Lieber Anton,
vielen Dank für deine Frage. Du führst mich direkt in die Mitte der christlichen Theologie. Das Verhältnis zwischen Gott dem Vater und Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, steht schon immer im Mittelpunkt der theologischen Debatte. Oder: Wie kann man den Glauben an einen Schöpfergott mit dem Glauben an den Menschen Jesus Christus verbinden.
Zunächst möchte ich dir meinen Respekt bekunden. Ehrlichkeit und Vertrauen sind unendlich wichtig, Ehrlichkeit und Vertrauen helfen beim Beten. Du beschreibst mit deiner Frage - vielleicht unbewusst - deinen wunderbaren Glauben, der genau auf die Frage stößt, die dich nun quält. Viele Menschen würden gerne so fest im Glauben stehen wie du. Darum ist deine Frage wichtig, doch sie weist auf kein Problem hin, sondern sie beschreibt eine Spannung, die zum Glauben gehört. Du erlebst einen Vater, dessen Wort in deinem Leben seine schöpferische Kraft entfaltet und Jesus Christus den Menschen, der ohne Macht geboren wird, der verletzlich ist und am Ende vernichtet wird. Das ist die Spannung: Mächtiger Gott, verletzbarer Jesus Christus. Und: Die Auferstehung überwindet diese Spannung. Der Glaube an Gott, den mächtigen Schöpfer, wird zum Glauben an Jesus Christus, der aus dem Tod auferweckt wird. Gott rettet durch die Auferweckung Jesu die Verkündigung und das Leben Jesu.
Jesus lebt aus Gottes Allmacht und Gottes Allmacht bleibt in Jesus Christus wirksam und reicht tief in deinen Glauben hinein.
Nun meine Antwort: Schon im 4. Jahrhundert sprach man von der "Zweinaturenlehre". Diese Lehre besagt, dass Christus wahrer Gott ist und wahrer Mensch. Über Jesus Christus wird gesagt, dass die göttliche Natur und die menschliche Natur in ihm „unvermischt“ und „unverwandelt“ und „ungetrennt“ und „ungesondert“ sind. Das klingt kompliziert aber du beschreibst das selbst, wenn du schreibst, dass es ganz egal ist, ob du Gott oder Jesus mit Gott oder den Vater oder Jesus ansprichst. Jedes Gebet kommt an! Damit hast du den Kern deiner Frage mit deiner Frage selbst beantwortet. Du sprichts, wenn du betest, immer "beide" an denn sie sind eins.
Mach dir bitte keinen Kopf darüber ob du "richtig" glaubst. Manchmal wollen einem Personen, die länger im Glauben stehen, mit Richtigkeiten belehren. Bitte vertraue zunächst dir selbst. Der Glaube eröffnet dir einen unvorstellbaren Kosmos: Du erlebst die Liebe Gottes, die wirkt durch Jesus hindurch mitten in dein Herz hinein, du erlebst Jesus Christus, der dir unglaubliche Einblicke in das Reich der Himmel gibt und in all dem erlebst du Gott als unseren Vater. Oder: Es gibt kein Richtig und Falsch und wenn du dein Leben an Jesus Christus übergibst, dann landet es in Gottes Obhut.
Glaube ist ein andauerndes Wagnis, man kann wenig falsch machen.
Ich hoffe, dass du mit Freude deinen Glauben leben kannst, dich innerlich nicht zerreißen lässt, sondern den Reichtum, aus dem du schöpfst, genießen kannst.
Herzlich, dein Henning Kiene