Spricht Gott hörbar zu Menschen?

Ralf Gehring
Kreuz im Gegenlicht vor Himmel
© epd-bild / Norbert Neetz

Lieber Herr Muchlinsky,

an vielen Stellen der Bibel findet man Texte, die so oder ähnlich beginnen: "Und der Herr sprach...". Ich frage mich nun, hat der Herr damals wirklich gesprochen, d.h. hörte man eine Stimme vom Himmel oder sind das vielmehr Darstellungen von Menschen, zu denen der Herr (wie auch immer) Kontakt aufgenommen hat?

Die Frage, die sich dem anschließt: Spricht er heute nicht mehr oder hören wir nur nicht hin?

Mit freundlichem Gruß Ralf Gehring

Lieber Herr Gehring,

die Autoren der Bibel gingen in der Tat davon aus, dass Gott direkt sprach, dass also seine Stimme durchaus zu hören war. Manchmal spricht Gott sozusagen "mit sich selbst", zum Beispiel in der Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1), wenn es heißt: "Und Gott sprach: Es werde Licht." Manchmal spricht er zu besonders ausgewählten Personen, wie zum Beispiel zu Abraham (1. Mose 12,1: "Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.") Sehr häufig redet er zu Mose, dem er ja immerhin sämtliche Gesetze für das Volk Israel diktiert (z.B. 3. Mose 1,1: "Und der HERR rief Mose und redete mit ihm aus der Stiftshütte und sprach: …")

Es kommt auch vor, dass Gott sich anderer "Sprecher:innen" bedient, mal Engel oder auch Prophet:innen, die dann mit der Einleitungsformel beginnen: "So spricht der Herr" (z.B. Amos 1,3 und viel öfter). Bei den direkten Anreden steht (siehe das Beispiel von Mose) oft dabei, woher man sich vorstellen soll, dass die Stimme Gottes kam. Wenn es nicht erwähnt ist, darf man sich das durchaus so vorstellen, dass die Autoren meinten, Gottes Stimme sei einfach zu hören gewesen. Im Neuen Testament kommt Gottes Stimme zum Beispiel auch direkt aus dem Himmel. Beider Taufe Jesu heißt es: (Matthäus 3,17) "Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe."

Zu Ihrer Anschlussfrage: Die Bibel gilt dem Christentum als die einzige gültige Offenbarungsquelle. Das heißt, dass alles, was Gott den Menschen zu sagen hatte, darin steht. Er redet nicht mehr wörtlich zu den Menschen. Ein Mensch, der im innigen Gebet das Gefühl bekommt, Gott rede mit ihm, dem wendet Gott sich zu, nur offenbart er sich nicht mehr in wörtlicher Rede.

Mit freundlichen Grüßen

Frank Muchlinsky

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