Fragen zum Kreuzestod von Jesus

Gefragt von Marc

Hallo Frau Löw, welche Bedeutung hat der Kreuzestod von Jesus nach Meinung Ihrer Kirche? Warum war er erforderlich und was genau hat er bewirkt? Mit freundlichen Grüßen, Marc Niedermeier

Lieber Herr Niedermeier,

zu dieser großen, komplexen und wichtigen Frage von Ihnen, hat die EKD eine ganze Broschüre erstellt. Sie heißt: "Für uns gestorben, Die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi". Sie finden Sie hier:

https://www.ekd.de/download/fuer_uns_gestorben2015.pdf

Fürs kurze Lesen kann ich diesen Link empfehlen:

https://www.ekd.de/aktuell_presse/news_2015_03_27_1_kreuz.html

"Für uns gestorben" – Evangelische Kirche legt Grundlagentext zur Kreuzestheologie vor

Frankfurt a.M./Hannover (epd). Das Christentum ist ohne das Kreuz nicht denkbar. Als Symbol versinnbildlicht es Tod und Leiden Jesu. Es hängt in Kirchen, steht auf Friedhöfen oder findet sich in der christlichen Kunst. Kurz vor Ostern, dem Fest an dem Christen an den Tod Jesu erinnern und seine Auferstehung feiern, legte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Donnerstag einen Grundlagentext zur Kreuzestheologie vor.

Darüber, wie im 21. Jahrhundert über das Kreuz gepredigt werden kann, wird immer wieder heftig diskutiert. Zuletzt entzündete sich vor sechs Jahren im Rheinland nach einer Radioandacht ein Streit an der Frage, ob Jesus Christus für die Sünden der Menschen gestorben ist. Viele moderne Theologen sehen im Verständnis des Kreuzestodes als Sühnopfer ein grausames und sadistisches Gottesbild, das der Lehre Jesu von der unbedingten Liebe Gottes widerspricht. Konservative Christen halten dagegen am Opfergedanken fest und argumentieren, der Kreuzestod Jesu verliere ohne die Opfervorstellung seine besondere Bedeutung.

"Der EKD-Grundlagentext zeichnet eine mittlere Linie zwischen denjenigen, die unter allen Umständen an der klassischen Gestalt der Sühnopfer-Vorstellung festhalten wollen und den anderen, die die sie sofort streichen wollen", sagt der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies, der als Vorsitzender der Kammer für Theologie den Text maßgeblich miterarbeitet hat. Anliegen des Textes sei es deshalb, "gegen allzu vorschnelle Kritik zu erklären, warum es sinnvoll ist gerade dieses christliche Erbe zu bewahren". Zunächst sei es daher darum gegangen, "ruhig und sachlich" die Befunde darzustellen.

Der EKD-Text spannt einen Bogen von der Bibel bis zur Gegenwart, greift Kirchenlieder, aber auch Passionskonzerte und Jesusfilme auf und referiert die darin transportierte Kreuzestheologie. "Die Frage nach der Bedeutung der Passion ist bis zum heutige Tage nicht verstummt, und sie wird auch in Zukunft nicht verstummen. Das ist gut", heißt es in dem Text. "Denn diese Frage verhindert, dass sein Kreuz zu einer Selbstverständlichkeit wird, zu einem bloßen Symbol andächtiger Erniedrigung oder gar zu einem Schmuckstück, bei dessen Anblick wir die Schmerzensschreie des Gekreuzigten nicht mehr hören."

Einen großen Raum nehmen die Interpretationen des Leidens und Sterbens Jesu in der Theologiegeschichte ein: Die Satisfaktionslehre des mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury, die das Sterben Jesu als Sühneopfer interpretiert, steht neben Martin Luthers Vorstellung des stellvertretenden Kreuzestodes als Ausdruck der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Aber auch Theologen der Aufklärung reihen sich ein wie Friedrich Schleiermacher, der das Sterben Christi als inneres Mitgefühl mit der Sünde der Welt deutet.

"Wie kein anderes Zeichen macht das Kreuz Jesu Christi deutlich, dass die Liebe Gottes den Weg der tiefsten Erniedrigung geht, damit wir leben können", heißt es in dem EKD-Dokument. Der Grundlagentext, der mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 erarbeitet wurde, setzt sich intensiv mit den biblischen Befunden auseinander: "Die Betrachtung des Kreuzestodes im Horizont der biblische Texte kann den Verdacht ausräumen, es sei auf Golgatha um die Vollstreckung eines göttlichen Strafbedürfnisses gegangen." Vielmehr stehe hinter dem Leiden Jesu das leidenschaftliche Drängen Gottes auf Versöhnung des Menschen mit Gott sowie zwischen den Menschen.

"Das Kreuz ist das christliche Zeichen der Menschenfreundlichkeit Gottes und der Versöhnung der Welt", schreibt der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm im Vorwort. Er formuliert den Auftrag, der sich nach Ansicht der Autoren aus der Auseinandersetzung mit der Kreuzestheologie ergibt: "Christliche Theologie steht vor der Aufgabe, das Verständnis der Liebe Gottes im Kreuz immer wieder neu zu erklären und zu entfalten."

Von Barbara Schneider (epd)

27. März 2015

Mit herzlichen Grüßen, Ihre Sabine Löw

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Kommentare

"Wie kein anderes Zeichen macht das Kreuz Jesu Christi deutlich, dass die Liebe Gottes den Weg der tiefsten Erniedrigung geht, damit wir leben können"

- Ob wir leben können, steht zum Glück in keinerlei Zusammenhang mit angeblichen Erniedrigungsphantasien erfundener Götter. Was veranlasst Menschen, sich solche Geschichten auszudenken? Ist es nur ein Versuch, einer bedeutungslosen Geschichte irgendeine Bedeutung zu geben, oder haben diese Menschen vielleicht einen Nutzen davon, wenn andere Menschen glauben, dass ihr Leben von der Erniedrigung eines Gottes(sohnes) abhängt?

