Perlen vor die Säue? - Wer ist damit gemeint?

gestellt von Angelika Selzer am 12. August 2016
Perlen vor die Säue werfen

Foto: imago/Steinach

Mir wurde vorgeworfen, die Redewendung "Perlen vor die Säue werfen ist diskriminierend.

Zitat
Die "Christen" sind also die "Perlen", und die Andersdenkenden sind also angeblich die "Säue"! Diese Redewendung ist also klar abwertend, diskriminierend gemeint, sie verletzt m. E. die Würde des Menschen nach Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes!

Für mich wäre daraus die logische Schlussfolgerung, Jesus hätte in der Bergpredigt Menschen beleidigt.

Die Redewendung bezieht sich auf Matthäus 7,6.

Für eine klärende Antwort bin ich dankbar.

Liebe Frau Selzer,

 

Bei dem Vers in Matthäus 7,6 handelt es sich um ein sogenanntes "Bildwort", das bedeutet, dass Jesus hier ein sprachliches Bild benutzt, um etwas zu erläutern. Ähnlich bekannt ist zum Beispiel: "Ihr seid das Salz der Erde" (Mt 5,13) Natürlich meint Jesus nicht, seine Jünger seien Salz. Es geht ihm darum deutlich zu machen, was die Jünger für die Erde bedeuten. Sie sollen vielmehr die Welt mit Gottes Botschaft durchdringen, wie Salz eine Speise durchdringt.

Der Satz mit den Perlen und den Säuen ist zu einer Redewendung geworden, die ungefähr so viel ausdrückt: "Verschwende das Gute nicht an diejenigen, die es nicht würdigen können." Was der Satz ursprünglich bedeutete, lässt sich allerdings nur schwer rekonstruieren, weil er vom Evangelisten Matthäus ja in einen bestimmten Zusammenhang (nämlich in den der Bergpredigt Jesu) gestellt wurde. Hier steht er in unmittelbarer Nachbarschaft zu ein paar Worten darüber, dass man sich nicht über andere erheben soll und andere Menschen nicht richten soll. Es lohnt sich, den Zusammenhang zu lesen:

 

"Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.  Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge.

Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst. Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen."

Mt 7,1-6

 

Das doppelte Bildwort mit den Hunden und den Säuen taucht an dieser Stelle so unvermittelt auf, dass eine Interpretation schwer fällt. Eben noch fordert Jesus die Zuhörer auf, andere nicht zu richten, auf einmal sagt er, dass es Dinge gibt, die für einige Menschen zu schade sind. Eine einleuchtende Erklärung wäre, dass mit diesem Bildwort die Verse vom "Nicht richten sollen" relativiert werden sollen - im Sinne von: Es kann auch in einer christlichen Gemeinschaft, in der man grundsätzlich nicht gegeneinander vor Gericht ziehen soll und einander nicht ständig Vorwürfe macht, Punkte geben, an denen es einfach keinen Sinn mehr hat, es wieder und wieder zu versuchen. Bestimmten Menschen – so könnte man entsprechend sagen – stellen sich selbst so deutlich gegen die Gemeinschaft, dass man sie auch ausschließen darf. Das ist wie gesagt eine Interpretation dieses Wortes. Eine andere bezieht sich darauf, dass Jesus auch an anderer Stelle seinen Jüngern sagte, sie sollten losgehen und das Evangelium verkündigen. Wo das klappt, sollten sie eine Weile bleiben, aber "wo man euch nicht aufnimmt und nicht hört, da geht hinaus und schüttelt den Staub von euren Füßen zum Zeugnis gegen sie." (Mk 6,11) Also eine Erlaubnis für die Christen, nicht jeden Menschen unbedingt missionieren zu müssen.

Sie sehen, liebe Frau Selzer, es geht in dem Satz nicht darum, andere Menschen als Säue zu beschimpfen. Es ist ein Bildwort, das Christen davon befreien will, das Gute, das Gott ihnen geschenkt hat, um jeden Preis anderen aufdrängen zu wollen, beziehungsweise es will erlauben, Menschen, die die Gemeinschaft nicht wollen, auch wegzuschicken.

 

Zum Schluss möchte ich ein konkretes Beispiel aus diesem Fragenbereich bringen: Ich habe einen User, der mir seit Jahren immer wieder Fragen hier stellt und auch Kommentare verfasst. Seine Intention ist immer dieselbe: Es will mich "überführen", will deutlich machen, wie dumm und falsch mein christlicher Glaube ist. Ich habe mich lange Zeit seinen Fragen gestellt, weil ich dachte, er wäre an einer Antwort interessiert. Aber das ist nicht so. Er schreibt lediglich, um seine Meinung zu sagen. Wenn ich antworte, schreibt er Kommentare dazu, die deutlich machen, dass er sich in keiner Weise darum bemüht, mich zu verstehen. Mittlerweile lösche ich alles, was er mir schickt ohne es zu lesen. Seiner Meinung nach handle ich damit nicht nur als Pastor, sondern auch als Christ falsch. Meiner Meinung nach ist aber gerade die Bibelstelle, die Sie hier angesprochen haben, die Erlaubnis, genau das zu tun: Ich muss mich nicht regelmäßig solchen Menschen und ihren Anwürfen stellen. Ich muss und soll meine "Perlen nicht vor die Säue werfen". Nenne ich den User deswegen eine Sau? Nein, natürlich nicht. Er ist ein Mensch, und ich beschimpfe ihn nicht. Nur tut er mit dem, was mir kostbar ist, das, was der Vers sagt: Er will es zertreten. Das lasse ich nicht mehr zu.

