Lieber Bodo,
wer kann damit schon klarkommen, dass mit dem Glaube auch solche Zweifel aufkommen? Sie sind in guter Gesellschaft und haben viele Menschen an Ihrer Seite. Immer wieder stolpere ich beim Beten über diese fünf Worte: "Führe uns nicht in Versuchung". Genau deshalb sind mir diese Worte so wichtig, damit ich in meinem Glauben immer sicherer werde.
In der Kirchengemeinde, in der ich als ganz junger Pastor eingesetzt war, hatte ich von der Kanzel aus, eine überdimensionale Darstellung Jesu am Kreuz im Blick. Jeden Sonntag hatte ich den Nagel vor Augen, den sie ihm durch die Hand gebohrt hatten und erkannte die Blutstropfen, die der Künstler von der Hand herabrinnen ließ. Diese Perspektive war wie eine andauernde, herausfordernde Frage: Wieviel Leid musste Jesus sinnlos ertragen? Wie tief ging ihm dieser Schmerz? Warum sind wir, die Menschen, fähig zu dieser Brutalität? Warum lassen Menschen zu, dass Jesus so entsetzlich leidet? Und: Warum hat man danach immer weiter gemacht und lernt nicht dazu? Für mich war diese Darstellung Jesu am Kreuz eine andauernde Versuchung, es stellte den Glauben auf die Probe.
Antwort: Nicht Gott führt in Versuchung, es ist der Mensch, der Mangel an Humanität, der hier zur Anfechtung wird und Gott am Kreuz selbst trifft. Und damit bin ich bei dem Vaterunser. Jesus stiften dieses Gebet, es bittet darum, dass uns Menschen solche Prüfungen nicht den Glauben nehmen sollen.
Das Beten der Zeile "und führe uns nicht in Versuchung" beantwortet Ihre Frage, denn diese Worte tragen die Bitte vor Gott, dass er mich als liebender Vater vor solchen schweren Zeiten bewahren möge.
Frank Muchlinsky hat eine ganz ähnliche Frage schon einmal beantwortet. Bitte lesen Sie diese sehr gründliche Antwort auf Ihre Frage unbedingt mit, dann ist meine Antwort an Sie erst vollständig: "Führe uns nicht in Versuchung? Versucht uns Gott?"
Eine gesegnete Passions- und Fastenzeit wünsche ich Ihnen, Ihr Pastor Henning Kiene