Kann man lernen, zu glauben?

Gefragt von Gabriel (Name geändert)
Kreuz am Wegesrand

©Adam Gryko/iStockphotos/Thinkstock

Liebe Frau Scholz,

ich bin hin- und hergerissen. Ich bin im Dezember 89 geboren und wuchs in einem nicht-christlichen Elternhaus im Nordosten auf. Christenlehre war mangels christlichem Hintergrund nicht wirklich ein Thema und dennoch interessierte ich mich schon immer für Kirche, so dass ich in der Schule aus eigenem Entschluss am Religionsunterricht teilnahm. Ich bin in jeder Hinsicht ein Zweifler - ob von Natur aus oder aus Gründen meiner depressiven Erkrankung. Ich weiß es leider nicht. Und dennoch habe ich mich entschlossen: Ich wurde Pfingsten 2015 getauft (Taufspruch 2. Samuel 22,33). Trotz großer häufig innerer Widersprüche. Trotz Zweifel. Ich möchte so sehr glauben, beten. Aber ich kann es nicht. Es ist so zermürbend. Und das, obwohl ich häufig - so absurd es klingen mag - daran denke, für die Kirche zu arbeiten oder gar in einem Kloster zu leben. Wie schön muss es auch sein, Pfarrer sein dürfen. Aber ohne das tiefe innere Gefühl, dass Gott mir nahe ist? Ohne das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, vertrauen und richtig glauben zu können? All dies erscheint mir so unglaublich widersprüchlich und es stellen sich soviele Fragen. Aber zwei Fragen scheinen mir doch sehr drängend zu sein: Kann man lernen, zu glauben? Und wenn ja, wie?

Herzliche und gesegnete Grüße

Gabriel (Name geändert)

Lieber Gabriel,

bitte entschuldigen Sie, dass ich erst jetzt antworte. Manchmal erhalten wir sehr viele Fragen und so nimmt die Bearbeitung etwas Zeit in Anspruch.

Ich höre aus Ihrer Frage heraus, dass Sie sich schon lange mit Ihrem Glauben auseinandersetzen und sich nach Gewissheit sehnen, diese aber zugleich aufgrund ihrer Zweifel nicht finden können. Nun möchten Sie wissen, ob man "lernen" kann, zu glauben.

Ich antworte Ihnen mal aus meiner persönlichen Sicht: Ich empfinde es so, dass der Glaube eine Art Weg ist, der auf und ab führt. Und so gibt es vielleicht keine gleichbleibende und konstante Gewissheit, die zu einer stetigen inbrünstigen Überzeugung führt. Sondern es ist eher, wie eine Suchbewegung, in der ich Gott manchmal näher bin und manchmal weniger nah. Insofern kann ich gut nachvollziehen, was Sie über Ihre Zweifel schreiben. Sie schreibe ja, dass Sie sich vor einigen Jahren haben taufen lassen. Vielleicht war das ja ein Moment, in dem Sie sich dem Glauben und Gott besonders nah gefühlt haben? Ihr Taufspruch "Gott ist meine starke Burg und macht meinen Weg eben und frei" ist ein mutmachender Satz voller Überzeugung! Und selbst, wenn Sie das nicht zu jedem Zeitpunkt so empfinden, drückt sich darin ja eine Sehnsucht und eine Hoffnung aus. Und gerade mit einem inneren Ort für Sehnsucht und Hoffnung hat das, was aus meiner Sicht "Glaube" ist, zu tun, nicht nur mit ganz unverrückbarer Überzeugung! 

Ob man "Glauben" lernen kann, ist deshalb nicht so ganz leicht zu beantworten. Mir selbst hilft es, mich mit anderen auszutauschen, auch über meine Zweifel und Ängste. Das gehört für mich auch fest zu meinem Beruf als Pfarrerin dazu.

Sie schreiben ja, dass Sie überlegt haben, mal für einige Zeit in einem Kloster zu leben! Probieren Sie das doch mal aus? Viele Klöster bieten Menschen für einige Zeit solche "Auszeiten" an, die es ermöglichen,  an der Spiritualität der Schwestern und Brüder dort teilzuhaben. Vielleicht ist das etwas für Sie? Oder Sie schauen mal, ob es in einer Kirchengemeinde in Ihrer Nähe einen Gesprächskreis gibt, dem sie sich anschließen können.

Jedenfalls möchte ich Sie bei Ihrer Suche ermutigen und Ihnen sagen: Schon, sich überhaupt auf die Suche zu machen, ist ein Teil des Glaubens. Und es ist okay, auch Zweifel zu haben.

Ich wünsche ihnen alles Gute! Ihre Anna Scholz

 

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