Der neue Leib bei Ezechiel?

gestellt von Susanne am 18. Juli 2018
Bibel Ezechiel

Foto: Andrew White/stock.adobe

Hallo Frau Heu,

ich forsche und lese sehr gerne in der Bibel. Nun bin ich bei einer solchen "Bibelforschung" auf einen Text im Alten Testament (AT) gestoßen, der, wie schon viele Bibeltexte zuvor, besonderes Interesse in mir geweckt hat.

Es geht um den Bibeltext unter Hesekiel 37,1-14 (Israel, das Totenfeld, wird durch Gottes Odem lebendig) Meine Frage dazu ist diese: Wird mit diesem Text, bereits im AT, die Auferstehung von den Toten und die Entstehung eines neuen Leibes beschrieben?

Später, im Neuen Testament (NT), wird in 1. Korinther 15,1-58 (Von der Auferstehung) sehr ausführlich über das Thema Auferstehung und den neuen Leib geschrieben.

In beiden Texten wird also von der Entstehung von etwas Neuem, einem neuen Leib, berichtet und doch lesen sich beide Texte total unterschiedlich.

Können Sie mir, aus Ihrer Sicht, etwas über diese Texte schreiben? Ist es richtig von mir gedacht, wenn ich diese beiden Texte in Verbindung zueinander bringe und sehe?

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen und bedanke mich schon heute für Ihre Mühe.

Herzliche Grüße
Susanne

Liebe Susanne,

vielen Dank für Ihre Frage. Schön, dass Sie so regelmäßig und engagiert die Bibel lesen.

Dabei sind Sie auf zwei Schlüsselstellen gestoßen und mit Ihrer Frage sprechen Sie, wahrscheinlich ganz unbewusst, einen der größten grundsätzlichen Diskussionspunkte in der Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament an. Es handelt sich um die Frage, inwiefern wir Texte aus dem Alten Testament (AT) auf das Neue Testament (NT) hin deuten können, sie also christologisch verstehen. Aus einer rein jüdischen Perspektive, denn mit den Juden teilen wir ja das AT, ist dies unmöglich. In der christlichen Tradition ist dieses Spannungsfeld jedoch weiterhin ungelöst und streckt sich von „wir können und müssen das AT christologisch verstehen um uns als Christen zu verstehen“ hin zu „das AT kann und darf nicht auf das NT hin gedeutet werden“. So viel möchte ich Ihnen zu Beginn an die Hand geben, damit Sie die Frage noch einmal von einer anderen Seite betrachten können.

Unter dieser Fragestellung führe ich nun gern aus, wie die Sachlage zur bekannten Totenfeldszene aus Ezechiel (Ez 37, 1-14) in Bezug auf die Auferstehung, die wir aus dem NT kennen, aussieht. Die Vorstellung des „neuen Leibes“ ist eine paulinische Erfindung, d.h., dass sowohl der Begriff, als auch die Idee dahinter von Paulus (der 1Kor wird datiert auf ca. 54 n. Chr.) stammen. Davor haben wir keine schriftlichen Belege für eine ähnliche Vorstellung. Außerdem passen die hebräische und die griechische Vokabel, die in den Urtexten verwendet werden, nicht zueinander. Sicher ist Ihnen geläufig, dass sowohl im Hebräischen, als auch im Griechischen, ein Wort nicht nur eine Sache bedeutet, sondern, dass meist ein ganzes Konzept mit diesem einen Wort ausgedrückt werden soll. So ist es auch in diesem Fall. Die Begriffe für den „Leib“ und das „lebendig machen“ bzw. den „Odem“ oder das „Fleisch“ können linguistisch und etymologisch betrachtet nicht miteinander in Verbindung gebracht werden. Damit kann Ihre erste Frage, ob die Totenfeldszene (im Buch des Propheten Ezechiel aus der Zeit des babylonischen Exils, ca. 550 v.Chr.) auf den „neuen Leib“ hin gedeutet werden kann, schon mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden. Der exegetische Befund zeigt, dass das rein chronologisch nicht möglich ist. Ich möchte an dieser Stelle noch anfügen, dass ich sehr sicher bin, dass wenn Paulus ein Zitat aus dem AT gekannt hätte, welches den neuen Leib oder den neuen Körper beschreibt, dass er dieses dann an dieser Stelle zitiert hätte. In 1Kor 15 zitiert er Ezechiel nicht. Das heißt, dass wir nicht davon ausgehen können, dass die beiden Stellen zusammenzudenken sind. Nichtsdestotrotz passiert es oft, dass, ähnlich wie es Ihnen auffällt, die beiden Vorstellungen miteinander assoziiert werden.

