Rechtfertigung allein durch Glauben – also nicht für alle Menschen?

Gefragt von Juliane

Liebe Redaktion, nach Luthers Rechtfertigunglehre werden wir allein aus dem Glauben gerechtfertigt. Gleichzeitig bezieht sich Gottes Liebe auf alle seine Geschöpfe, oder? Ich frage mich nun, ob ich aus christlicher Perspektive argumentieren kann, dass alle Geschöpfe von Gott dem Vater und dem Sohn geliebt werden (und also auch erlöst werden), auch wenn sie nicht an ihn/sie glauben? In anderen Worten frage ich mich also, ob Atheist*innen auch von Gott geliebt werden und durch Jesus erlöst werden? Nach Luthers Rechtfertigungslehre übernähme Christus für Atheist*innen keine Stellvertretung im Jüngsten Gericht, oder? Herzliche Grüße, Juliane

Liebe Juliane,

 

vielen Dank für diese spannende und ein bisschen vertrackte Frage. Die theologische Literatur zur Frage nach der Rechtfertigung würde eine ganze Bibliothek füllen. Extrempositionen gibt es dabei genauso wie abwägende und vorsichtige Haltungen. Ich versuche einmal, mein Verständnis hier ein wenig schlanker darzulegen.

 

Nach evangelischer Auffassung geschieht Rechtfertigung vor Gott nicht durch eigene Verdienste, sondern zunächst aus Gnade. So steht es im vierten Artikel des Augsburger Bekenntnisses. Anders als die damalige römische Lehre, bekennen die Protestanten, dass man sich einen gnädigen Gott nicht durch Taten verdienen kann. Die göttliche Gnade (und seine Liebe) ist in meinem Verständnis zwar umfassend und gültig für alle Geschöpfe. Im zweiten Satzteil des Artikels heißt es aber weiter: „... aus Gnade um Christi willen durch den Glauben, nämlich wenn wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird.“ Der Glaube hängt also in der evangelischen Lesart eng mit der Rechtfertigung zusammen. Heißt das nun, dass alle, die nicht oder anders glauben, keine Chance auf Rechtfertigung haben? Luther selbst hatte mit der Vorstellung einer ewigen Verdammnis für Ungläubige weniger Probleme, als wir das heute tun. Da haben Sie recht. Auch heute gehört die Vorstellung eines Jüngsten Gerichts fest zur Vorstellung der christlichen Kirchen. Dort stehen alle Menschen vor Gott und mit ihnen auch alle ihre Sünden. Wie das ausgeht, ist wiederum von der göttlichen Gnade abhängig.

 

Nach evangelischem Verständnis hängt die Rechtfertigung des Menschen durch Gott zusammen mit der Annahme, dass alle Menschen Sünder sind. Damit ist eine grundlegende, negative Aussage über den Menschen an sich gemacht. Niemand kann sich durch besonders gute Taten oder besonderen Glauben mehr göttliche Gnade verdienen. Alle Menschen sind Sünder – ChristInnen wie AtheistInnen. Auch diejenigen Menschen, die ihr Leben nach Christus ausgerichtet haben, haben keinen „Freibrief“. Alle Menschen bedürfen göttlicher Gnade. In diesem Glauben hoffe ich letztlich darauf, dass Gott mit seinen Geschöpfen jeder (nicht-/religiösen) Überzeugung gnädig „ins Gericht geht.“

 

Herzliche Grüße

Helge Bezold

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