Unter uns Pfarrern

Gefragt von Jakob Stehle, Pfarrer i.R.

Je mehr ich mich mit dem biblischen Glauben beschäftige, um so mehr wundert es mich, daß die katholische Kirche an alten Irrtümern und heidnischen Gebräuchen festhält. Auch wundert es mich, wie unsere evangelische Kirche in der "Gender-Frage" so einknickt und sich nicht an Gottes Schöfungsordnung und biblischen Anweisungen im Blick auf die Ehe hält? Welche Antwort würden Sie denen geben, die so fragen?

Ein Kollege

Lieber Kollege,

als studierter Theologe sollten Sie wissen, dass es keinen "biblischen Glauben" im Christentum gibt. Unser Glaube fußt zwar auf der Bibel, doch hat die Kirche von Anbeginn viel Zeit und Mühe aufgewendet, Bekenntnisse zu formulieren, die bekunden, was wir gemeinsam glauben. Es gibt also lediglich einen christlichen Glauben.

Was Sie unter den "heidnischen Gebräuchen" der katholischen Kirche verstehen, ist mich unklar.

Denen, die mich nach der von Ihnen erwähnten "Schöpfungsordnung" fragen, antworte ich, dass unsere Aufgabe als Christinnen und Christen nicht ist, die Bibel Wort für Wort umzusetzen. Erstens ginge das gar nicht, denn die Bibel widerspricht sich selbst. Zweitens ist es vielmehr unsere Aufgabe, die Schrift auszulegen. Das hat bereits Jesus getan und alle, die sich nach ihm nennen, tun gut daran, ebenfalls die Aussagen der Bibel zu interpretieren. Maßstab dabei sollte in jedem Fall das doppelte Liebesgebot sein, das Jesus zitiert: "Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Lev 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese." (Mk 12,29-31)

Wenn man verantwortungsvoll mit der Bibel umgehen will, sollte man diese Gebote als den Schlüssel zur Bibellektüre nutzen. Wenn es Stellen gibt, die diesen beiden Geboten entgegenstehen, dann sind diese Stellen diesen Geboten untergeordnet. Gott hat sich nach christlichem den Menschen nicht in der Bibel offenbart, sondern die Bibel ist das Zeugnis der Offenbarung Gottes. Dieses Zeugnis zum Gesetzbuch zu machen widerspricht dem Grundsatz, dass sich Gott den Menschen endgültig in Jesus Christus offenbarte. Die Bibel verkündet vielmehr das Evangelium, die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes.

Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, sondern damit, dass wir gerade verantwortungsvoll reden und handeln. Die Bibel als Zeugnis gegen den Kern ihrer Botschaft auszulegen, ist ein viel willkürlicherer Akt.

Kollegiale Grüße

Frank Muchlinsky

Fragen zum Thema