Biblischer Kanon in der katholischen und evangelischen Kirche

Gefragt von Rainer Mauersberger

Eine Gemeinsamkeit der evangelischen und der katholischen Kirche ist, dass sie denselben biblischen Kanon haben. Beide Kirchen erkennen also die Konzile an, die im 4. Jahrhundert (?) festgelegt haben, was "glaubhaft" oder "glaubbar ist", erkennen also an, dass die Kirche damals allgemein (also "katholisch") war. Da niemand in der evangelischen Kirche an diesem Bibelkanon zweifelt, ganz im Gegenteil sich darauf beruft, er aber andererseits von der "katholischen" Kirche festgelegt wurde, meine Frage: Die katholische Kirche hat den Bibelkanon festgelegt, aber die evangelische Kirche beruft sich darauf. Wann hat nach evangelische Sicht die katholische Kirche aufgehoert, eine heilige Kirche zu sein? Könnte die evangelische Kirche nicht sogar ihren eigenen Bibelkanon aufstellen?

Lieber Schreiber,

ja, im 4. Jahrhundert fand die Kanoisierung der Bibel statt. Damals gab es ja nur eine Kirche. Die Grundlage war dazu die Septuaginta, so nennt man die griechische Übersetzung des hebräischen Tanach und einiger weiterer Schriften.

Für die katholische Kirche war aber auch lateinische Neuübersetzung, Vulgata, von großer Bedeutung.

Im Zuge der Reformation wurde der bisher übliche Umfang des Kanons des Alten Testaments, der sich an der Septuaginta orientierte, in Frage gestellt. Martin Luther orientierte sich bei seiner Übersetzung des Alten Testaments am jüdischen, hebräischen Kanon, der – um 100 n. Chr. in seinem heutigen Umfang festgelegt – weniger Schriften umfasste als die um 200 v. Chr. entstandene Septuaginta (d.h.. ohne die Bücher Judith, Tobit, teilweise Daniel und Ester, Makkabäer, Sirach, Weisheit und Baruch).

Die katholische Kirche legte sich im Zuge der Gegenreformation verbindlich auf den Umfang der Septuaginta für das Alte Testament fest.

Die lutherischen Kirchen haben den Umfang des Kanons weder für das Alte noch für das Neue Testament jemals in einem offiziellen Bekenntnistext festgelegt, haben sich aber faktisch an die Entscheidung Luthers gehalten.

Die Reformatoren griffen auf den den hebräischen Kanon des Tanach zurück, während die römische Kirche am Umfang der lateinischen Vulgata festhielt.

Die über den hebräischen Bestand hinaus in der Septuaginta vermittelten Schriften hielt Martin Luther dennoch für Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind.

Ist dies eine Antwort auf Ihre Frage, lieber Schreiber?

Mit herzlichen Grüßen,

Sabine Löw

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