Gott lässt als Strafe alle Kinder verhungern?

gestellt von Lucy am 23. Januar 2017

Guten Abend,
momentan lese ich Jeremia und an einer Stelle in diesem Buch, die ich gestern gelesen habe, habe ich große Probleme.

 

Und zwar mit Jeremia 11,22-23a:
"Ich werde sie dafür strafen! Ihre jungen Männer werden im Krieg fallen und die Kinder verhungern. Keiner von ihnen wird überleben."

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Gott aus Zorn alle Kinder verhungern lässt. Das passt nicht dazu, was Jesus gelebt hat: "Lasst die Kinder zu mir kommen!" Es passt nicht zu Liebe und Barmherzigkeit. Können Kinder wirklich schon uneingeschränkt verantwortlich gemacht werden für ihre Taten? Sie sind doch noch nicht richtig schuldfähig, auch vor unserer Rechtsprechung nicht - mit gutem Grund!

Ich verstehe einfach nicht, wie das gemeint ist. Hat Gott dann wirklich alle Kinder des Volkes Israel verhungern lassen?

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen. Die ganze Sache beschäftigt mich ziemlich.

 

Viele Grüße,
Luise Heitkamp

Liebe Frau Heitkamp,

ich habe mir erlaubt, Ihre Frage an Frau Prof. Köhlmoos von der Goethe-Universität in Frankfurt weiterzugeben. Sie ist Spezialistin für das Alte Testament und war so freundlich, Ihre Frage zu beantworten.

Herzlich

Frank Muchlinsky

 

Sehr geehrte Frau Heitkamp,

 

ich verstehe, dass diese Stelle sie beschäftigt, denn solche Worte bilden für unser Gottesverständnis häufig eine große Anfechtung.

Die Übersetzung, die Sie zitieren, ist aus der „Hoffnung für alle“-Bibel übernommen. Diese strebt ein Höchstmaß an unmittelbarer Verständlichkeit an (was ein gutes Ziel ist), stellt die genaue Übereinstimmung mit dem Ausgangstext aber eher in die zweite Reihe.

Wenn man Jer 11,22 in den anderen üblichen Übersetzungen liest, stellt man fest, dass der Vers dort etwas anders klingt:

  • Lutherbibel 2017 (keine Veränderung zur 1984): 22 darum, so spricht der Herr Zebaoth: Siehe, ich will sie heimsuchen. Ihre junge Mannschaft soll mit dem Schwert getötet werden, und ihre Söhne und Töchter sollen vor Hunger sterben, 23 dass keiner von ihnen übrig bleibt;
  • Zürcher Bibel: 22 Darum, so spricht der HERR der Heerscharen: Sieh, ich suche sie heim: Die jungen Männer werden durch das Schwert sterben, ihre Söhne und ihre Töchter werden sterben vor Hunger. 23 Und von ihnen wird kein Rest bleiben
  • Gute Nachricht: Doch der HERR, der Herrscher der Welt, antwortet: »Ich werde die Leute von Anatot zur Rechenschaft ziehen! Ihre jungen Männer werden durch das Schwert umkommen und ihre Kinder durch Hunger. 23 Das Volk dieser Stadt geht restlos unter,
  • Einheitsübersetzung: 22 Darum - so spricht der Herr der Heere: Seht, ich werde sie zur Rechenschaft ziehen. Die jungen Männer sterben durchs Schwert, ihre Söhne und Töchter sterben vor Hunger. 23 So wird den Leuten von Anatot kein Rest mehr bleiben,
  • Elberfelder: 22 darum, so spricht der HERR der Heerscharen: Siehe, ich suche sie heim. Die jungen Männer werden durchs Schwert sterben, ihre Söhne und ihre Töchter werden vor Hunger sterben, 23 und kein Rest wird von ihnen bleiben

 

Sie sehen, in den meisten Übersetzungen ist erstens von „heimsuchen“ die Rede statt von „strafen“, zweitens heißt es „Söhne und Töchter“ statt „Kinder“, drittens heißt es „keiner bleibt übrig“.  Ich habe die Stelle im hebräischen Text nachgeschlagen und festgestellt, dass die anderen Übersetzungen den hebräischen Sinn tatsächlich etwas besser treffen. Das Verb paqad sollte man auf jeden Fall mit „heimsuchen“, besser noch: „Zur Rechenschaft ziehen“ übersetzen. Außerdem steht im hebräischen Text wirklich „Söhne und Töchter“, d.h. „Nachkommenschaft“, nicht kleine Menschen. Und drittens schließlich heißt es wirklich eher „keiner bleibt übrig“.

