"Das andere aber ist ihm gleich"

Gefragt von Martin Richter

Ich habe eine Frage zu dem Gespräch Jesu mit den Sadduzäern und Pharisäern, wo er ja den zentralen Kern des Christlichen Glaubens thematisiert. Jesus benennt hier das Gebot der Gottesliebe, und anschließend das Gebot der der Nächsten- und Selbstliebe. Interessant finde ich persönlich ein kleines (aber aus meiner Sicht sehr wichtiges) Detail, was ich aber in noch keiner Predigt thematisiert fand, und auch beim googeln wurde ich nicht fündig: Jesus verknüpft die Gebote (Mt22, 39, Lutherbibel) "das andere aber ist ihm gleich:" Oft sind die Sätze vorher und nachher fettgedruckt, und dieser Halbsatz aber nicht. Nun zu meiner Frage: Gemeinhin wird "gleich" im Sinne von "gleichwertig" interpretiert. Könnte es aber auch sein, dass Jesus das im Sinne von "identisch" gemeint hat? (Mich würde da der Originaltext interessieren, und wie es übersetzt wurde). Also dass die Liebe zu Gott identisch ist zu der Liebe des Nächsten in Verbindung mit der Liebe von sich selbst? Dafür spräche auch, dass Johannes (1, Joh 4:16) schreibt: "Gott ist Liebe" Das hätte den charmanten Nebeneffekt, dass jemand der sich selbst und andere liebt, automatisch an Gott glauben würde, auch wenn er möglicherweise gar nicht an Gott glauben will. :)

Lieber Herr Richter, eine hoch spannende Frage. Dazu habe ich mir exegetische Hilfe eingeholt von Andreas Yaron Seifert,  Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neues Testament und Judentumskunde der Evangelisch-Theologische Fakultät an der Ruhr-Universität Bochum. Er sagt uns dazu:

"Das griechische Wort an dieser Stelle ist homoia, Und in der Tat kann das diese beiden Bedeutungen haben: "gleichwertig" oder "gleichartig". Ganz häufig findet man den Begriff im Matthäusevangelium in den Gleichnissen: durch homoia wird hier die Analogie hergestellt: zwischen Himmelreich und Senfkorn (13,31); Himmelreich und Sauerteig (13,33); Himmelreich und Schatz (13,44); Himmelreich und Perlen (13,45) und Himmelreich und Netz (13,47) sowie Himmelreich und Gutsherr (20,1). Von daher spricht zumindest in den Gleichnissen vieles für die Bedeutung "gleicher Art", ohne dass eine volle Identität vorliegt.

Dafür spricht auch der sonstige Gebrauch im NT etwa bei Paulus (Gal 5,21). Ganz deutlich wird es bei der griechischen Übersetzung der reinen bzw. unreinen Tiere in Deut 14: hier wird immer homoia genutzt, wenn es um "gleichartige" Tiere geht. Worum es geht ist also eine "typengleichheit" aber keine "identische" Gleichheit."

 

Was Ihren charmanten Nebeneffekt angeht, lieber Herr Richter, möchte ich sagen: Den finde ich genau so charmant wie Sie. Ein wunderbarer Gedanke! Daran können wir weiter denken und fühlen und unseren Nächsten einfach lieben. Wenn wir in der Liebe sind, sind wir in Gott und Gott in uns. 

Herzliche Grüße, Ihre Sabine Löw

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Kommentare

Vielen Dank, liebe Frau Löw, für die prompte und so fundierte Antwort! Also weder "gleichwertig" noch "identisch", sondern etwas dazwischen, also "gleichartig". Ja, das trifft es, denke ich, ganz gut. Denn nach meinem Gefühl wäre "gleichwertig" zu schwach, Jesus hat hier, denke ich, eine engere Verknüpfung im Sinne. Und "identisch" wäre vielleicht wiederum etwas zu mutig, wobei im Johannesevangelium "Gott ist Liebe" auch eine sehr mutige Formulierung ist...

Ich finde diese Matthäus Bibelstelle auch aus einem anderen Grund sehr spannend. Da Jesus den Pharisäern sagt (Mt 22,40) , dass an diesen beiden (gleichartigen) Geboten die ganze Schrift und alle Gebote hängen. Auf gut Deutsch sagt er damit den Gelehrten vor ihm (die sich vermutlich einiges einbilden, dass sie die ganzen Regeln kennen und beachten), dass es genügt, sich selbst und den nächsten zu lieben, dann muss man den anderen Religions-"Kram" gar nicht mehr so sehr beachten...Er muss schon ein Revoluzzer gewesen sein, mit feinem Sinn für Humor, der Jesus.

(wobei, sich selbst und den Nächsten zu lieben, ist eine so schwere Maxime, ich selbst schaffe das nicht mal einen Tag lang...)