Luther-Kult?!

gestellt von Weissner Herbert am 30. Oktober 2018

Hallo,

ich verstehe nicht, warum man die Person Luther so abkultet. Er war heftiger Antisemit, glaubte an Hexen, forderte die Ermordung von behinderten Menschen, hatte apokalyptische Fantasien, hasste die Türken u.v.m. Vieles von Luther wurde noch Jahrhunderte später zur Legitimation von fürchterlichen Verbrechen wie den Holi und die Euthanasie genommen.
Natürlich hatte Luther auch seine Verdienste und die Kritik an der katholischen Kirche war richtig und wichtig, auch wenn sie in einer der blutigsten Katastrophen auf diesem Kontinent resultierte.
Trotzdem verstehe ich nicht, warum es dieser "ostdeutsche wutbürger" wert sein soll eine ganze Glaubensrichtung nach ihm zu benennen und ihn zu feiern.
Bin gespannt auf eure Antwort und viele Grüße

Lieber Herr Weissner,

tja, was soll ich schreiben. Ich finde, Sie haben die Antwort auf Ihre eigene Frage schon selbst gegeben und es fällt mir schwer dem noch etwas hinzuzufügen, was Sie nicht eigentlich bereits selbst geschrieben haben. Luther war ein Mensch, der einerseits voll und ganz Kind seiner Zeit war (glaubte an Hexen, hatte apokalyptische Fantasien, wie übrigens heute auch noch viele Menschen und fühlte sich von den Türken bedroht, weil sie den damaligen "westeuropäischen" Gebiete militärisch immer näher kamen) und er war aber gleichzeitig auch ein Mensch, der die Standhaftigkeit hatte sich mit dem, was er dachte, gegen die großen seiner Zeit zu stellen. Das macht ihn für uns zu einer Figur, die wir in gewisser Weise "bewundern", dies stets aber, insbesondere in der evangelisch-lutherischen Tradition in der Ablehnung eines "Luther-Kultes" oder Ähnlichem.

Luther war einer von vielen Reformatoren und er war nun mal in einer Situation, die es ihm leicht machte für seine Errungenschaften berühmt zu werden. Wir können wohl annehmen, dass er schon damals sehr viel Aufmerksamkeit, vor allem durch den sich gerade verbreitenden Buchdruck, für seine Ideen bekam. Ein Luther allein hätte das aber so niemals schaffen können. Da war z.B. Katharina von Bora, seine Frau, die ihn, zumindest in seinen späteren Lebensjahren, mit allem, was mit dem täglichen Leben zu tun hatte, unterstützte und vieles in die Hand nahm, wovon er überhaupt keine Ahnung hatte. Die Confessio Augustana, eines der wichtigsten Dokumente für die lutherischen Protestanten bis heute und deshalb Teil der Bekenntnisschriften, ist nicht von Luther, sondern von Melanchthon geschrieben. Auch die Übersetzung des Neuen Testaments geht zwar auf Luther zurück, aber Luther war nicht besonders gut im Griechischen, sondern hat viel mit Melanchthon, dem Griechisch-Profi, zusammen gearbeitet. Die sog. Lutherübersetzung ist also gar kein reines Luther-Gedankengut bzw. Luther-Werk.

Ich kann abschließend nur für mich sprechen, bin aber sicher, dass ich diese Ansicht mit vielen lutherischen Christen teile, wenn ich sage, dass Luther eine sehr wichtige Person in der Kirchengeschichte ist. Ich bin aber auch sicher, dass, wenn es nicht Luther gewesen wäre, der sich der Situation angenommen hätte, dass bei der gesellschaftlichen und politischen Lage Anfang des 16. Jahrhunderts, der Funke des Bedürfnisses nach Veränderung, ja nach Reformation, der immer wieder klein zu sehen und zu spüren war, durch einen anderen als Martin Luther entfacht worden wäre.

Auch 2017 haben wir nicht Luther als Person gefeiert, sondern das Reformationsjubiläum als einen komplexen kirchengeschichtlichen Prozess, der Teil der Genese unserer Konfession ist und damit für uns so etwas wie ein Geburtstag.    

Ich hoffe, das konnte Ihnen einen kleinen Einblick geben und beantwortet ihre Frage.

Pia Heu

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