 

Liest man Jer 11,22-23a in den anderen Übersetzungen, bleibt es immer noch ein reichlich harter Text, er ruft aber möglicherweise schon andere Reaktionen hervor als „Hoffnung für Alle“. Daraus lässt sich schon einmal eine Hilfestellung für Ihr Problem ableiten (mit dem Sie nicht alleine sind!): Wenn Sie eine Bibelstelle irritiert, schauen Sie noch einmal in eine andere Übersetzung. (Luther, Zürcher, Gute Nachricht, Einheitsübsetzung finden Sie auf: www.die-bibel.de; Elberfelder unter: www.bibleserver.de. Dabei gilt: je mehr Übersetzungen in einer Wiedergabe übereinstimmen, umso dichter sind sie am hebräischen (im Neuen Testament: griechischen) Ausgangstext.

 

Außerdem sagt Jer 11,23 als ganzer (auch in Hoffnung für Alle), dass dieses Unheil nicht über ganz Israel kommen wird, sondern über die Leute von Anatot (23 Keiner von ihnen wird überleben. Wenn die Zeit gekommen ist, bringe ich Unheil über die Leute von Anatot." Ihre Frage "Hat Gott dann wirklich alle Kinder des Volkes Israel verhungern lassen?" ist insofern bereits aus dem Text beantwortet: Nein, denn die Ankündigung richtet sich gegen die Bewohner der Stadt Anatot. Außerdem wird im ganzen Buch Jeremia nicht berichtet, ob und wie Gott diese spezielle Ankündigung ausgeführt hat.

Somit ergibt sich eine weitere Hilfestellung für Ihr Problem: Lesen Sie möglichst immer den näheren Kontext mit.

 

Trotzdem bleibt der Abschnitt Jer 11,18-23 ein harter Brocken. Jeremia beklagt sich hier bei Gott darüber, dass seine Nachbarn ihm wegen seiner Unheilsbotschaft nach dem Leben trachten. Er bittet Gott darum, seine Verfolger dem Recht angemessen zur Rechenschaft zu ziehen. Gott antwortet, dass er das tun wird. Die zugrundeliegende Rechtskonstruktion ist diese: Die Leute der Stadt Anatot vergreifen sich an dem, der als Prophet unter Gottes besonderem Schutz steht, also an Jeremia. Gottes kündigt an, dass er ebenfalls diejenigen heimsuchen wird, die unter dem Schutz der Männer von Anatot stehen, nämlich deren Nachkommenschaft. Diese „Auge-um-Auge-Logik“ ist für uns tatsächlich schwer zu verstehen.

Mit Jer 11 beginnt ein langer Abschnitt im Buch Jeremia, in dem das Schicksal Israels und Jeremias persönliches Schicksal in Dialogen zwischen Jeremia und Gott diskutiert werden (Jer 11-20). In welcher Situation sich diese Dialoge abspielen, ist nicht klar erkennbar. Es wird aber deutlich, dass man den ganzen Abschnitt als großen Zusammenhang lesen muss, bei dem Jeremia und Gott das für und wider des bevorstehenden Gerichts miteinander erwägen.

Eine hervorragende und gut verständliche Auslegung dazu finden Sie hier.

Das heißt also für Ihr spezielles Problem: Lesen Sie auch den größeren Kontext mit.

 

Im ganzen Jeremiabuch geht es darum, dass Gottes Geduld mit Israel erschöpft ist. Obwohl die Israeliten eigentlich genau wissen, was sie tun sollten, tun sie es doch nicht. Auch der Ruf Jeremias zur Umkehr fruchtet nicht. In der Perspektive der Geschichte Israels hat das Volk Israel immer eine fatale Neigung gezeigt, die Heilsereignisse (Herausführung aus Ägypten, Offenbarung am Sinai, Landnahme, Bewahrungen in der Richterzeit, David, Salomo, Hiskia) zu vergessen und sich anderen Gottheiten und den eigenen Verdiensten anzuvertrauen. Gott betrachtet das als Verrat, den er nicht ewig vergeben wird. Vielmehr staut sich über Jahrhunderte hinweg Schuld auf, die irgendwann so groß ist, dass sie nicht mehr vergeben werden kann. Israel  muss endlich die Verantwortung übernehmen, die Gott ihm zutraut. An diesem Punkt befinden sich Jeremia und Gott miteinander. Gerade in Jer 11-20 ist ein echtes Ringen darum erkennbar, ob das Gericht angemessen und sinnvoll ist. Jeremia antwortet mit einem „ja“; sein Zeitgenosse Hesekiel sieht das anderes (Hes 18).

