Sind Jesus Christus und Gott der Vater einig?

Anton Neumann
Hallo zusammen :) Ich habe eine Frage, die mich innerlich zerreißt. Vor etwa 1,5 Jahren fand ich zu Gott, oder er führte mich zu sich, da er mein Leid sah – das weiß ich nicht. Auf jeden Fall betete ich immer zu Gott oder sprach ihn als Vater an. Meine Gebete wurden erhört, und es gab auch viele Beispiele, in denen Gott in meinem Leben gewirkt hat. Die Beziehung ist echt und basiert auf Ehrlichkeit und Vertrauen. Ich spüre Gott im Gebet und liebe es, ihm zu vertrauen und mich von ihm führen zu lassen. Nun habe ich in der Bibel gelesen und von Jesus Christus erfahren. Ich glaube auch daran, dass Jesus Gott ist. Nun wird in jeder Gemeinde nur von Jesus Christus geredet, aber nicht oder nur sehr wenig über Gott, den Vater, zu dem ja selbst Jesus die ganze Bibel hindurch betet und in Abhängigkeit von ihm lebt. Auch in den Übergangsgebeten ist die Rede davon: „Ab heute gehört mein Leben Jesus Christus, und ich lasse mich von ihm führen.“ Jesus sagt auch: „Ohne mich kommt niemand zum Vater“, sowie dass wir nur durch ihn errettet werden können. Verstehen Sie mich bitte richtig: Ich glaube an Jesus und daran, dass er Gott ist! Nur entsteht bei mir der Eindruck, ich müsste jetzt Gott, den Vater, der mich bereits führt und in meinem Leben wirkt, zu dem bereits eine lebendige Beziehung vorhanden ist, durch Jesus Christus ersetzen. So nach dem Motto: Gott, der Vater, hat mich zu Jesus geführt, und nun ist Jesus für mich zuständig, und ich solle nun an ihn glauben und zu ihm beten. Oder Gott der Vater ist nur noch zum Anbeten da und das nur durch Jesu Christi. Oder ist Jesus Christus bereits der eine Gott, der Vater, zu dem ich gebetet habe? Der mich bereits die ganze Zeit über führt und derjenige ist, den ich im Gebet spüre? Ist Jesus Christus der fleischgewordene Vater? Wenn ich das richtig verstehe dann ist Jesus dieser Gott der Menschgeworden ist. Ist es also ganz egal, ob ich zu Gott, Jesus, Gott oder lieber Vater sage? Denn Jesus selbst sagt: „Ich und der Vater sind eins.“ Ob ich nun tagsüber zu Gott spreche oder Jesus dazu sage, spielt keine Rolle, weil es nur diesen einen Gott gibt, der quasi mit „verschiedenen Bezeichnungen“ angesprochen wird? Das Gebet „Vater unser“ wäre in diesem Fall Jesus? Bitte helfen Sie mir. Danke ❤️

Lieber Anton,

vielen Dank für deine Frage. Du führst mich direkt in die Mitte der christlichen Theologie. Das Verhältnis zwischen Gott dem Vater und Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, steht schon immer im Mittelpunkt der theologischen Debatte. Oder: Wie kann man den Glauben an einen Schöpfergott mit dem Glauben an den Menschen Jesus Christus verbinden. 

Zunächst möchte ich dir meinen Respekt bekunden. Ehrlichkeit und Vertrauen sind unendlich wichtig, Ehrlichkeit und Vertrauen helfen beim Beten. Du beschreibst mit deiner Frage - vielleicht unbewusst - deinen wunderbaren Glauben, der genau auf die Frage stößt, die dich nun quält. Viele Menschen würden gerne so fest im Glauben stehen wie du. Darum ist deine Frage wichtig, doch sie weist auf kein Problem hin, sondern sie beschreibt eine Spannung, die zum Glauben gehört. Du erlebst einen Vater, dessen Wort in deinem Leben seine schöpferische Kraft entfaltet und Jesus Christus den Menschen, der ohne Macht geboren wird, der verletzlich ist und am Ende vernichtet wird. Das ist die Spannung: Mächtiger Gott, verletzbarer Jesus Christus. Und: Die Auferstehung überwindet diese Spannung. Der Glaube an Gott, den mächtigen Schöpfer, wird zum Glauben an Jesus Christus, der aus dem Tod auferweckt wird. Gott rettet durch die Auferweckung Jesu die Verkündigung und das Leben Jesu.

Jesus lebt aus Gottes Allmacht und Gottes Allmacht bleibt in Jesus Christus wirksam und reicht tief in deinen Glauben hinein. 

Nun meine Antwort: Schon im 4. Jahrhundert sprach man von der "Zweinaturenlehre". Diese Lehre besagt, dass Christus wahrer Gott ist und wahrer Mensch. Über Jesus Christus wird gesagt, dass die göttliche Natur und die menschliche Natur in ihm „unvermischt“ und „unverwandelt“ und „ungetrennt“ und „ungesondert“ sind. Das klingt kompliziert aber du beschreibst das selbst, wenn du schreibst, dass es ganz egal ist, ob du  Gott oder Jesus mit Gott oder den Vater oder Jesus ansprichst. Jedes Gebet kommt an! Damit hast du den Kern deiner Frage mit deiner Frage selbst beantwortet. Du sprichts, wenn du betest, immer "beide" an denn sie sind eins. 

Mach dir bitte keinen Kopf darüber ob du "richtig" glaubst. Manchmal wollen einem Personen, die länger im Glauben stehen, mit Richtigkeiten belehren. Bitte vertraue zunächst dir selbst. Der Glaube eröffnet dir einen unvorstellbaren Kosmos: Du erlebst die Liebe Gottes, die wirkt durch Jesus hindurch mitten in dein Herz hinein, du erlebst Jesus Christus, der dir unglaubliche Einblicke in das Reich der Himmel gibt und in all dem erlebst du Gott als unseren Vater. Oder: Es gibt kein Richtig und Falsch und wenn du dein Leben an Jesus Christus übergibst, dann landet es in Gottes Obhut. 

Glaube ist ein andauerndes Wagnis, man kann wenig falsch machen.  

Ich hoffe, dass du mit Freude deinen Glauben leben kannst, dich innerlich nicht zerreißen lässt, sondern den Reichtum, aus dem du schöpfst, genießen kannst. 

Herzlich, dein Henning Kiene 

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