt. Sein Name auf hebräisch hat die Buchstaben יהוה (von rechts nach links gelesen) = JHWH. Dies ist eine Buchstabenfolge , die man eigentlich nicht aussprechen kann. "Jahwe" kommt dem am nächsten. Die Übersetzung dieses Namen kann sein "ich bin da" oder "ich bin, die ich bin" oder "ich bin, der ich bin."  und "ich bin die/der ich sein werde" ...

Das ist der eigentliche Name Gottes: ICH BIN DA. Wann immer in der hebräischen Bibel diese vier Buchstaben stehen, wurde in der griechischen Übersetzung "Kyrios" geschrieben - und im Deutschen hat man dies in der Lutherbibel mit "HERR" wieder gegeben. In vier großen Buchstaben. Dies klingt nun für uns logischerweise sehr männlich und das Kopfkino das beginnt, lässt männliche Bilder aufsteigen.

Es gibt allerdings auch andere Bibelübersetzungen. Die "Bibel in gerechter Sprache" versucht diese männliche Fixierung aufzulösen.

Übrigens: Ein frommer Jude spricht beim Lesen das JHWH nicht als "Jahwe" aus - sondern sagt "Adonai" aus Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Gottesnamens.

Die Bibel hat auch noch weitere Bilder und Vergleiche. So gibt es den weibliche Vergleich: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." (Jesaja 66,13)

Wie Sie schreiben, Gottes Botschaft ist  zeitlos und nicht an historische Gegebenheiten und soziologische/gesellschaftliche Strukturen gebunden. Ja, genau so ist! Aber immer wieder machen sich Menschen Bilder  - und da wir in patriarchalen Strukturen leben - sind die Gottesbilder oft männlich. Deshalb kommen Ihnen, liebe Schreiberin, vermutlich unweigerlich männliche Bilder in den Kopf beim Lesen der Bilder. Die Bibel an sich gibt diese Enge eigentlich nicht vor (wobei sie natürlich auch stärker männlich als weiblich geprägt ist).

Fakt ist aber:

יהוה kann  nicht nur männlich übersetzt werden "ich bin, der ich bin" sondern auch "ich bin, die ich bin".

Gott sprengt die Dimension von männlich und weiblich. Das finde ich sehr faszinierend!

Auch finde ich faszinierend, dass Jesus Gott mit "Abba" anredet - in seiner Sprache ist es das, was Kinder zu ihrem Vater UND ihrer Mutter sagen. So wie bei uns Mama/Papa - aber eben ein Ausdruck für beide Elternteile.

Gottes Segen für Sie - möge Gott ihren Segen auf Sie legen, liebe Schreiberin.

Herzlich, Ihre Sabine Löw

 

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Kommentare

Ich denke bei dem Gebot: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen........... daran, dass wir uns keinen "Ersatzgott" zusammenbasteln und anbeten sollen. Die Volk Israel hat sich einen "Ersatzgott" in Form eines "Goldenen Kalbes" gemacht, es angebetet und gefeiert. (2. Mose 32,1-6) Das war nicht in Ordnung.

Auch in unserer Zeit gibt es vieles, was zum "Gottesersatz" werden kann. Ich denke, das sind all die Dinge, die uns so sehr beeinflussen, dass wir den Überblick und das was wirklich wichtig ist im Leben, nämlich Gott, aus den Augen verlieren.

Ich finde in dem Zusammenhang das Wort Jesu wichtig (Joh. 14,7) : "Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen". Und gleich danach Jesu Antwort auf die Bitte des Philippus "Herr, zeig uns den Vater: das genügt uns". Es ist wohl unsere aufgeklärte Hartherzigkeit, die hier eindimensional geschlechtsspezifisch denkt und diesen Punkt geklärt sehen will. In dem Maß wie in unserer Gesellschaft das Idealbild des liebenden Familienvaters eleminiert wird, scheint auch unser Gottesbild undeutlich zu werden. Denn mit der Beziehung des liebenden Vaters zu seinem Sohn versucht uns Jesus ja die Mensch-Gott-Beziehung näher zu bringen (Mt. 7,9-11): "Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten."

Ich bin ein Verfechter der Absolution der 10. Gebote.
Wenn wie in der Bibel mehrfach zu lesen, sich der Teufel, falsche Propheten, mehrfach als Engel oder Heilige ausgeben und Gesetze erlassen, Zeichen und Wunder tun, die Augenscheinlich richtig sind, macht mich das von Anfang an stutzig. Die 10 Gebote beinhalten du sollst...du sollst..du sollst..nicht töten usw. Aber wie steht das zum Kontext zu Jesus Lehren? Sei der Fall gesetzt, du selbst hättest mittels eines Knopfes die Möglichkeit einen Menschen zu töten der unmittelbar im Begriff ist in eine Tankstelle zu laufen, vollbepackt mit Sprengstoff. In der Tankstelle befinden sich 3 Mütter, 2 Herren und 4 Kinder. Durch das Auslösen des Knopfes würdest du diesen Menschen töten um 9 Leben zu retten. Würdest du den Knopf nicht drücken um dich des Gebotes "Du solllst nicht töten" nicht schuldig zu machen? Bist du aber in diesem Moment nicht der vermeintliche Henker der 9 Anderen? 9 Menschen ahnen nichts. Einer aber, weiss Ganz genau was er tut, er verfolgt das Werk des Bösen, er möchte Leben auslöschen, er handelt wider Gottes Gesetz. Durch das Auslösen des Knopfes würde ich eine bereits verlorene Seele preisgeben um 9 Seelen der Hoffnung (Hoffnung weil ich nicht wissen kann ob sie Gerecht sind) zu retten. Gott ist die Liebe, das Leben, das Licht, die Gerechtigkeit. Jemand der die 10. Gebote zuliebe Gottes einhalten möchte ist sichtlich bemüht das "Richtige" zu tun, aber sieht er das Licht?
Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.