Glaube, Gnade und Nachfolge

gestellt von Jan am 22. Juli 2019
Zwei Personen unter einer Decke auf dem Berggipfel

© AscentXmedia/Getty Images

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

zunächst einmal vielen Dank an Sie und Ihre KollegInnen für die Pflege diese Forums und die Beantwortung der vielen Fragen. Es ist beruhigend zu lesen, wie viele Menschen doch ähnliche Fragen in allen möglichen Bereichen haben wie man selbst, und dazu schon gleich Antworten zu finden.

Folgende Frage hat sich aber bei mir kürzlich ergeben, als ich aufgrund eines Bibelleseplans auf den Jakobusbrief (genau: Jak 2,14-26 ) gestoßen bin, in dem eine Nachfolge in Form guter Werke gefordert wird.

Diese Stelle bereitet mir doch einige Fragen.
Bisher vertraue ich auf doch sehr auf die Gerechtigkeit, die mir Gott aufgrund des Glaubens und seiner Gnade schenkt. Im Jakobusbrief werden doch sehr die guten Werke eines Christen gefordert. Ist das ein Widerspruch? Was erwartet Gott von mir?

Ich habe nach dem Lesen dieses Textes zu diesem recherchiert und nach Antworten gesucht. Für mich als Laien ergab sich da aber noch keine klare Lösung.

Bei der Recherche erfuhr ich, dass wohl auch schon Martin Luther Probleme mit dem Jakobusbrief hatte, da er gerade den Zuspruch der Gnade aufgrund des Glaubens, wie es in den Paulusbriefen steht, betonte.
Andere Reformatoren hatten wohl nicht so große Probleme damit. Auch scheinen heute Theologen beides eher als Ergänzung anstelle eines Widerspruches zu sehen. Dabei habe ich aber immer noch so einige Probleme:
Mir ist klar, dass sich aus einem wahren Glauben, zu dem auch die Nächstenliebe gehört, auch die gute Werke selbst ergeben. Aber wie weit geht das? Wann kann man sagen, dass man glaubt und diesen Glauben auch lebt?

Wenn ich in meinen Alltag, mein Familien- und Freundesleben, meinem Beruf usw. lebe, sollte ich dann in diesem Umfeld versuchen, die Nachfolge mit der Nächstenliebe zu leben? Oder ruhe ich mich da doch zu sehr aus?
Sollte ich stattdessen mein Leben vollkommen umkrempeln wie die Jünger Jesu oder wie viele Heilige, ursprünglich auch Martin Luther oder andere Menschen (auch heute), die ihr Leben ganz ihrem Glauben und den daraus folgenden guten Werken für ihre Nächsten widmen, indem sie z.B. für Menschen in Not arbeiten? (Bei einigen ging/geht das ja sogar soweit, dass sie dabei sogar ihr Leben dafür aufs Spiel gesetzt haben/setzen, wie Jesus selbst.)

Aber auch im alltäglichen Leben, bekommt man immer wieder mit, wo auch im täglichen Umfeld unterschiedlich großer Hilfsbedarf bei Menschen, die man mehr oder weniger kennt, besteht. Auch dieser nimmt ja oft kein Ende. Daraus ergibt sich andauernd die Frage: Wo und wie kann und sollte ich noch meinem Nächsten helfen? Kann es überhaupt eine „Grenze“ geben um zu sagen: „Jetzt habe ich genug getan.“ Kann man überhaupt irgendwann sagen: "Jetzt habe ich meinen Glauben wirklich gelebt."

Bei meinen Recherchen zur Frage zu Glauben, Gnade und Nachfolge in Werken stieß ich auch auf Dietrich Bonhoeffers Unterscheidung zwischen „billiger“ und „teurer Gnade“. (Dies zu verstehen wurde für mich als Laien schon ziemlich schwer.) Für mich wirkte dies so, dass auch er wohl meinte, dass sich ein Christ nicht einfach auf die Gnade Gottes verlassen solle, sondern dass von einem Christen schon mehr erwartet wird.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir bei diesen Fragen etwas helfen könnten.

Vielen Dank!
Jan

Lieber Jan,

zur Beantwortung Ihrer Frage musste ich mir ein wenig Zeit geben - sie ist inhaltsreich!

Sie haben sehr Wesentliches aus dem Jakobusbrief erfasst und sehr gut theologisch nachgearbeitet -  meinen Respekt!

Sie fragen: Wie geht Nachfolge und wie ist das mit der Heilsgewissheit und dem eigenen Zutun dazu? Ich fürchte, ich muss Ihnen dazu zuallererst schreiben, dass Sie damit wahrscheinlich nie an ein Ende kommen werden. Wer sich so ernsthaft beschäftigt und nachfragt wie Sie, der wird durch eigene Reflexion immer wieder zu neuen Fragen und auch zu neuen Antworten kommen. Und ich glaube, darum geht es auch genau!

