Kinderabendmahl in der reformierten Kirche

gestellt von Susanne Beer am 1. März 2016

Guten Tag. Am Sonntag gab es bei uns in der Kirche Abendmahl, meine Freundin und ich diskutierten ab wann man in der Reformierten Kirche zum Abendmahl zugelassen ist. Ich bin der Meinung, dass man erst nach der Konfirmation das Abendmahl nehmen darf. Sie können mir bestimmt genau sagen wie es ist und ob sich das in der Schweiz und in Deutschland gleich verhält. Besten Dank Mit freundlichen Grüssen Susanne Beer aus der Schweiz

Liebe Frau Beer,

da fragen Sie ja eine württembergisch-lutherische Theologin etwas :-) . Also in meiner Landeskirche Württemberg haben wir mittlerweile qua Synodenbeschloss das Kinderabendmahl: Das heißt, nicht mehr ab der Konfirmation ist Teilhabe möglich, sondern bereits ab der Taufe. 

Sie sagten, Sie haben gerlernt, erst ab der Konfirmation. Ja, das ist richtig - so wurde früher gelehrt. Ein wichtiges Argument gegen das Kinderabendmahl war stets: Kinder begreifen die Bedeutung des Abendmahls nicht. Erst mit der Konfirmation sind sie hinreichend informiert, um zum Abendmahl zugelassen zu werden.

Dagegen spricht, dass zum einen das Abendmahl niemals vollständig mit dem Verstand begriffen werden kann, sondern stets ein Geheimnis bleibt. Zum anderen können Kinder sehr wohl auf eine ihnen entsprechende Weise begreifen, dass das Abendmahl sich von einer gewöhnlichen Mahlzeit unterscheidet. Weiter würde ein Beharren auf dem Vernunftargument bedeuten, dass z.B. auch Menschen mit Demenz oder Behinderung nicht am Abendmahl teilnehmen dürften.Gefeiert wird mit Traubensaft statt mit Wein - aber das sollte man eh in Rücksicht auf Menschen mit Alkohlproblemen.

Jetzt fragen Sie nach der reformierten Kirche. Meine Recherchen ergaben:

Die reformierten Kirchen der Schweiz lassen Kinder schon seit Jahrzehnten zu. Die reformierte Kirche in Deutschland teilte mir gerade am Telefon mit, dass auch bei ihnen bereits seit langem Kinder zugelassen seien. Auch da war dies ein Synodenbeschluss. Die einzelnen Kirchengemeinden entscheiden dann darüber. Aber es sei Usus eigentlich, dass Kinder teil nehmen. Bzw. : alle Getauften nehmen teil, unabhängig von der Konfirmation.

Grundsätzlich gilt für das Kinderabendmahl immer, dass eine Zurüstung oder eine Vorbereitung der Kinder stattfinden soll.

Das hier fand ich auf einer reformierten Seite von Prof. Dr. Georg Plasger:

"Ich bin gebeten worden, auf die Frage des Kinderabendmahls einzugehen. Es geht dabei um die Frage, ob Kinder beim Abendmahl teilnehmen dürfen oder nicht. Es war lange Zeit in vielen reformierten Gemeinden so – und das ist es zum Teil noch bis heute – dass die Konfirmation die Zulassung zum Abendmahl war. Aber bevor ich darauf genauer eingehe, will ich ganz kurz auf die Hintergründe der Problematik verweisen. Ursprünglich in den ersten Jahrhunderten waren die Kinder wohl weitgehend beim Abendmahl dabei; relativ sicher ist das jedenfalls ab dem Zeitpunkt, von dem an es die Kindertaufe gab – in den orthodoxen Kirchen ist das heute noch so. Entscheidend als Voraussetzung war immer schon die Taufe. Nun hat es ungefähr bis ins zwölfte und dreizehnte Jahrhundert in der damaligen Westkirche, d.h. in dem Gebiet, zu dem wir auch gehören, eine ganz bestimmte Tendenz gegeben. Immer mehr standen, vor allem durch die Theologie des Thomas von Aquin bestimmt, die Elemente im Mittelpunkt. Und das “ist” wurde immer stärker betont: Das Brot ist der Leib Christi und der Wein ist das Blut Jesu Christi. Das führte zur so genannten Transsubstantiationslehre, die besagt, dass die Elemente sich verändern. Die Substanz verändert sich, während die äußere Erscheinungsweise gleich bleibt. Anders und etwas hemdsärmelig gesagt: Sieht aus wie Brot, schmeckt wie Brot, ist aber kein Brot. Und beim Wein gilt das Entsprechende – die Elemente werden durch den Priester gewandelt. Das hat dann Konsequenzen für die Praxis der Eucharistie gehabt. Einmal den Wein betreffend. In der römisch-katholischen Theologie gab es nie ein Verbot des Laienkelchs, also dass alle den Wein trinken. Aus pragmatischen Gründen aber wird der Kelch nicht weitergegeben, weil die Gefahr des Verschüttens so groß ist. Und beim Brot war es dasselbe. Weil Kinder so viel krümeln – meine jedenfalls –, wurde den Kindern die Teilnahme an der Eucharistie verwehrt – auf dem Laterankonzil 1215 wurde beschlossen, dass Kinder erst ab sieben Jahren kommunizieren dürfen; später wurde dieses Alter auf 13-14 Jahre hochgesetzt, dann im 19. Jahrhundert wieder auf sieben Jahre herabgesetzt.