Trotzdem ist Ez 37 ein wichtiges Kapitel, wenn es darum geht, dass das Volk Israel im AT eine Auferstehungshoffnung entwickelt. Damit ist nicht gemeint, dass der Messias, der im Judentum bis heute erwartet wird, aufersteht und die Menschen es ihm gleich tun werden. Das wäre erneut ein christliches Bild der Auferstehung. Sondern es ist eine Hoffnung gemeint, dass die Toten auferstehen werden und damit nicht für immer in einem dunkel angenommenen Totenreich verweilen, also die Idee, dass es nach dem Tod in einer gewissen Art und Weise, die wir nicht kennen, weitergeht. Die Vorstellung der Auferstehung findet sich im AT, ebenfalls als Entwicklung dieser Auferstehungshoffnung, außerdem in Dan 12. Lesen Sie auch gern dort noch einmal nach und vergleichen Sie diese Stelle mit Ez 37. Eine Vorstellung eines neuen Leibes oder eines neuen Körpers durch die Auferstehung, wie sie bei Paulus zu finden ist, finden wir im AT aber nicht.

Eine weitere bekannte Auferstehungsbotschaft im AT findet sich bei Jes 26, 19: „Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten herausgeben.“ Wie Sie sehen, ist aber auch hier nicht die Rede von einem neuen Leib oder einem neuen Körper.

Nun möchte ich abschließend noch den Blick ins NT werfen. Sie haben recht, dass sich beide Texte völlig verschieden lesen. Das hat mit ihrer unterschiedlichen Entstehungszeit zu tun: das AT in der Zeit des Alten Orients bzw. Ezechiel in der Zeit des babylonischen Exils und Paulus viel später zu politischen Zeiten des römischen Reichs und in der Antike. Andere Denkmuster prägten die Menschen. Die Intension der beiden Abschnitte, das kann man wohl ganz allgemein sagen, ist jedoch eine ähnliche. Ezechiel als Prophet widmet sich den Diskussionen und Auseinandersetzungen der deportierten Juden in Babylon, die sich in ihrer Unterordnung Gemeinsamkeiten erarbeiten müssen, die sie als Volk Israels identifizieren. Dazu zählt auch, was wir heute eine „eigene Theologie“ nennen würden. Was nach dem Tod passiert, ist eine genuin menschliche Frage, d.h., dass sich wohl jeder Mensch irgendwann einmal damit auseinandersetzt – somit auch das Volk Israel in Babylon. Ganz ähnlich ist es bei Paulus, der durch die Gründung der Gemeinden ebenso eine eigene Theologie erarbeitet. Seine gegründeten Gemeinden fragen ihn, wie sie sich in Bezug auf bestimmte Fragen positionieren und verhalten sollen. Paulus geht dabei eher präskriptiv vor und schreibt Regeln und Handlungsanweisungen vor, während wohl die Israeliten in Babylon eher untereinander eine jüdische Theologie durch sog. „identity marker“, erarbeitet haben.

Um nun abschließend noch einmal auf Ihre Frage zu kommen, ob es richtig ist, dass sie Ez 37 und 1Kor 15 miteinander in Verbindung bringen, dann antworte ich darauf mit einem klaren Jein. Denn ja, es ist richtig, dass Sie das AT und das NT lesen und versuchen Gemeinsamkeiten zu finden. Nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern vielleicht auch Hinweise über z.B. wortwörtliche Schriftzitate im NT auf das AT oder Verweise direkt in Ihrer Bibel (das sind die kleinen Buchstaben und Zahlen meist am Rand oder in der Fußzeile). Gleichzeitig aber auch nein, denn diese beiden Stellen, die Sie ansprechen, sind, aus chronologischen und linguistischen Gründen nicht miteinander in Bezug zu sehen.  

Ich hoffe ich konnte Ihnen meine Position nachvollziehbar darstellen und wünsche Ihnen alles Gute für Ihre weitere Bibellektüre. Es gibt einiges Spannendes zu entdecken.

Pia Heu

Fragen zum Thema
01.09.2011 - 20:50
Am Anfang war ... der Logos Lieber Gast, der Logos-Hymnus am Anfang des Johannesevangeliums ist sehr wahrscheinlich…
08.10.2016 - 11:07
Was soll ich glauben? Lieber Herr Hackler,   Ihre Feststellung ist vollkommen richtig, dass der Glaube…
26.06.2015 - 14:02
Rechtfertigung aus Glauben allein? So einfach? Lieber Herr B.,   Ich kann Ihre Bedenken und Ihre Ratlosigkeit gut nachvollziehen. Es ist…
Schlagworte

Kommentare

Hallo Frau Heu,

danke, für Ihre ausführliche Antwort auf meine Frage.

Jetzt, wo ich Ihre Antwort und auch die von Ihnen genannten Bibelstellen "Daniel 12" und "Jesaja 26,19 gelesen habe, fällt mir eines auf: Im Bericht des Paulus zur Auferstehung geht es um die Verwandlung hin zu einem unverweslichen Leib, einem geistlichen Leib, einem himmlischen Leib. Also eine vollständige Verwandlung vom verweslichen Leib zum unverweslichen Leib im Augenblick der Auferstehung. (Wie die vollständige Verwandlung von einer Raupe hin zu einem Schmetterling. Oder so ähnlich!) Diese Vorstellung der Auferstehung gibt es im AT nicht. Es findet keine vollständige Verwandlung statt.

Habe ich das so richtig erfasst?

