Was sagt Gott zur Homosexualität?

Gefragt von Fragender

Hallo Herr Muchlinsky!

Aufgewachsen bin ich in einem christlichen Umfeld und der christliche Glaube ist für mich eine wichtige Quelle meines Lebens.

Im Alter von 16 Jahren habe ich gefühlt, dass ich mich zu Jungs hingezogen fühle. Erst im Alter von 25 Jahren habe ich den Schritt zum Outing gewagt. Beginnend im Alter von 16 Jahren und bis heute beschäftige ich mich mit dem Thema Homosexualität und Bibel. Leider, musste ich traurige und schmerzhafte Erfahrungen in meinem christlichen Umfeld machen, was die Meinung und den Umgang mit Homosexualität betrifft.
Noch heute habe ich das Gefühl, dass die "Einreden" in mir stecken und es Momente gibt, wo sie ans Tageslicht kommen und mich innerlich sehr schmerzen.

Viele Theologen haben unterschiedliche Meinungen zur Homosexualität, und ich frage mich, welche ist nun die "richtige" Antwort und was sagt Gott dazu? Ich erlebe mich in einem Zwiespalt von Meinungen, der mir nicht gut tut. Viele sprechen ja auch im "Namen Gottes", können sie das überhaupt?

Ich stelle mir außerdem die Frage, wie es zu einer so starken Ablehnung gegenüber Homosexuellen in Teilen unserer Kirche kommt und warum die Bibel als Argumentationsmittel benutzt wird?

Ich danke Ihnen für Ihre Antwort.

Viele Grüße!

Lieber Fragender,

 

Ihr Unbehagen kann ich gut verstehen, und es geht mir ganz genauso, wenn ich auf Menschen treffe, die meinen, in Gottes Namen sprechen zu dürfen. Der christliche Glaube geht eigentlich davon aus, dass es nur einen gab, der in Gottes Namen und Vollmacht sprach, und das ist Jesus Christus selbst. Und selbst von ihm haben wir nur ein Zeugnis, das von anderen Menschen geschrieben wurde. Darum kann es die "richtige" Antwort auf die Frage "Wie denkt Gott über Homosexualität" gar nicht geben. Niemand weiß es, und wer anderes behauptet, ist ein Hochstapler. Was man tun kann, ist in den Schriften (also in der Bibel) zu lesen und zu sehen, welche Anhaltspunkte man dort findet. Doch widerspricht sich die Bibel häufig, und letztendlich muss man abwägen, welcher Interpretation einer Stelle man den Vorzug geben will oder auch, ob es Stellen gibt, die schwerer wiegen als andere. In sehr verkürzter Weise könnte man sagen: Einige Stellen "stechen" andere.

 

Zum Beispiel kann man behaupten, dass das "Doppelgebot der Liebe", das schon im Alten Testament vorkommt und von Jesus im Neuen Testament wiederum zum wichtigsten Gebot erklärt wird, der Trumpf ist, der andere Argumente, die dieser Aussage zuwider laufen, sticht: "Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." (5.Mose 6,5) und "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3.Mose 19,18). Beides wird zusammengefasst durch Jesus, als man ihn nach dem höchsten Gebot fragt. Gut zu lesen in Markus 12,28-34.

Gott und seinen Nächsten zu lieben ist das höchste Gebot. Wenn das so ist, kann es nicht sein, dass Gott einige Formen der gegenseitigen Liebe verurteilt. Wenn nun zwei erwachsene Menschen einander lieben, so werden sie einander auch begehren. Darum ist mein (!) Argument: Wenn Gott uns vor allen anderen Dingen die Liebe gebietet, soll niemand die Liebe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen für schlecht halten, selbst wenn es Stellen in der Bibel gibt, die es anders sagen.

 

Sehen Sie: So gehen wir mit der Bibel um und versuchen zu ergründen, was uns Gott sagen will. Es gibt aber natürlich Menschen, die meiner Argumentation nicht folgen wollen. Sie würden vielleicht verneinen, dass das Liebesgebot die "Trumpfkarte" ist, die ich in dieser Diskussion ziehen muss. Sie fragen, warum die Bibel als Argumentation genutzt wird. Den Grund habe ich bereits angedeutet: Die Bibel ist das Zeugnis von dem, was Christinnen und Christen als Gottes Offenbarung verstehen. Besonders für evangelische Christen ist sie der Maßstab, an dem sich alle theologische Diskussion messen lasen muss. Wir kommen also nicht daran vorbei, dass es Passagen in der Bibel gibt, die Homosexualität verurteilen. Genauso wenig, wie wir daran vorbeikommen, dass es ausgesprochen antijudaistische und frauenfeindliche Aussagen im Neuen Testament gibt. Doch haben wir in diesen Fällen zum Glück längst eingesehen, dass hier nicht Gott spricht. Ich hoffe, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis das auch mit den Stellen geschieht, die sich gegen Homosexualität wenden.

 

Ich hoffe, das hat ein paar von Ihren Fragen beantwortet. Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

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