 

Wir haben übrigens zu diesem und zu anderen biblichen Sprichwörtern eine Bildergalerie. Die lohnt sich sehr.

 

Ich hoffe, ich konnte weiterhelfen.

Herzlichen Gruß

Frank Muchlinsky

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Kommentare

Wow, eine wirklich sehr gute Antwort. Ich bin Christ mit ganzem Herzen und liebe Jesus sehr. Gerade wollte ich ein Buch "Jesus unser Schicksal" von Wilhelm Busch an einen Bekannten schicken, der seit Jahren über mich und meinen Glauben lästert. Ich wollte das Buch gerade eintüten "Da legte mir Gott plötzlich diesen Satz "Werft eure Perlen nicht vor die Säue" in meine Gedanken. Und stellen Sie sich vor, in diesem Augenblick kam ein junger angehender kurdischer Arzt in mein Büro. Er hatte ein paar organisatorische Fragen. Wir kamen auf den Glauben und auf Gott zu sprechen. Ich erzählte ihm folgende Geschichte die sich vor einigen Wochen in meinem Büro zugetragen hatte: Eine Kollegin aus dem Palliativteam, die einen jungen krebskranken Mann betreute, kam in mein Büro um über einen Fall zu reden. Dabei kamen wir über den Glauben ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie durch ihren kürzlich verstorbenen 19-jährigen Sohn zum Glauben gefunden hätte. Er sei immer etwas gläubig gewesen und durch die Erkrankung hätte er sehr zum Glauben gefunden. Am Tag seines Todes sagte er folgendes zu seienr Mutter: Mama, du brauchst keine Angst um mich zu haben. Das Zimmer ist voller Engel. Sie haben gesagt, fürchte dich nicht, wir sind gekommen um dich abzuholen und dich in den Himmel zu begleiten. Dann hätten sie wunderbar für ihn gesungen. Er sei dann friedlich eingeschlafen. Er hat es so voller Inbrunst erzählt sagte sie, dass sie durch das Erlebte auch tief zum Glauben gefunden hätte und sie wisse genau, sie sehen sich wieder. Dadurch kann sie ihr Leben gut Leben und die Aufgaben erfüllen, die von Gott gefordert werden. Eine tolle Geschichte, die ich unseren oft sehr schlimm an Krebs Erkrankten gerne weiter erzähle. Das hatte ich also diesem jungen angehenden Arzt, der ein wie er sagte lauwarmer Sunit ist, vom Glauben her, erzählt. Er war sehr angetan und fragte in welche Gemeinde ich gehe. Ich hatte dieses Buch noch in der Hand, welches ich gerade eintüten wollte und fragte ihn, ob er daran Interesse hätte. Er sagte, dass er es gerne annehmen und lesen würde. Das war mal wieder ein tolles Erlebnis mit Gott. Danke Herr! Herzliche Grüße Sonja Blaufelder 2YM5Tf

Das muss ich noch anfügen: Als mir dieser Satz in die Gedanken kam, dachte ich, ich will mal nachschauen, was damit eigentlich gemeint ist. So kam ich auf Ihre Seite.

Danke, Herr Pastro, Sie haben nicht nur Frau Selzer wertvolle Erklärungen geliefert, sondern auch mir! Der erste Teil war mir soweit bekannt, der zweite Teil, mit Ihrem, Sie selbst betreffenden Beispiel, fand ich persönlich sehr passend und wertvoll, genau so soll man es verstehen und anwenden. Es gibt da noch eine Weisheit für solche uneinsichtigen, provozierenden Personen: Wer glaubt, braucht keine Erklärung, wer nicht glaubt, bei dem nützt keine Erklärung!
Alles Gute, Gottes Segen und freundliche Grüsse.
Raphael Arnet, katholischer Religionslehrer

Herzliche Grüße Herr Muchlinsky,

Sie haben diese Stelle so toll erklärt! Vielen Dank dafür!
Ich schätze Ihre Arbeit hier sehr. Und sie lässt mich immer wieder mitwachsen.
Schön, dass Sie das mit so viel Hingabe machen.

Nochmals, Vielen, herzlichen Dank.

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