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihr Theologiestudium. Herzliche Grüße Susanne

Liebe Susanne,

 

es freut mich, dass Ihnen meine Antwort eine Hilfe ist. Ich stimme Ihnen zu, dass es die Vorstellung des "neuen Leib" nur bei Paulus und nicht im AT gibt. Das geht auf die Prägung in der Zeit, in der er lebte zurück. Eine solche Vorstellung ist im Alten Orient, in der Zeit des AT, undenkbar. Ich möchte ich Ihnen aber noch folgenden Artikel ans Herz legen:

https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/14249/

Dort finden Sie eine Übersicht über die Vorstellungen der Auferstehung im AT. Ich hoffe, dass auch das Ihnen eine Hilfe sein kann.

Viele Grüße

Pia Heu

Hallo Frau Heu,

danke für den Link zum Bibellexikon. Ich hätte nie gedacht, dass Vorstellungen zur Auferstehung im AT bereits in so vielen Textstellen zu finden sind. Manche Verse in den Psalmen habe ich zuvor schon mal gelesen, aber ich habe sie dann nicht mit der Auferstehung in Verbindung gebracht.

Nun sind meine Gedanken wieder ins NT "gewandert", hin zur Auferstehung Jesu. Und ich stelle mir die Frage, ob Jesus den "Neuen Leib", so wie Paulus ihn beschreibt, bei seiner Auferstehung angenommen hat. Hat Jesus unter seiner Auferstehung die Wandlung hin zu einem himmlischen Leib, einem geistlichen Leib, einem unverweslichen Leib durchgemacht? Und ist das der Grund dafür, dass er nach seiner Auferstehung oft nicht sofort erkannt wurde, von denjenigen, denen er begegnet ist? [Die Emmausjünger (Lukas 24,13-35) oder auch Maria Magdalena (Johannes 20,11-18) u.s.w.]

Ich denke, ja, das ist der Grund dafür, dass er zunächst nicht erkannt wurde. Aber Jesus musste diese Verwandlung, hin zu einem himmlichen Leib, einem geistlichen Leib, einem unverweslichen Leib durchlaufen, denn er ist Gottes Sohn.

Da ich nie Theologie studiert habe, kann ich mir immer nur so meine Gedanken irgendwie "zusammenbasteln" ohne mir sicher zu sein, dass meine "Bastelei" auch "Hand und Fuß" hat. Darum frage ich nun Sie, wie das theologisch betrachtet aussieht? Können Sie mir eine kurze Antwort darauf geben? Das würde mich sehr freuen!

Herzliche Grüße
Susanne

Liebe Susanne,

vielen Dank für Ihre weitere spannende Frage. Um eine kurze Antwort darauf zu geben, würde ich sagen: jein - also ja und nein. Ihre Argumentation ist völlig logisch. Jesus erhält den neuen Leib durch die Auferstehung und wird deshalb auch nicht direkt erkannt von z.B. Maria Magdalena und den Emmausjüngern. Nichtsdestotrotz ist die Vorstellung des neuen Leibs eine, die wir von Paulus kennen und damit nicht von Jesus selbst. Sie ist also nicht jesuanisch. In den Lebenszeiten von Paulus und Jesus soll es zwar Überschneidungen gegeben haben, aber die beiden sind sich, relativ sicher, nicht begegnet (außer der auferstandene Christus in Paulus' sog. Bekehrungserlebnis). Paulus lebte später als Jesus, was bedeutet, dass wir die Lehre in der Retrospektive auf Jesus anwenden und er es nicht von sich selber tut. 

In der paulinischen Tradition stehend, die wir v.a. in 1Kor 15 entfaltet finden, wird außerdem "nur" beschrieben, wie die Menschen im neuen Leib auferstehen. Betrachtet man die zwei Naturen Jesu, der wahrer Mensch und wahrer Gott gleichzeitig war, wird es schon an diesem Punkt schwierig zu beurteilen, ob er also in die in 1Kor 15 erwähnten "Menschen" inkludiert ist.

Genau genommen sehe ich also zwei Schwierigkeiten: zuerst die Chronologie in der Entwicklung und Verbreitung der Lehre vom neuen Leib (hier kommt auch noch zusätzlich die Datierung der verschiedenen Bücher der Bibel hinzu) und zweitens die Natur der Figur Jesu selbst.

Das ist wirklich eine sehr kurze Antwort. Ich hoffe Sie können folgen.

Zitat: "Das ist wirklich eine sehr kurze Antwort. Ich hoffe Sie können folgen."

Hallo Frau Heu,

danke, für Ihre Antwort! Ja, ich konnte dem, was Sie geschrieben haben, sehr gut folgen und habe es mit großem Interesse gelesen. Ich hoffe, Sie haben meine Bitte, nach einer kurzen Antwort, nicht falsch verstanden. Ich wollte damit nur deutlich machen, dass es nicht meine Absicht ist, mit meinen vielen Fragen und Gedanken Ihre Zeit allzu sehr zu beanspruchen. Ihre sehr guten Antworten lese ich, egal ob diese lang oder kurz sind, sehr gerne. Machen Sie weiter so!

Herzliche Grüße
Susanne

Neuen Kommentar schreiben