Wie betrachten Sie Kain und Abel?

Gefragt von Franz Kohlman

Ich habe eine frage über Kain und Abel wie betrachten sie die Geschichte?

Die Erzählung von Kain und Abel in 1. Mose 4, 1-16 (siehen auch unten)  ist Teil der Erzelterngeschichten.  Inhaltlich geht es dieser Gattung nicht um die historisch korrekte Darstellung der Vor- und Frühgeschichte der Menschheit, sondern um Wesensaussagen über die für den Menschen und seine Welt grundlegenden Ordnungen. 

Kain und Abel sind die Söhne des ersten Menschenpaares Adam und Eva. Sie haben die Berufe Ackerbauer und Hirt. Diese entsprechen kulturgeschichtlich den beiden Grundberufen der Menschheit. Für Kain, den Ackerbauer, ist die Konzentration auf den Lebensraum, dessen Kraft er sich dienstbar machen will, entscheidend; das Hirtesein Abels hingegen bildet ein Ideal ab: das einer „Wanderexistenz“ des Menschen, der geformt und mit seiner ganzen Existenz der Führung Gottes zugeordnet und auf sie hin in seiner Daseinsgestaltung unterwegs ist.

Auch das Opfer der beiden Brüder spiegelt die unterschiedliche Einstellung dem Schöpfergott gegenüber wider. So wird, was in der Exegese zu dieser Stelle zumeist unberücksichtigt bleibt, allein das Opfer Abels als ein Erstlingsopfer (bəkhorāh) qualifiziert ( Erstlingsfrüchte / Erstgeburt/Erstlinge), wodurch dieser, da das Erste immer das Angeld des Ganzen ist, anerkennt, dass alles, was dem Menschen verliehen ist, Gabe Gottes ist und letztlich ihm gehört. Eben diesen Aspekt der ganzheitlichen Übereignung an Gott lässt das Opfer des Kain vermissen. Die unterschiedliche Akzeptanz der beiden Opfer von Seiten Jahwes hebt im Falle Abels hervor, dass ihm das Wohlgefallen Gottes gilt, ohne damit schon die Verwerfung Kains zu implizieren, wenn Jahwe dessen Opfer nicht anschaut. Entscheidend für den Fortgang der Handlung ist, dass Kain, in die Entscheidung gestellt, diese Ungleichheit nicht erträgt und sein brennender Zorn im Brudermord endet.

Da aber dem Schöpferwillen Jahwes gemäß das Bruderverhältnis mit in die Entfaltung des Menschen in der Geschichte gehört, tritt Jahwe dem Brudermörder mit einer schuldaufdeckenden Frage als Anwalt Abels entgegen. Kain jedoch bestreitet die ihm aufgegebene Hinwendung zum Bruder.

.Das Strafurteil Jahwes ergeht in Form eines Tun-Ergehen-Zusammenhangs, der die Auswirkungen der Schuld Kains auf seinen Lebensraum und für ihn selbst die Verurteilung zu einer gejagten und wurzellosen Existenz bedeutet.  Er bekommt auf die Stirn ein Zeichen, das Kainsmal. Damit versinnbildlicht das Zeichen parabolisch die Hinwendung Gottes zum Sünder, der in den göttlichen Plan einbezogen bleibt und dem somit ein Raum für die Umkehr zugewiesen wird. Der Text schließt mit dem Hinweis, dass Kain das Angesicht Jahwes verlässt und sich an einen Ort begibt, dessen Name parabolisch zu verstehen ist, weshalb Versuche einer geographischen Lokalisierung (vgl. Görg) zum Verständnis der Aussage wenig beitragen. Nod – das Land der Ruhelosigkeit und Heimatlosigkeit (vgl. hebräisch nūd „schwanken / fliehen“) liegt „gegenüber“ (die hebräische Präposition qdmh ist im Blick auf Eden oppositiv zu verstehen) von Eden, dem Ort der ungetrübten Gemeinschaft mit Gott und ist somit ein Hinweis auf ein Leben, das im Blick auf das von Gott ursprünglich gewollte gebrochen ist.

 

Im Zusammenhang der biblischen Urgeschichte weist die Kain-und-Abel-Erzählung darauf hin, dass der Mensch nicht nur Eva und Adam, sondern auch Kain und Abel ist. Steht Adam für den von Gott geschaffenen und zu einer Geschichte der Führung mit ihm bestimmten Menschen, der sich aber als anfällig für das Böse erweist und Eva für "das Leben", so ist Kain für den Sünder, der seinem Mitmenschen gegenüber Gewalt als Mittel der Selbstbehauptung gebraucht. Abel hingegen weist auf die Tatsache hin, dass der Mensch auch zum Opfer der Gewalt unter Missachtung seiner Würde und Rechte wird, weil man in ihm nur einen „Windhauch“ sieht.

Für mich wird durch diese Erzählung besonders deutlich, dass es besonders schwer ist, sich unter "Brüdern" zu lieben .... Die ersten Brüder endeten in Mord und Totschlag. Die Bibel beschönigt den Menschen nicht.

Mit vielen Grüßen, Sabine Löw

Hier der biblische Text:

Kains Brudermord

1 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. 
2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 
3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 
4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 
5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 
6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 
7 Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 
8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. 
9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 
10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.
11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. 
12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.
13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.1 
14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. 
15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. 
16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.
 
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Kommentare

Eine super, sehr interessante Antwort. Ich denke, da gibt es nichts hinzuzufügen. Wieder neue Erkenntnisse gewonnen. Danke!