Wie ist es aus psychologischer Sicht zu beurteilen, wenn Menschen tatsächlich glauben, dass jemand gefoltert und getötet werden musste, damit sie leben können? Und zwar möglichst real und nicht nur irgendwie symbolisch: "...bei dessen Anblick wir die Schmerzensschreie des Gekreuzigten nicht mehr hören." Wie muss man drauf sein, so etwas öffentlich zu behaupten und auch noch für irgendwie bedeutsam zu empfinden?

"Christliche Theologie steht vor der Aufgabe, das Verständnis der Liebe Gottes im Kreuz immer wieder neu zu erklären und zu entfalten."

Was die Daseinsberechtigung von Theologie (auch und gerade der christlichen) einmal mehr als äußerst fragwürdig erscheinen lässt. Wofür soll es gut sein, einen grausamen Foltertod eines Menschen vor knapp 2000 Jahren (den es so, wie in der Bibel beschrieben, nie gegeben hat) so umzuinterpretieren, dass dabei die angebliche Liebe eines angeblichen Gottes herauskommt?

Ich hoffe, wir sind uns darin einig: Eine Kreuzigung, egal ob als göttliches Menschenopfer, als selbstgewählte Sühneaktion oder als grausame Bestrafung kann niemals ein Ausdruck von "Liebe" in dem Sinne, den dieses Wort hat, sein.

Daran werden auch alle bisherigen und künftigen theologischen "Untersuchungen" und "Erkenntnisse" nichts ändern. Bleibt nochmal die Frage, warum Menschen einen solchen Aufwand betreiben, um dieser Geschichte irgendeine Bedeutung, einen Sinn abgewinnen zu können, statt sie einfach mal dort ablegen, wo auch die bisherigen Göttersagen lagern - im Archiv für archaische Märchen und Mythen.

Die Gegenwart stellt höchste Anforderungen an die Weiterentwicklung einer modernen, humanen, aufgeklärten Ethik, die für das Zusammenleben der Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert taugt. Da gibt es sicher auch für (ehemalige) Theologen viele Betätigungsmöglichkeiten, sich hier einzubringen, anstatt weiter ihre Zeit mit der Deutung von Mythen aus dem Vormittelalter zu verbringen.

Gott lässt die Sünde der Menschen, all das Unrecht, das damit verbunden ist, nicht ungesühnt. Aber er sagt: ich nehme die Strafe selbst auf mich. So mündet seine Gerechtigkeit in unermessliche Liebe, die uns frei macht von Unrecht und Schuld.

Hallo Herr Niedermeier,

Sie schreiben:

„Die Gegenwart stellt höchste Anforderungen an die Weiterentwicklung einer modernen, humanen, aufgeklärten Ethik, die für das Zusammenleben der Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert taugt.“

dieser Satz wundert mich bei Ihnen, wo Sie doch über von Menschen Erdachtes bisher sehr verächtlich schreiben. Für Produkte aus dem Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften ist ja die naturwissenschaftliche Evidenz, wie Sie sie z. B. auch für Gott fordern, regelmäßig nicht beizubringen. Woher soll denn eine ethische Grundlegung kommen, die Sie akzeptieren würden? Aus den Naturwissenschaften jedenfalls nicht.

Bereits das 20. Jahrhundert hat mit viel Modernität, Humanismus und Aufklärung begonnen, vielleicht sogar optimistischer als das 21.. All das ist auf den Schlachtfeldern der beiden Weltkriege und in den Konzentrationslagern und anderen Stätten menschlicher Unmenschlichkeit unter die Räder gekommen. Zu akademisch, zu unverbindlich, weder belastbar noch krisenfest. Zum Teil kam das Schlechte und Böse sogar maskiert als Modernes, Fortschrittliches, Vernünftiges und wissenschaftlich Begründetes daher.

Die christliche Vorstellung, dass wir mit dem, was wir unseren Mitmenschen antun, Gott selber treffen, symbolisiert durch den gekreuzigten Jesus, hat noch lange nicht ausgedient. Und umgekehrt ist die revolutionäre Idee, den uralten Mechanismen von Macht und Angst, die so oft zu Teufelskreisen der Gewalt führen, unbewaffnet und mit Liebe entgegenzutreten, auch wenn dies zunächst zu demütigenden Niederlagen nach weltlichen Maßstäben führt, noch immer aktuell und notwendig. Auch diesen Weg symbolisiert das Kreuz. Das Kreuz ist ein vielschichtiges Symbol und gehört nicht auf den Müll, sondern ins Bewusstsein, gerade im 21. Jahrhundert.

Thomas Jakob

Das heißt also konkret: Gott bestraft die Sünde der Menschen ("lässt sie nicht ungesühnt"). Allerdings liebt er die Menschen so sehr, dass er stattdessen sich selber bestraft, indem er seinen Sohn als Menschenopfer am Kreuz zu Tode foltern lässt, um im Gegenzug alle Menschen "frei von Unrecht" zu machen?

Wieso gibt es dann bis heute trotzdem noch Unrecht? Sind vielleicht noch weitere Menschenopfer nötig? Wie kann man die angebliche "unermessliche Liebe" eindeutig ursächlich einem bestimmten Gott zuordnen?

Und die spanndenste Frage: Wie kann man solche Aussagen mit gutem Gewissen mit Begriffen wie "Gerechtigkeit und unermessliche Liebe" in Zusammenhang bringen?

Viele Grüße, Marc