Wie geht die Kirche mit Suizid um?

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Kommen Selbstmörder in die Hölle? Selbst wenn sie an Gott glauben und ihn lieben?

Liebe Fragestellerin,

das ist eine schwierige Fragestellung. Und zwar, weil Suizid ein heikles Thema ist. Ich hoffe, dass Sie nicht akut betroffen sind und deswegen diese Frage stellen. Wenn Sie oder andere akut betroffen sind, möchte ich vorweg schicken, dass jeder Mensch, der sich mit Suizidgedanken beschäftigt, sich immer an die Telefonseelsorge (0800 1110111) wenden kann. Darüber hinaus gibt es in der jeder Stadt sozialpsychiatrische Dienste und Beratungsdienste, die jederzeit kontaktiert werden können. Niemand muss in einer solchen Situation allein bleiben. Es gibt Hilfe. Trauen Sie sich, Freunde und Familie anzusprechen oder Fachpersonal zu informieren.

Nun zu Ihrer Frage: Kirchenhistorisch betrachtet war der Umgang mit Suizid im Christentum lange Zeit ein schwieriger. Menschen, die durch einen Suizid verstorben sind, wurde ein kirchliches Begräbnis vorenthalten. Es drohte ihnen zum Teil die Exkommunikation. Auch mit Höllenstrafen wurde gerechnet und gedroht - vielleicht auch, um ein möglichst abschreckendes Szenario zu schaffen.

In der Bibel allerdings lesen wir von keiner Verurteilung des Suizids. Judas bringt sich nach dem Verrat an Jesus um, Elija flieht in die Wüste, um zu sterben, Hiob verflucht den Tag seiner Geburt. Erst durch Augustin wurde das Gebot "Du sollst nicht töten" im 4. Jahrhundert auch auf Menschen übertragen, die sich selbst das Leben nahmen. Denn nur Gott entscheidet über Leben und Tod. Bis in die Neuzeit hinein galt daher Suizid als Sünde. Im fiktiven Drama "Göttliche Komödie" von Dante Alighieri befinden sich diejenigen, die sich selbst getötet haben, im inneren Kreis der Hölle, im 7. Kreis. So in etwa darf man sich wohl das Verständnis von Suizid im Mittelalter vorgestellt haben.

In der Neuzeit kam es zu einem Umdenken. Das lag unter anderem daran, dass Christinnen und Christen sich in der NS-Zeit das Leben nahmen, um einer Verurteilung zu entgehen. Der Liederdichter Jochen Klepper ist dafür ein Beispiel. Er war mit einer jüdischen Frau verheiratet; die ganze Familie nahm sich in der NS-Zeit gemeinsam das Leben. Seine Lieder singen wir noch heute im Gottesdienst. Heutzutage werden also Menschen, die sich sich selbst getötet haben, nicht mehr exkommuniziert. Sie werden kirchlich bestattet und auch nicht - so glaube ich - mit der Hölle bestraft. Denn Gottes Liebe ist stärker als der Tod, als jeder Tod. Wir können nicht wissen, was im Leben eines Menschen vorgeht, damit er sich zu einem solchen Schritt entscheidet. "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege" (Jes 55,8) und "Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an." (1. Sam 16,7) heißt es in der Bibel.

Als Christinnen und Christen gehen wir davon aus, dass uns unser Leben von Gott geschenkt ist. Deswegen gilt es dieses Leben unter allen Umständen zu bewahren und zu leben. Wenn Menschen nicht mehr Leben wollen, dann ist es unsere Aufgabe, ihnen - wenn irgend möglich - Alternativen aufzuzeigen. Denn in der Regel entstehen solche Gedanken mit ernsthaften Problemen wie durch psyschichen Erkrankungen. Es gibt mittlerweile viele Hilfsmöglichkeiten, um einen Ausweg zu finden. Auch für Angehörige gibt es Therapie- und Beratungsangebote, die unterstützen können. Denn es ist sehr schwer, sich als Angehöriger in einer solchen Situation zu befinden. Das Wichtigste aber ist, darüber miteinander ins Gespräch zu kommen und Gott im Gebet um Beistand zu bitten.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen,

Johanna Klee

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