Er wohnt bei der Kirche, hat eine Frau und Kinder plus einen Freund. Ist das erlaubt?

Er wohnt in der Nähe der Kirche, weil er dort Musik spielt. Er hat eine Frau, die als Kantorin auch für die Kirche arbeitet. Er hat Kinder, die keine Ahnung haben, dass ein „Onkel“, der viel Zeit mit ihrem Papa verbringt und oft bei ihnen eingeladen ist, mehr ist als ein „Onkel“, sondern dass sie auch miteinander schlafen.

Ich frage mich: Ist das in der Evangelischen Kirche nicht verboten, dass jemand, der Gott sehr nah ist und der Kirche dient, eine Dreierbeziehung mit einem Mann und Frau hat?

Lieber Cooper Dale,

vielen Dank für Ihre Frage. Ja, das klingt nach einer Situation, die kompliziert werden kann – und zwar nicht nur innerhalb der Beziehung.
Sie fragen, ob so eine Beziehung in der evangelischen Kirche verboten ist. Ich würde am liebsten zurückfragen: Meinen Sie das eher moralisch oder dienstrechtlich? Denn das muss man unterscheiden, würde ich sagen. Es gibt zur Sexualmoral innerhalb der evangelischen Kirche sehr unterschiedliche Ansichten. Was für den einen noch völlig in Ordnung ist, kann für den anderen völlig unvorstellbar sein. Anders ist das unter Umständen, wenn man die Frage dienstrechtlich betrachtet. In vielen kirchlichen Arbeitsverträgen – gerade, wenn es öffentlichkeitswirksame Aufgaben sind – findet sich ein Passus, der besagt, dass man sich auch in seiner privaten Lebensführung an die Regeln der Kirche halten soll. Sie merken aber schon: Auch das ist schwammig formuliert. Vieles hat sich ja in den letzten Jahrzehnten verändert. Homosexuelle Beziehungen oder Ehescheidungen zum Beispiel hatten früher in der Kirche gravierende arbeitsrechtliche Folgen, sind heute aber fast überall unproblematisch. Ich bin aber nun auch kein Fachmann für kirchliches Arbeitsrecht und weiß nicht, wie in welcher Landeskirche jeder Einzelfall beurteilt wird.

Wenn ich auf die ethische Ebene zurückkomme, würde ich mich fragen: Wie sieht es mit dem Vertrauen innerhalb der Beziehung aus? Wissen alle Beteiligten von der Dreierkonstellation und sind damit einverstanden? Das gibt es ja. Oder wird ein Partner hintergangen? Dann finde ich das problematisch, aber völlig unabhängig vom Geschlecht der Beteiligten. Denn Vertrauen und Verlässlichkeit gehören für mich zu einer tragfähigen Liebesbeziehung dazu. Meine Erfahrung ist: Oft ist das Leben kompliziert, und es gibt keine einfachen Lösungen, schon gar nicht, wenn jemand von außen zu wissen glaubt, was richtig ist. Wenn es innerhalb einer Beziehung Schwierigkeiten gibt, können diese nicht von außen gelöst werden, sondern nur von den Beteiligten, um deren Leben und Lieben es geht. Im Gegenteil – wenn sich Außenstehende einschalten, machen sie oft unbeabsichtigt genau das kaputt, was sie eigentlich schützen wollen, nämlich Familien und Beziehungen. Das sollte man immer bedenken, bevor man handelt, und sich fragen, ob es das wert ist.

Herzliche Grüße
Ihr Wilko Hunger

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