Ist eine christlich gläubige Alkoholikerin eine Versagerin?

Ryanne Hicks
Ich bin tief in meinem protestantischen Glauben verwurzelt, doch ich kämpfe seit nunmehr vierzig Jahren gegen den Alkohol. Der Grund dafür waren Mobbing in der Schule und harte Bedingungen in der Familie. Meine Frage ist nun, sieht Gott dieses Dilemma als Sünde an und urteilt am jüngsten Tag hart über mich oder sieht er es als Krankheit, für die ich nichts kann? Ich habe unzählige Therapien gemacht, wurde aber immer wieder rückfällig. Ich habe immer gekämpft, und nun kann ich einfach nicht mehr, all das ist zu viel für mich. Ich bin 58 Jahre alt, lebe jetzt in einer wunderbaren eigenen Familie mit einem liebevollen Ehemann, einem tollen erwachsenen Sohn, einem Pferd und jenseits finanzieller Sorgen. Trotzdem schaffe ich es nicht! Hatten die Menschen in meinem früheren Umfeld vielleicht doch recht und ich bin einfach nur ein Versager? Dies sendet ihnen Ryanne Hicks, sie erreichen mich über mein Sekretariat, E-Mail-Adresse siehe unten

Liebe Ryanne,

für Ihr Vertrauen, mit dem Sie sich an unser Frageteam wenden, danke ich Ihnen. Was Sie schreiben klingt hart: Sie müssen sich um Ihre Familie, Ihre wirtschaftliche Situation keine Sorgen machen. Alles ist eigentlich gut, wäre da nicht die Sucht. Alkoholismus ist eine schwere Krankheit, das Bedrückende, das mit dieser Krankheit verbunden ist, klingt durch Ihre Zeilen hindurch. Da Sie Ihre Frage in diesem öffentlichen Frage-Bereich stellen, antworte ich ihnen auch öffentlich. 

Zum Thema Alkohol, Sucht, Therapieformen und über den Kampf gegen diese Krankheit muss ich Ihnen nichts schreiben. Sie sind die Expertin, könnten viele Erfahrungen aus Therapien hinzufügen. Sie gehören zu der Gruppe der Menschen, bei denen die Therapie angeschlagen hat, aber die angestrebten Therapieerfolge waren nicht von Dauer. Alkoholismus ist eine tückische Krankheit. 

Dass ich genau weiß, was für mich gut wäre, aber genau das Gegenteil tue, wird schon in der Bibel beschrieben. Hier finde ich Ihr Dilemma wieder. Der Apostel Paulus drückt das so aus: "Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich." (Römer 7,18b-19) 

Vielleicht ist das eine plausible Beschreibung Ihrer Situation. Und: Sie sind in bester Gesellschaft, denn eigentlich erleben alle Menschen ihr eignes Leben und Handeln immer auch als ein Versagen. Dem Gesetz Gottes, das zweifellos gut ist, steht ein innerer Widerstand entgegen: Es ist ein "anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist." (Römer 7,23) In der Spannung zwischen dem zweifellos guten Gesetz Gottes und dem Gesetz der Sünde sind wir gefangen. Wenn man Ihnen gesagt hat: "Du Versagerin" und Sie gemobbt hat, dann war dar das eine Begegnung mit dem "Gesetz der Sünde", das entlädt seine zerstörerische Kraft in solchen Schuldzuweisungen. 

Aus dieser ernüchternden Sicht auf das Leben von uns Christinnen und Christen darf man allerdings keine Ausrede machen: "So sind wir eben, unter dem Gesetz der Sünde geben wir unseren Schwächen nach und sündigen vorsätzlich." Paulus löst die Spannung zwischen dem Willen und dem Können, zwischen dem Gesetz der Sünde und dem Gesetz Gottes auf. Gott löst auch Ihr Dilemma auf und führt den Geist Christi ein und setzt auf die Freiheit, die Christus schenkt. Mögen wir noch immer vor dem Gesetz Christi versagen, so sind wir trotzdem schon gerettet. Was wir nicht können, das hat Gott für uns übernommen: "Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind." (Römer 8.16)

Der Apostel Paulus sieht unsere Schwäche und erkennt, dass unsere Schwäche mit Blick auf Jesus schon jetzt ausgeglichen ist: "Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!" (Römer 8,16) Das Dilemma ist - mit Blick auf den Glauben - aufgehoben. Nicht wir haben das geschafft, sondern der "kindliche" Geist in uns.   

Wenn Sie sich vor dem Jüngsten Tag und einem ewigen Gericht fürchten sollten, kann ich für Sie nur feststellen: Dieses Gericht ist vollzogen, das Urteil ist vollstreckt, Jesus hat es getragen. Das feiern wir am Karfreitag. Uns bleibt nur die Bitte: "Abba, lieber Vater!"  Denn, so Paulus: "Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?" (Römer 8,31) Antwort: Niemand darf Sie als Versagerin bezeichnen. 

Also: Auch wenn Sie eine Suchterkrankung haben und nach allen Therapien rückfällig geworden sind, sind Drohung mit einem ewigen Gericht nicht erlaubt. Noch einmal Paulus: "Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur kann uns scheiden  von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn." (Römer 8,38) 

Sie merken, dass ich in meiner Antwort dem Römerbrief folge, es gäbe auch andere Wege, Ihnen zu antworten. Wichtig ist in jedem Fall: Nicht Menschen sitzen über Sie im Gericht, auch Ihr Ewiges Gericht ist am Kreuz Jesu vollstreckt. Darum noch einmal Paulus: "Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt." (Römer 8,34) Bitte verlassen Sie sich auf dessen Vertretung, wenn Sie sich als Versagerin fühlen sollte. Sie sind durch ihn eine echte Christin! 

Ich wünsche Ihnen eine ruhige und beruhigende Passionszeit und ein gesegnetes Osterfest, Ihr Henning Kiene 

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