Was sagt die Bibel zum Thema transgender?

gestellt von Mutter eines trans*Kindes am 3. März 2018
Transgender

Foto: Getty Images/iStockphoto/kroach

Hallo Herr Muchlinsky,
ich bin Christ und Mutter eines 8-jährigen trans*Sohnes. D.h. mein Sohn wurde mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren und lebte fast 6 Jahre als Mädchen. Schon mit 2 1/2 Jahren war er anders als andere Mädchen in seinem Alter. Mit den Jahren wurde er immer klarer und sagte uns kurz vor seinem 6. Geburtstag dass er sich als Junge fühlt und mit einem bestimmten Jungennamen angesprochen werden möchte. Nun lebt er schon seit fast 3 Jahren durchgängig als Junge. Ich habe zu dem Thema von Christen fast ausschließlich gehört, dass das von Gott nicht gewollt ist, Gott hat Mann und Frau erschaffen etc. Nun bin ich in letzter Zeit auf christliche Artikel zum Thema gestoßen, die dem Thema positiver gegenüberstehen. Ich bin echt verwirrt. Was stimmt denn nun? Gibt es vielleicht Bibelstellen zum Thema (ich habe keine gefunden) - wenn möglich mit kurzer Interpretation. Ich glaube ja, dass Gott meinen Sohn genau so gemacht hat und ihn genau so liebt. Ich glaube auch, dass mein Sohn anderen Menschen die Nächstenliebe näher bringen soll. Denn wenn ich eins in der Vergangenheit gelernt habe ist, dass bei vielen Christen die Nächstenliebe beim Thema trans* aufhört. Das finde ich schade!

Viele Grüße und Gottes Segen!

Liebe Mutter eines Trans*Kindes,

 

ich versuche Ihnen stellvertretend für Herrn Muchlinsky eine Antwort auf Ihre Fragen zu geben.

Es berührt mich zu lesen, wie Sie als Mutter mit der Geschlechtsidentität ihres Sohnes umgehen. Wie Sie es beschreiben hat er für sich eine gute Entscheidung getroffen, das ist schön zu hören!

 

Nun äußert sich die Bibel nicht explizit zum Themenkreis Transgender. Im Schöpfungsbericht der Genesis – auf den Sie ja auch verweisen – heißt es: "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau." Diese Stelle wird von einer bestimmten Richtung der Bibelauslegung herangezogen um auf eine eindeutige Schöpfungsordnung Gottes zu pochen, die nach dieser Logik lediglich zwei Geschlechter- das männliche und das weibliche - und diese in aller Eindeutigkeit umfasse. Dass sich bei Fragen der geschlechtlichen Identität viele Menschen nicht eindeutig ihrem biologischen Geschlecht zuordnen können, wird an der Geschichte Ihres Sohnes deutlich und auch gesamtgesellschaftlich setzt sich diese Erkenntnis allmählich durch. So hat der Bundesgerichtshof  im November des letzten Jahres entschieden, dass im Personenstandsregister neben „männlich“ und „weiblich“ eine neue Kategorie eingeführt werden muss. Die Frage, was einen Mann zum Mann und was eine Frau zur Frau macht beantwortet die Genesis an dieser Stelle nicht. Viele Exegeten lesen in der Bestimmung des Menschen „als Mann und Frau“, dass der Mensch nicht als Insel geschaffen ist, sondern auf Beziehung hin angelegt ist. Beziehungen können sich nicht nur zwischen einem biologischen Cis- Mann und einer Cis- Frau entwickeln.

Die Lebenswelt der biblischen Autoren ist nicht die unsrige. Auf viele Fragen unserer Zeit finden wir deshalb keine eins zu eins übertragbaren Antworten in der Bibel. Wir müssen uns der Frage also auf andere Art nähern als aus biblischen Texten einen feststehenden Gesetzeskatalog abzuleiten. Die Bibel ist Evangelium - frohe Botschaft von der befreienden Gnade Gottes und keine Vorlage für moralische Do´s und Dont´s anhand derer wir Menschen aus unserer Gemeinschaft aussondern – nicht durch das Einhalten ethischer Normen werden wir zu Christinnen und Christen sondern durch den Glauben.

