Selbst-Geißelung

Gefragt von Manfred

Hallo Pia,

kurz zu meiner Person:
ich bin nun 47 Jahre alt und sehr gläubiger Christ, aus diesem Grund habe ich allen weltlichen Reizen entsagt.

Mein Problem:
Seit einiger Zeit habe ich nun eine neue Kollegin in meinem Büro und finde diese sehr anziehend. Ich bestrafe mich auch täglich selbst für den bloßen Gedanken an sie. Doch trotz meiner ganzen Bemühungen mich selbst zu Geiseln, geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß nicht was ich nun tun soll.

Ich habe meinen Körper Gott alleine versprochen und bin der festen Überzeugung, dass der Teufel selbst sie geschickt hat um mich von meinem heiligen Weg abzubringen. Ich versuche mich mit der Geißelung auf dem richtigen Weg zu halten, aber ich weiß schon nicht mehr was ich machen soll.

Hast du irgendwelche Tipps für mich, da ich nicht in der Hölle schmoren möchte!

Danke schon einmal und wünsche dir noch einen gesegneten Tag und möge Gott dich vor Satan schützen.

Lieber Manfred,

ich danke Ihnen für Ihre sehr persönliche Frage. Es tut mir sehr leid, dass Sie momentan so grausam leiden müssen und dass sowohl der Geist als auch die Seele und der Körper darunter leiden. 

Zunächst möchte ich Sie ermutigen, sich von der Selbstbestrafung loszusagen. Tun Sie dies Ihrem Körper nicht an. Juvenal (ein römischer Schreiberling) schrieb, dass ein gesunder Geist nur in einem gesunden Körper leben kann. (Original: […] orandum est ut sit mens sana in corpore sano. deutsche Übersetzung: „Beten sollte man darum, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei.“) Ein gesunder Körper ist also die Voraussetzung für einen gesunden Geist. Dem, was Sie schreiben, entnehme ich, dass dem aktuell bei Ihnen nicht ist.

Natürlich verstehe ich Ihr Bedürfnis danach, sich für jeden, Ihrem Eindruck nach, falschen Gedanken zu bestrafen, aber ich finde, dass sich Ihr Geist erst wieder Gedanken über den weiteren Weg machen kann, wenn Sie sich von der Selbstbestrafung trennen. Versuchen Sie es einmal, sich von der Selbstgeißelung zu trennen und sich mit anderen Denkanstößen zu beschäftigen, zum Beispiel einer der beiden Folgenden.

Erstens hilft häufig in solchen Fällen, die Frage nach einem "Warum?". Haben Sie mal darüber nachgedacht, die Dame genauer kennenzulernen? Kennen Sie sie überhaupt oder sind es eher äußerliche Reize, die Sie beeinflussen? Warum finden Sie sie also anziehend? Vielleicht ist hinter dieser ansprechenden Fassade eine Persönlichkeit, die Sie eher abstoßend finden? Seien Sie mutig und finden Sie es heraus!

Und zweitens, möchte ich Sie einladen Ihre Beziehung zu Gott zu überprüfen. Wie schaut es da gerade aus? Mit welchen Fragen setzen Sie sich gerade auseinander? Finden Sie in der Bibel oder in anderen theologischen Schriften Antworten auf Ihre Fragen? Wie funktioniert das gerade mit dem Beten? Sind Sie zufrieden? Fühlen Sie sich wohl dabei? 

Abschließend möchte ich noch einen dritten Gedankengang anfügen, der Ihnen womöglich zuwider ist. Aber vielleicht lohnt es sich auch darüber noch einmal ausführlich nachzudenken. Vielleicht ist nämlich eine intensive Gottesbeziehung auch gleichzeitig zu einer sozusagen weltlichen, menschlichen Liebe möglich? Haben Sie das schon einmal betrachtet? Finden nicht göttliche und weltliche Liebe auf zwei völlig voneinander verschiedenen Ebenen statt?

Sicher haben Sie insbesondere die abschließenden Gedanken schon häufig beschäftigt und Ihnen vielleicht die eine oder andere schlaflose Nacht beschert. Trotzdem möchte ich Sie motivieren, Ihre Gedanken noch einmal neu zu strukturieren und vielleicht die eine oder andere neue Erkenntnis hinzuzufügen. Lassen Sie sich nicht unterkriegen und trauen Sie sich gleichermaßen der Sache auf den Grund zu gehen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute!

Pia Heu

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