 

Mit herzlichem Gruß,

Melanie Köhlmoos

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Kommentare

Vielen Dank für diese ausführliche und einleuchtende Antwort!

Hallo ihr lieben Bibelenthusiasten.Ein wirklich spannendes Buch mit allen Facetten irdischen Lebens.Aber wirklich interessant wird es erst als Botschaft des einen Gottes an den man darin aufgerufen wird zu glauben.Das ist ja die Kernbotschaft der ganzen Bibel.Und die Kernaussagen ist:Der Gott den es gibt,der ist ein guter Gott.
Wie passt das zur „Strafe Gottes“? Wenn Gott gut ist,warum straft er manchmal so unbarmherzig? So wie wir das etwa in Jerimia nachlesen können?Und wie kann man das mit der Botschaft des Neuen Testaments in Einklang bringen?
Wie wäre es damit:Trennung von statt Verbundenheit mit Gott? Das bedeutet eigentlich:Du strafst dich selbst,Gott kündigt es nur an!
Das beginnt bereits im Paradies.Gott sagt „nicht essen sonst musst du sterben“,aber du willst deine eigenen Wege gehen,dich von Gott trennen,und isst.Wie soll sich Gott jetzt rausreden?Soll er sagen,ach ich hab das ja nicht so gemeint mach dich locker,war nur Spaß?Dann wird Gott sich selbst untreu.Und jetzt stell dir vor das wäre auch so beim ewigen Leben.Stell dir vor sagt dann auch,wenn du hoffst das er ehrlich zu dir war:Ach war alles nur Spaß!
Also Gott beweist uns zum einen er ist treu.Zum anderen aber das er immer eine Lösung für uns bereit hält, - wenn wir doch mal wieder bereit sind ihn aufzusuchen und auf ihn zu hören.
So in etwa verstehe ich die Gerichtsankündigungen des alten Testaments.
Der Mensch erhält von Gott alles was gut ist,da ist glaube ich auch heute auf dieser Welt alles was nötig wäre um das schönste leben zu haben das man sich nur vorstellen kann;aber der Mensch nutzt diese Chance nicht,sondern ist selbstsüchtig,gemein,lässt die Welt in Angst und Schrecken leben.Das ist ein Teil unserer Welt.Kinder verhungern auch heute und sterben,werden versklavt und misshandelt.Hat Gott das angekündigt?Nein.Und es passiert doch!Ist nun Gott auch daran schuld?Ich denke nicht.Es ist der Mensch im einzelnen und die Menschheit als Ganzes,die viel besser könnte,und darum viel besser müsste aber - einfach nicht die Verantwortung übernehmen will.Manche sagen dann:Gott will das so,und berufen sich auf das Alte Testament.Aber das sagt eigentlich was ganz anderes:Das Alte Testament beschreibt das werben und die Hoffnung Gottes die Liebe und Zuneigung und wie der zum Glauben berufene Mensch sich einfach abwendet und seinen eigenen Geschäften nachgeht.Und der Prophet der dazu berufen wird darüber zu sprechen leidet Schmach und Anfeindung und man trachtet ihm nach dem Leben,weil er nicht nur etwas kommendes ankündigt was alle furchtbar treffen wird,sondern weil er auch die Lösung anbietet die keiner hören will:Sucht Gott!
So wie heute geschieht auch das Gericht damals und es trifft immer noch am meisten die Unschuldigen,und es geschieht ohne das jemand Einfluss darauf nimmt als der Mensch selbst.
Und das beschreibt die Welt von Anfang an.Die Lösung wäre ganz einfach:Der Mensch wendet sich insgesamt Gott zu.Aber das ist scheinbar aussichtslos.Also ergreift Gott die Nachkommenschaft Abrahams nach dem Fleisch und sagt:Vielleicht sind sie wie Abraham.Aber nein;sie sind Halsstarrig und wollen oft,obwohl sie die Wunder Gottes erleben,genauso uneinsichtig sein wie alle anderen Menschen auch.Doch unter ihnen sind immer die gewesen die diesen Gott nicht um alles in der Welt loslassen möchten:Jeremia,Daniel,David,Hiskia,Jakob,Josef,Nehemia und auch immer wieder mal das ganze Volk gemeinsam.Das