 

Als Brüder und Schwestern erkennen wir in unserem Gegenüber Gottes Ebenbild, auch das lesen wir in Gen 2, 28. Nichts anderes wünschen Sie sich für Ihren Sohn: dass er als geliebtes Geschöpf Gottes gesehen und anerkannt wird. Jedem Menschen diese Würde zuzugestehen, bedeutet für mich ebenfalls, nicht über ihn zu urteilen, sondern mich auf seine Sicht und seine Empfindungen einzulassen: zuhören, versuchen zu verstehen, was mein Gegenüber braucht um ein würdevolles Leben zu leben. Denn ein würdiges Leben bedeutet nicht für jede und jeden von uns dasselbe. Gleichmacherei kann nicht die Lösung für unser Zusammenleben in der Gemeinde sein. Wir sind nicht gleich, doch uns kommt die gleiche Würde als Mensch zu, weil wir – ungeachtet unserer Herkunft, unseres gesellschaftlichen Standes, unserer Geschlechtlichkeit - zu Christus gehören. So schreibt Paulus im Galaterbrief:

„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Sohn, dass Sie  Orte finden an denen Sie sich in der Gemeinschaft aufgehoben und angenommen fühlen, denn diese Orte gibt es auch innerhalb der Kirche. Nur zwei Beispiele seien hier genannt:

De Arbeitskreis Quikt besteht aus evangelischen Theologinnen und Laien und entwickelt Rituale  für Trans*menschen im Gottesdienst.

Der Kreuz & Queer Blog informiert über Ereignisse und Erfahrungen, die lesbische, schwule und bisexuelle Menschen und Transgender in der Kirche, ihrer Gemeinde und im Glauben machen.

 

Ich grüße Sie herzlich,

Maike Weiß

 

 

 

 

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Kommentare

Ich finde es gut und wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Bibel zu einer anderen Zeit geschrieben wurde und nicht wortwörtlich ins hier und heute übertragen werden kann. Dieses Fingerspitzengefühl bei der Übertragung wünsche ich uns allen.

Vielen Dank für Ihren ermutigenden Beitrag Frau Weiß :) Hier noch ein paar Gedanken von mir zum Thema:

In Markus 12, 28.31 steht auch: "Und einer der Schriftgelehrten, der gehört hatte, wie sie miteinander verhandelten, trat herzu, und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches Gebot ist das erste von allen? Jesus antwortete: Das erste ist: 'Höre, Israel: Der Herr, unser Gott, ist ein Herr; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft. Das zweite ist dieses: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Größer als diese ist kein anderes Gebot.' "

Das wird sehr häufig vergessen. Sexualität ist in Gemeinden ein so großes und vorherrschendes Thema und mit so vielen Zwängen und Ängsten verbunden das man denkt, es gäbe keine anderen Dinge über die man sich Gedanken machen kann. Das betrifft nicht nur den Bereich Transsexualität oder Homosexualität. Welcher Schaden wird denn hier im schlimmsten Fall (der häufig nicht eintritt!) angerichtet und welche Personen sind dann betroffen? Meiner Meinung nach nur Personen, die sich bewusst zur Transsexualität, Homosexualität, Sex vor der Ehe entschieden haben. Bin ich im Gegensatz dazu hartherzig, hinterhältig oder intrigant Anderen gegenüber schädige ich damit einen großen Kreis von Personen, die noch dazu kein Wahl haben.

Mit welchem Recht kann ich als Mensch über einen anderen urteilen?
"Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?" (Matthäus 7,3)

Transident zu sein ist keine "Entscheidung"

Hallo,

ist es pflicht am Karfreitag Fisch zu verzeheren oder nur eine Tradition der Katholiken?

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