Die Reformatoren also kannten kein Kinderabendmahl. Aber die Begründung der damaligen römisch-katholischen Theologie konnten sie mit ihrem Abendmahlsverständnis, egal ob lutherisch oder reformiert, nicht übernehmen. Deswegen haben sie eine andere Kategorie eingeführt: Das Verstehen dessen, das Verstehen des Abendmahls. Und deshalb ist die Konfirmation als Zeitpunkt, an dem die Konfirmanden ihr Verstehens-Ja sprechen konnten, zum entscheidenden Kriterium gemacht worden.

Die Ablehnung des Abendmahls mit Kindern hatte noch einen anderen Grund: Bei Paulus heißt es in 1. Kor 11, dass man nicht unwürdig das Abendmahl essen solle, “weil wer so isst und trinkt, der isst und trinkt sich selber zum Gericht.” (1. Kor 11,29). Dieser Vers hat übrigens zu bestimmten Abendmahlspraktiken geführt, die in Ostfriesland besonders stark sind, weil vor allem der Pietismus die Gewissenserforschung zum Ausgangspunkt machte: Hier gehen zum Abendmahl ganz viele deshalb nicht, weil sie sich nicht würdig genug fühlen. Und bei Kindern wurde die Gefahr des Unwürdig-Essens noch größer gesehen. Hier ist die heutige exegetische Forschung zu deutlich anderen Ergebnissen gekommen. Die Ausgangssituation in Korinth war, dass die Gemeinde erst ein normales Abendessen zu sich nahm und anschließend das Abendmahl feierte. Die Reicheren hatten genug zu essen, andere hungerten. Wenn dann das Abendmahl gefeiert wird, ist das ein Affront – Gemeinschaft wird nicht gelebt, sondern gestört. Denn es wird nicht geteilt, sondern die Ungleichheit beinahe überhöht. Und das ist geradezu ein Angriff auf die eigentliche Bedeutung des Abendmahls, weil es darum geht, als Gäste am Tisch des Herrn zu feiern – und nicht vorhandene Unterscheide zu überhöhen und Ungleichheiten, die eh schon bestehen, gleichsam mit dem Abendmahl zu legitimieren. Es hat aber das Abendmahl weniger mit der Würde des oder der Einzelnen zu tun. Oder anders und knapp gesagt: Es ist das Abendmahl eine Stärkung der Sündern und nicht eine Vergewisserung der Gerechten.

Was heißt nun der Duktus meines Vortrags für das Kinderabendmahl heute? Ich bin nicht der Meinung, als bedeutet die Konfirmation den entscheidenden Einschnitt für die Feier des Abendmahls. Vielerorts gibt es die Praxis, dass die Behandlung des Abendmahls im kirchlichen Unterricht geschehen sein sollte, bevor eine Teilnahme erlaubt wird. Daran ist etwas Richtiges gesehen: es geht auch um das Verstehen dessen, was da geschieht. Aber dieses Verstehen ist keineswegs alleine kognitiv, es geht ja um die göttliche Pädagogik. Und – Sie werden sich vielleicht erinnern – das Feiern des Passahmahles geschah in der jüdischen Familie, und da fragt das Kind, das also mitfeiert.

Ich habe also überhaupt kein Problem, Kinder zum Abendmahl zuzulassen. Aber man sollte dabei insgesamt das Abendmahl nicht reduzieren auf einen Symbolakt. Im Mittelpunkt des Abendmahls steht das Gedenken des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Und das Ziel muss es sein, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen am Abendmahl auch verstehen können, was da geschieht. Die Passahfeier hat dieses Erklären zum Inhalt – da darf gefragt werden, da ist das Fragen, das Gespräch über Inhalte gleichsam Programm. Und deswegen brauchen wir in unseren Gemeinden diese Momente des Verstehens. Für Kinder – und für Erwachsene. Das Abendmahl ist kein Mysterium, sondern Feier der Gemeinschaft – mit Gott und untereinander. Es macht Kinder froh – und Erwachsene ebenso."

 

Mit herzlichen lutherischen Grüßen, Ihre Sabine Löw

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Kommentare

Ab Vollendung des 12. Lebensjahres darf man ein Kind nicht mehr gegen seinen Willen zum Abendmahl mitnehmen oder gegen seinen Willen in einem anderen Bekenntnis als bisher erziehen.

Bereits ab dem 10. Lebensjahr ist das Kind "zu hören" wenn es z.B. nicht am Abendmahl teilnehmen will oder in einem anderen Bekenntnis erzogen werden will.

Alle Kinder unter 10 Jahren müssen das tun, was die Erziehungsberechtigten wollen: z. B. am Abendmahl teilnehmen, ob sie nun verstehen um was es geht oder nicht, spielt keine Rolle. Meiner Meinung nach ist das Manipulation, also Beeinflussung von kleinen Kindern, zum eigenen Vorteil. Die Einflussfaktoren sind für Kinder nicht durchschaubar. Und zu guter Letzt wird dann den Jugendlichen mit 14 Jahren vorgegaugelt, dass sie ihre Religion frei wählen dürfen??? Frei entscheiden dürfen??? Nachdem sie ihre komplette Kindheit in eine gezielte Richtung bearbeitet wurden? ÄHEM! Da entsteht doch ein völlig falsches Bild! Bei diesem Bluff sollten die Kirchen eigentlich nicht mitspielen!

Zitat von Susanne Beer: "Gefeiert wird mit Traubensaft statt mit Wein - aber das sollte man eh in Rücksicht auf Menschen mit Alkohlproblemen". Meiner Meinung nach sollten Sie und die Kirchen endlich damit aufhören, erwachsenen Menschen vorzuschreiben, ob sie Alkohol trinken sollen oder besser nicht. Es reicht doch völlig aus, dass man Kinder unter 10 Jahren, gezielt lenken und Vorschriften machen kann.

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