Kann sich eine Kirchengemeinde aus ihrer Landeskirche lösen und Freikirche werden?

Alegna

Kann sich eine gesamte Kirchengemeinde aus der Zugehörigkeit der Landeskirche ablösen und stattdessen als eine Freikirche selbstständig weiterarbeiten? Hintergrund der Frage ist die die Entmachtung und Enteignung der kleinen Kirchengemeinden durch den Kirchenkreis im Zuge der Strukturreform der Landeskirche.

Liebe Alegna,

viele Kirchengemeinden erleben die derzeitigen Strukturreformen ähnlich wie Sie. Ohnmächtig stehen Kirchengemeinderäte vor den Reformen, die ja keine Reformen mehr sind, sondern umstürzende Umbrüche. Ich höre auch in der Kirche diesen Satz: "Die das oben machen mit uns, was die wollen!" Also ganz verwegen ist Ihre Frage nicht: Kann man ale einzelne Kirchengemeinde aus einer Landeskirche austreten und als Freikirche weitermachen? Ich bin Pastor und kein Kirchenjurist. Darum antworte ich als evangelischer Pastor und versuche drei Antworten auf Ihre Frage. 

Ein Austritt als Kirchengemeinde aus einer Landeskirche wird schon an den Mitgliedern scheitern. Wem gehört eine Dorfkirche? Wer ist Eigentümer des Pfarrhauses? Viel mehr Menschen, als Sie wissen. Auch die Menschen sind Ihre Gemeinde, die man nur Weihnachten oder niemals sieht, die zur Kirche gehören, treu Steuern bezahlen, leise den Gemeindebrief mitlesen. Diesen etwas ferneren Menschen, die keiner Freikirche, sondern einer Landeskirche angehören wollen, kann man ihre kirchliche Infrastruktur nicht einfach wegnehmen. Denn Kirche ist mehr als die aktuelle Frömmigkeit, die in ihr gepflegt wird, ihr gehören mehr Menschen an, als man üblicherweise im Blick hat.  

Der Austritt der ganzen Kirchengemeinde aus einer Landeskirche bringt ihre Pastorin oder den Pastor in die missliche Lage. Mit der Ordination hat Ihre Pastorin oder Ihr Pastor ein Dienst- Treueverhältnis mit einer Landeskirche begründet und nicht zur Kirchengemeinde. Sie würden - in den meisten Landeskirchen - Ihre Pastorin oder Ihren Pastor verlieren. 

Der Austritt Ihrer ganzen Kirchengemeinde aus einer Landeskirche würde das gesamte Risiko, das mit der kirchlichen Arbeit verbunden ist, allein auf den Vorstand verlagern. Der Denkmalschutz, die finanziellen Folgen, die mit  Arbeitsverträgen verbunden sind, das Risiko eines kirchlichen Friedhofs, der Betrieb einer kirchlichen KiTa, es braucht viel Expertise, die die Landekirche und der Kirchenkreis den Kirchengemeinden zur Verfügung stellen. 

Also: Sie würden nur die Menschen aus der sogenannten Kerngemeinde mitnehmen können. Sie müssten mit denen an anderer Stelle, in neuen Gebäuden, neu anfangen. Sie würden die Menschen, die solidarisch Kirchensteuer bezahlen, jedoch still im Hintergrund einfach nur da sind, alleine sitzen lassen. Und: Alle Infrastruktur des Kirchenkreises, der Landekirche würden Sie verlieren. Das kann man im Ernst nicht wollen. 

Natürlich wirken die gegenwärtigen Veränderungsprozesse sehr radikal, es gibt Zusammenlegungen, die Gemeinden im Moment überfordern. Aber wenn die Zahl der kirchlichen Trauerfeiern seit Jahrzehnten die Zahl der Taufen überschreiten, wenn die Jugendlichen im Konfirmandenunterricht kein Gefühl für eine größere Gruppe entwickeln können, dann hat der Schrumpfungsprozesse den Moment erreicht, in dem grundlegende Veränderung nötig ist. 

Es braucht neue geistliche Formen, die die vertrauten Wege verlassen und neue Wege öffnen. Ob "die da oben" immer den richtigen Ton treffen? Ich weiß nur: Es braucht mehr Zusammenarbeit, Spezialisierung und Pastorinnen und Pastoren, die statt in Gremien, im Büro und für ihre Kirchengemeinderäte für die Gemeinde unsichtbar arbeiten, ihren inhaltlichen Gaben entsprechend eingesetzt werden. 

Die Antwort ist also: Statt Austritt aus einem sicheren System sollten Sie eine inhaltliche Ortsbestimmung vornehmen. Statt sich in Ihrer - berechtigten - Position festzulegen, sollten Sie sich inhaltlich sortieren: Was können wir? Wo werden wir gebraucht? Was können wir aus unserem Angebot einstellen? Wo ist unsere - heute unsichtbare - Gemeinde? Wer braucht was? 

Zufrieden werden Sie jetzt mit dieser Antwort nicht sein, aber ich bin Pastor und weiß, viele Kirchen weltweit beneiden uns um unsere starken Landeskirchen und deren geistlichen und finanziellen Möglichkeiten. 

Ich grüße Sie, Ihr Henning Kiene 

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