Wieso glauben Sie an einen Gott?

gestellt von Thomas am 5. Dezember 2012

Wieso glauben Sie an einen Gott? Spricht "Gott" mit Ihnen und wenn ja wissen Sie das man das als Schizophrenie beurteilen könnte? Ich stelle mir als Atheist seit Jahren diese Fragen. Wieso gibt es immer noch Kulte, Sekten, Religionen. Die Zeiten des Zeus sind vorbei, niemand glaubt ernsthaft noch an Odin.... Danke das sie sich die Zeit nehmen.

Lieber Thomas,

 

Es ist in der Tat eine schwierige Sache, jemandem vom eigenen Glauben zu erzählen, der einen betenden Menschen der Schizophrenie verdächtigt. Ich will es dennoch versuchen in der Annahme, dass Sie ernsthaft interessiert an einer Antwort sind.

 

An Gott zu glauben bedeutet für mich, mich selbst nicht für so wichtig zu nehmen. Ich glaube daran, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, sondern dass es einen Gott gibt, der uns Menschen einerseits den Maßstab vorgibt, uns andererseits freundlich verzeiht, wenn wir diesem Maßstab wieder einmal nicht gerecht werden. Der Mensch ist – nach meinem Glauben – Geschöpf und Ebenbild dieses Gottes, das bedeutet, dass er einerseits endlich ist, beschränkt, wenn Sie so wollen, weil er eben sterblich ist und weil unser Geist nur ein schwacher Abglanz des Geistes Gottes. Andererseits aber ist unser Geist eben genau das: Ein Abglanz von Gottes Geist. Wir tragen Gottes Geist in uns und dadurch auch seinen Anspruch an uns, nämlich uns an der Vollkommenheit Gottes auszurichten. Natürlich kann es uns Menschen nicht gelingen, vollkommen zu sein. Unser christlicher Gott hat das verstanden und hat darum die Verhältnisse umgedreht. Und jetzt wird es spannend – vielleicht auch für einen Atheisten.

 

Der Mensch versucht, sich zum Wichtigsten auf Erden zu machen. Er ist begabt, und das führt dazu, dass er sich ständig selbst überschätzt. Wir tun alles, was wir können, denken kaum einmal nach, ob wir das, was unser Geist vermag, auch tun sollten. Wir versuchen, alles unter Kontrolle zu bekommen, und scheitern dabei grandios. Wir bauen Massenvernichtungswaffen, versuchen gleichzeitig, den Tod zu besiegen, verändern Erbgut. Der Mensch ist ständig dabei, sich selbst zu Gott zu machen. Mag sein, dass niemand mehr an Zeus oder Odin glaubt, aber alle Welt versucht, den Menschen zu Gott zu machen. Wir wollen Gott sein. Der Gott, an den wir Christen glauben, sieht dieses Elend an und beschließt darum, uns von diesem Unheil zu erlösen. Er dreht die Verhältnisse einfach um: Er selbst wird Mensch in Jesus Christus. Das bedeutet: Wir Menschen müssen nicht mehr versuchen, Gott zu werden, weil Gott Mensch wird. Wir können endlich aufhören, uns so wichtig zu nehmen. Wir sollen noch immer „vollkommen“ werden. Aber unser Gott weiß, dass wir das nicht können. Er weiß das, weil er selbst Mensch wurde. Darum kann ich als Christ sehr entspannt und trotzdem mit einem guten Auftrag leben.

 

Mit freundlichen Grüßen

Frank Muchlinsky

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