Was sagt das Christentum zum Fleischkonsum?

gestellt von Ronja Klinge am 27. April 2016
Fleischkonsum

© Olivia/iStockphoto/Getty Images

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,
für ein Referat beschäftigen wir uns mit dem Thema, ob es für uns Menschen gerechtfertigt ist, Fleisch zu essen.
Deshalb fragen wir Sie, was Sie als Vertreter der christlichen Kirche für eine Meinung zu diesem Thema haben.
Mit freundlichen Grüßen
Thisa Garthe und Ronja Klinge

Liebe Thisa, liebe Ronja,

 

Danke für Ihre Frage! Ich will darauf gern antworten, aber nicht ohne vorher darauf hinzuweisen, dass ich nicht für die Kirche sprechen kann – nicht für die evangelische Kirche und erst recht nicht für die gesamte Christenheit. Ich kann schreiben, was ich als evangelischer Pastor für eine angemessene christliche Haltung zum Thema Fleischkonsum halte. Wenn Sie mich also in Ihrem Referat zitieren, machen Sie bitte in jedem Fall deutlich, dass hier nicht die Kirche spricht.

 

Nun aber zu der Frage. Grundlage für den christlichen Glauben ist die Bibel. Das bedeutet, wenn die Kirche eine Position zu einem bestimmten Thema einnimmt, muss sich diese Position grundsätzlich mit der Bibel in Einklang bringen lassen. Dabei ist natürlich zu bedenken, dass die Bibel nicht so eindeutig ist, dass man einfach eine Bibelstelle finden könnte, die alles erklärt. Dafür sind die Aussagen innerhalb der Bibel zu verschieden. Man muss also schauen, was sich als Gesamtbild ergibt. Laut Bibel ist der Mensch zunächst ein reiner Pflanzenfresser. Es gibt zwei Schöpfungsgeschichten in der Bibel, und beide erzählen davon, dass Gott den Menschen zunächst lediglich Früchte und alle Pflanzen, "die Samen tragen". (1. Mose 1,29, ebenso 1. Mose 2,16). Das ändert sich im Laufe der Geschichte. Nach der Sintflut erlaubt Gott den Menschen ausdrücklich, dass sie "alles, was sich regt und lebt" essen dürfen, nur dürfe kein Blut mehr im Fleisch sei, weil darin (nach biblischem Verständnis) das Leben ist (1. Mose 9,2-4). Später kommen noch ausgesprochen viele Speisevorschriften hinzu, die den Fleischkonsum regeln und einschränken (vor allem sind der Genuss "unreiner" Tiere – zum Beispiel Schweine oder Shrimps (3. Mose 11)– verboten, sowie der gleichzeitige Verzehr von Fleisch- und Milchprodukten (5. Mose 14,21).

 

Niemals aber wird das Essen von Fleisch generell verboten oder auch nur in Frage gestellt. Im Gegenteil: Wenn ein Fest gefeiert wird, tut man das, indem man ein besonders wertvolles Tier schlachtet und zubereitet (Zum Beispiel in Lukas 15,23). Gott selbst "mag Fleisch", für die Brandopfer (2. Mose 20,24), die man für Gott am Tempel bringt, werden die schönsten und besten Tiere geschlachtet. Mit anderen Worten: Die Bibel kennt keinerlei ausdrückliche Anweisungen, warum ein Mensch auf Fleisch verzichten sollte. Selbst Jesus hat zum Passa-Fest Lamm gegessen, wie es üblich war (Markus 14,14).

 

Soweit zu den direkten, offensichtlichen Textstellen. Nun sagte ich aber gleich zu Beginn, dass es auch darauf ankommt, die biblische Botschaft in ihrer Gesamtheit anzuschauen, wenn man daraus ableiten will, wie man sich verhalten sollte. Der Mensch ist laut biblischer Überlieferung nicht nur ein Geschöpf Gottes, sondern er ist auch Gottes Ebenbild. Das bedeutet, dass der Mensch nicht nur über die Tiere "verfügen" oder "herrschen" soll, sondern sich auch um seine Mitgeschöpfe kümmern soll (Vergleiche 1. Mose 1,26-28). Gott hat den Menschen nach christlichem Verständnis Verantwortung für die Schöpfung übertragen. Verantwortung bedeutet, dass wir die Schöpfung pfleglich behandeln sollen und nicht ausbeuten. Darum ist Massentierhaltung durchaus ein Problem aus christlicher Sicht. Hoher Fleischkonsum führt außerdem dazu, dass dort, wo Nahrung für Menschen wachsen könnte, Futtermittel angebaut werden. Sie kennen diese Argumente sicherlich bereits. Sie sind für Christen und Christinnen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, durchaus gewichtige Argumente gegen Fleischkonsum.

 

Darum verzichten viele Christen auf Fleisch oder schränken den Konsum stark ein. Nicht, weil es ihr Glaube direkt verbieten würde, sondern weil ihr Glaube sie verantwortlich handeln lässt.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein paar Anregungen für Ihr Referat geben. Vor allem die Bibelstellen sollten Sie sich noch einmal anschauen und auch ein wenig über die paar Verse hinaus lesen.

 

Ich grüße herzlich

Ihr Frank Muchlinsky

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