Gott redet nicht mehr mit mir

gestellt von Alfred am 27. September 2014

Nach 20-jähriger Krankheit ist meine liebe Frau verstorben. Drei Monate später hatte ich einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Seither bin ich wegen einer schweren Depression in Behandlung. Vor ca. einem Jahr bin ich aus meiner Freikirche ausgetreten weil ich mich von ihr nicht verstanden fühlte. Erst jetzt wird mir richtig bewusst, was ich da angestellt habe. Keine Gemeinde mehr, keine Frau und Christen, die auf meine Depression mit Unverständnis reagieren. Ich fühle mich von den Menschen verlassen und auch von Gott! Seit einiger Zeit bitte ich Gott, dass ich wieder Mitglied einer Gemeinde/Kirche sein darf.

Aber welche?? Soll ich zu meiner früheren Gemeinde zurück? Ich habe alles schuldhafte Verhalten auf mich genommen. Ich habe das Gefühl, dass ich in meinem Leben (71) alles falsch gemacht habe. Ich habe früher öfters gepredigt, war Aeltester und jetzt ist alles dahin. Ich bitte täglich zu Gott um Hilfe, um Leitung für mein Leben. ABER GOTT SCHWEIGT!! - Hat mich Gott verstoßen, wie er einst König Saul verstoßen hat. Auch ihm hat er nicht mehr geantwortet. Er machte dann Suizid!

Herr Muchlinsky hat Gott mich auch verlassen? Bin ich Gott so auf die Nerven gegangen? Haben Sie evtl. von Gott her eine Antwort für mich?

Mit herzlichen Grüßen Alfred

Lieber Alfred,

Das Wichtigste zuerst: Gott hat Sie nicht verstoßen! Nach meinem zutiefst empfundenen Glauben kann man Gott mit Gebet niemals "auf die Nerven gehen". Jesus selbst sagt: Betet, was das Zeug hält. Sicherlich kennen Sie das Gleichnis von dem bittenden Freund, der mitten in der Nacht seinen Freund aus dem Schlaf holt, weil er etwas Brot für einen unerwarteten Besucher haben will. (Lk 11,5-13) Jesus sagt: So sollt ihr beten! Oder das Gleichnis vom ungerechten Richter in Lk 18,1-8: Die Witwe "nervt" den Richter gehörig, und wieder sagt Jesus: So sollt ihr beten!

Dass Sie Gott nicht im Moment nicht spüren können, dass Sie seine Worte nicht hören können, ist meines Erachtens vor allem ein Zeichen dafür, wie sehr Sie sich nach Ihrer Gemeinde zurücksehnen. Dort haben Sie im gemeinsamen Gebet Gott erfahren können, und Sie schreiben ja selbst, wie sehr Ihnen diese Gemeinschaft fehlt. Sie haben es selbst in der Hand, sich Ihrer Gemeinde wieder zuzuwenden, so wie Sie es in der Hand hatten, ihr den Rücken zu kehren. Ich denke, dass man Sie wieder freundlich aufnehmen wird. Schließlich ist es eines der ausdrücklichen Gebote Jesu, dass wir diejenigen wieder aufnahmen sollen, die zurückkehren – und zwar ganz gleich, was sie in der Zwischenzeit getan haben. (Auch hier kann man ein Gleichnis heranziehen, zum Beispiel das vom "verlorenen Sohn" (Lk 15,11-32).

Wenn Sie aber selbst der Ansicht sind, dass man Ihnen dort angesichts Ihres Verlustes und Ihrer Krankheit zu sehr Schaden zugefügt hat, dann sollten Sie sich in der Tat nach einer anderen gemeinde umsehen. Auch hier gilt: Sie haben es in der Hand. Sie können wählen. Christus ist in jeder seiner Gemeinden gegenwärtig, und Sie können entscheiden, wo Sie ihn suchen möchten. Ich schlage Ihnen vor, dass Sie ein Gespräch mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer Ihrer verfassten Ortsgemeinde verabreden. Er oder sie wird sich bestimmt Zeit für Sie nehmen und Sie gern auf Ihrer Suche begleiten.

Gott segne Sie! Beten Sie weiter!

Ihr Frank Muchlinsky

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Kommentare

Hallo, ich habe letzte Woche eine Krebs-Diagnose bekommen. Mit Religion und der Bibel habe ich mich immer wieder befasst, aber jetzt beginne ich mich zu fragen, warum Gott Leid zulässt.
Ich habe diese Frage schon einigen Theologen und Religionsvertretern gestellt. 
Einige sagen: Darauf gäbe es keine Antwort.
Die meisten verweisen mich auf Bücher und Schriften, die angeblich die Antwort hätten.
Ich kann nicht 1000 Bücher lesen. Wo soll das enden? Ich muss von der jeweiligen Antwort ein kurzes Essay bekommen, um zu sondieren, ob sich ein Weiterlesen für mich lohnt.
Am liebsten wäre mir ein Gedanken-Austausch über E-Mail.
Also, wie beantworten Sie denn die Frage, warum Gott so viel Leid zulässt und warum er nicht schon längst etwas dagegen getan hat bzw. warum er überhaupt eine Welt geschaffen hat, wo so etwas entstehen kann. 
Ich bin gespannt auf Ihre Antwort und verbleibe mit vielen Grüßen, Winfried

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