Woran erkenne ich einen ev. Pfarrer außerhalb seiner Kirche?

Gefragt von Mario Barsties

Sehr geehrter Pastor Muchlinsky,

ich habe eine durchaus ernst gemeinte Frage nach der Identifikation von evangelischen Pfarrern zu ihrer Kirche/ ihrem Glauben außerhalb ihres Dienstes. Katholische Priester/ Pfarrer erkenne ich sofort "auf der Straße" oder in TV- Sendungen etc. an schwarzem Anzug, weißem Priesterkragen und Kreuz am Kragen und finde das sehr gut, da ich das Gefühl habe, sie leben ihren Glauben auch in der Öffentlichkeit.

Bei evangelischen Pfarrern ist das Gegenteil der Fall - mit ihren Hugo BOSS Anzügen (?) und oftmals schicken Krawatten stellt sich mir persönlich immer das Bild eines Unternehmers/ Geschäftsmannes im geistigen Auge dar, was ich (und auch vieler meiner Freunde) sehr bedauere, wenn man das überhaupt so ausdrücken kann.

Man hat als Außenstehender will ich damit sagen, nicht das Gefühl, dass diese Pfarrer identisch sind. Ich weiß, Kleidung ist natürlich nicht alles, aber für viele Menschen in bestimmten Bezugspunkten eben wichtig. Warum legen also so wenige ev. Kirchenvertreter Wert darauf, in der Öffentlichkeit, z.B. bei TV-Auftritten, (d.h. außerhalb der Kirche), auch wie ein evangelischer Pfarrer zu wirken, den man auch mal gerne ansprechen würde? Entschuldigung, aber diese Frage lag mir schon lange auf der Seele.

Lieber Herr Barsties,

 

danke für Ihre Frage! Sie brauchen sich wahrlich nicht dafür zu entschuldigen. Ich bin sicher, dass es vielen Menschen so geht wie Ihnen: Evangelische Pfarrer sind auf der Straße nicht auf Anhieb als solche zu erkennen, was den Eindruck vermitteln könnte, dass wir uns nicht trauen, uns öffentlich zu bekennen.

 

Allerdings hat es auch gute Gründe, dass wir protestantischen Pfarrerinnen und Pfarrer nicht ständig in "Berufskleidung" herumlaufen. Da wist zunächst das evangelische Amtverständnis zu nennen. Ein Pfarrer ist – anders als ein katholischer Priester – nicht "geweiht" worden, sondern an einem bestimmten Ort in ein bestimmtes Amt eingesetzt. Seine Amtstracht ist der Talar, den er dann anzieht, wenn er sein Predigtamt versieht, also zu allen Formen von Gottesdiensten. Zu allen anderen Anlässen ist zumindest der Talar nicht erlaubt.

 

Wenn es nun um auffällige Kreuze oder Priesterkragen oder Collarhemden geht, so sind die durchaus möglich. Wer als evangelischer Pfarrer oder auch als Pfarrerin mag, darf so etwas tragen und sich so jederzeit als Geistliche präsentieren. In Sachen Bekenntnisfreudigkeit und Erkennbarkeit gibt es an Ihrer Meinung nichts zu rütteln: Wer so etwas trägt, ist deutlich erkennbar als Vertreter der Kirche. Er oder sie sagt eindeutig: "Ich bekleide ein geistliches Amt, dun das darf man mir auch ansehen." Aber genau da beginnt auch das theologische Problem (zu Modefragen komme ich noch): Evangelische Pfarrer sind nicht anders als alle anderen getauften Christen. Sie sollen sich nicht besonders herausschmücken oder irgendwelche Insignien tragen, die sie über die Menge der Gläubigen hinausheben. Nach evangelischem Verständnis sollte im Grunde jeder Christ ein bekennender Ansprechpartner in Sachen Glauben sein, nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer.

 

Nun noch zur Frage der Mode bzw. der Ansehnlichkeit. Ich möchte bezweifeln, dass ein Priesterkragen jeden Menschen dazu einladen kann, sich seinem Träger anzuvertrauen. Einige mögen das als vertrautes und vertrauenswürdiges Kleidungsstück sehen, andere aber könnten darin erkennen, dass der Träger sehr konservativ ist und darum zögern, sich ausgerechnet einem solchen Menschen anzuvertrauen.
Also, wie man's macht, macht man's falsch? Ich denke nicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass Freundlichkeit und ein offener Blick für einen Menschen im geistlichen Amt das Allerwichtigste sind. Wenn dann noch eine Garderobe hinzukommt, die diese Freundlichkeit unterstreicht, steht der Kontaktaufnahme nichts mehr im Wege.

 

Ich habe mich übrigens vor einiger Zeit mit drei PastorInnen über Bekleidungsfragen unterhalten. Hier ist der Link zu dem Artikel, der daraus entstand. Vielleicht finden Sie da noch ein paar interessante Gedanken.

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

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