Gericht das das Volk Gottes trifft ist also meiner unakademischen und bescheidenen Meinung nach,nicht der Wille und der Zorn Gottes,sondern die unausbleibliche Folge,die ein kleines und herausgerufenes Volk trifft,das Volk Gottes,wenn Gott nicht machtvoll für Sie Eintritt.So wie bei David und Goliath.Wäre David kein Mann Gottes gewesen hätte Israel vielleicht eine endgültige Niederlage erlitten von der es sich nie erholt hätte.Wenn man biblisch denkt,dann ist einem glaube ich bewusst das nicht Gott den Goliath getötet hat,sondern David ihn im Vertrauen auf Gott besiegt hat.Andererseits aber wäre es bei einer Niederlage genauso gewesen.Die wäre aus Unglauben über Israel hereingebrochen.David hatte einfach das Herz am rechten Fleck.Das ist,so beschreiben es die Propheten nach ihm,bei Isreael meistens nicht mehr so.
Ich würde das etwa mit den Klima- und Umweltschäden unserer Zeit vergleichen,und auch das große Leid das wir in anderen Ländern sehen hängt damit zusammen:Wir könnten uns verbessern und müssten es drastisch tun aber wollen es nicht weil wir uns lieber selbst Weiden und es uns gut gehen lassen.Als Volk und Nation.
Ist daran Gott schuld?Nein!Ist es das Gericht Gottes?Ja und nein.Das Gericht Gottes kommt,weil er es uns vorhersagt,der Verursacher ist er nicht.Der Schuldige ist der Mensch sowohl am Gericht als auch an der Katastrophe die über ihn hereinbricht;in Jerusalem und in dieser Zeit.Heisst das das der kleine Junge und das Mädchen ein gerechtes Gericht empfangen?Nein!Das heißt das die die Verantwortung übernehmen können und sollten diese nicht wahrnehmen.
Im Falle Jeremias übernimmt einer Verantwortung,aber keiner will auf ihn hören.Nicht weil das Volk Gott nicht kennt und nicht weiß wie es durch die Propheten spricht,sondern weil sie so sehr verstrickt und unlösbar mit ihrer Sünde verbunden sind das es jeden einzelnen,persönlich Zuviel kosten würde,auf die Stimme Gottes zu hören.
Wenn Gott also sagt:“Ich werde über euch kommen lassen,oder bringen...“,dann bedeutet das meiner Meinung nach nicht das er der Verursacher ist,sondern sich einfach abwendet weil auch das Volk sich von Ihm! Abwendet,es also Gott nicht brauchen möchte und er darum überflüssig wird.
Ich glaube Gott spricht auch heute zu uns durch die Zeichen die seine Schöpfung uns gibt.Denn Selbsternannte menschliche Propheten gibt es schon viel zu viele und warum sollte man auf einen von denen noch hören?Aber die Schöpfung Gottes selbst,als selbstloser und wirklich glaubwürdiger Prophet,bezeugt uns das wir auf einem furchtbaren Weg sind,aber keiner will hören.Selbst die Kinder erkennen es schon.Aber keiner rafft sich auf und übernimmt Verantwortung.Und wenn in einigen Jahren Kinder sterben oder noch schlimmere Katastrophen hereinbrechen:War es dann auch wieder Gott dem wir das zu verdanken haben,oder nicht doch der besinnungslose Mensch für den Umkehr und Abkehr vom Bösen nicht möglich scheint?
Das wichtigste für einen Menschen um an Gott glauben zu können,ist das ihm bewusst wird wie unendlich gut Gott tatsächlich sein muss und wie gut er zu ALLEN sein möchte.Das ist die Botschaft der Bibel,die leider auch und immer wieder von vielen falsch verstanden und selbstsüchtig verunstaltet wurde.Gott ist gut und wo wir uns Gott zuwenden da ist eine gute Welt.Je mehr Menschen also Verantwortung übernehmen und sich einem guten Gott zuwenden,umso besser kann unsere Welt werden.
Jesus Christus der Sohn Gottes zeigt uns wie es geht,was sollte also schief gehen wenn wir es im Namen des Sohnes Gottes auch versuchen?

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