Vor allem: Werden Sie nicht nervös und machen Sie sich nicht verrückt. Damit ist nichts gewonnen. Denn, wie Sie schreiben: wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, werden die ausgestreckten Arme anderer sozusagen immer länger. Man weiß nicht, wo man anfangen soll - und irgendwann weiß man auch nicht mehr, wie und wo das ein Ende hat.

Sich auszubalancieren und durchaus auch nach dem eigenen Glück, den eigenen Begabungen und dem eigenen Spaß zu fragen, das steht ganz bestimmt vorn. Das eigene Leben, die eigenen Beziehungen "gut zu machen" - das ist schon mal eine wirklich große Aufgabe. Auch darin folgt man nach! Auch in der Liebe zu den eigenen Nächsten, dem befriedigenden Arbeitsplatz und dem harmonischen Alltag miteinander zeigt sich christliches Leben.

Dann erst öffnet sich der Kreis: Was kann ich, was brauche ich, um christlich zu leben? Mehr Aktion oder mehr Kontemplation? Dies ist eine wichtige Grundentscheidung, muss aber wiederum nicht felsenfest für ein ganzes Leben festliegen. Wer lieber Spirituelles sucht, wir eines Tages vielleicht einen Andachts-Vorbereitungs-Kreis in der Gemeinde gründen und wer lieber actionreiche Jugendarbeit mag, bildet später die neuen Jugendleiter aus oder verfasst Arbeitsmaterial?

Ich will also ganz klar ein Plädoyer für ein erfülltes Alltagsleben abgeben: Wer das sucht, wer darin ein erfülltes Leben findet, der wird Gottes Segen dazu ernten. Es ist kein "sich auf die faule Haut legen"!  Ich persönlich finde, dass Verbindlichsein und Verlässlichsein an dem Platz, an den man sich von Gott gestellt weiß, schon ein sehr großes und gutes Stück Nachfolge ist. Glaube und Nachfolge - die Suche nach der Gnade - kann Leben jeden Tag in jedem kleinsten Stück verändern.

Lieber Jan, Sie kommen nicht umhin, in sich zu finden, welche Art der "guten Werke"  für Sie richtig sind und womit Gott gerade Sie begabt hat. Manchmal kommt man dahin nur über Ausprobieren. Wenn Ihnen etwas auffällt, wofür Sie sich wirklich interessieren, was Ihnen wirklich Spaß macht - dann bin ich ganz sicher, dass sich darin eine "Zustimmung" Gottes zeigt. Ja - und wenn Sie ein richtiges Abenteuer suchen - die große Lebensänderung, bei der Sie sich des Willens Gottes sicher sind - dann ist es das! Einige Menschen sind genau dafür da. Aber nicht alle - ganz sicher.

Aber wie ist das mit der Spannung zwischen der Gnade "allein aus dem Glauben" und dem Tun der guten Werke? Ich lese das von Ihnen angesprochene Stück von Bonhoeffer vor allem als "Stachel", als "Kritik". Es geht um ein Missverständnis von Luthers Rechtfertigungslehre, das sich eingeschlichen hat. Das "Sola Gratia" spricht uns nicht frei davon, auch entsprechend unseres Heils zu handeln. Die Gnade soll also nicht "billig abgegeben" werden und zu einem "Ich habs ja schon" - Wohlfühlchristentum verführen. "Teure" Gnade will also erkämpft sein. Und da denke ich, man kann wirklich trotzdem auch in einem ganz normalen Arbeits- und Beziehungsleben um teure Gnade kämpfen! Für mich bedeutet es das Gebot der Offenheit. Mich selbst aus meiner immer wieder nachwachsenden Lethargie zu treiben und mich immer wieder zu öffnen für die Frage: Wie antworte ich auf das große Geschenk der Gnade in meinem Leben? Und manchmal wird mir klar, dass es ganz nebensächlich erscheinende Dinge sind, über die mich mein Glaube "pieken" soll, anders zu handeln oder sie zu überdenken. Die "kleinen Dinge" immer am Großen zu messen - das ist und bleibt eine Aufgabe der Nachfolge. Die 180-Grad-Wende kann wohl selten auf einmal erreicht werden - allein die Offenheit, sich immer wieder zu fragen: "Lebe ich noch in der Nachfolge Jesu Christi? Wenn ja, an welchen Punkten?" - ist ein Weg dahin. Also gehören Glaube und Werke immer zusammen. Wir haben die Gnade, wenn wir glauben und vertrauen - ja. Aber gleichzeitig fordern uns unser Glaube und unser Vertrauen immer wieder zum Handeln auf.

Herzliche Grüße - auch im Namen von Frank Muchlinsky

Veronika Ullmann

 

 

 

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