Bisexualität und Glaube

gestellt von Franka am 9. April 2018

Foto: Claudia Marx/adobe.stock

Hallo Herr Muchlinsky,
Seit einigen Wochen bin ich mir nun aktiv darüber bewusst, dass ich mich nicht nur zu Männern, sondern auch zu Frauen hingezogen fühle. Jedoch fällt es mir schwer es auszusprechen. Denn auch wenn in der heutigen Gesellschaft so was als "normal" gilt und akzeptiert wird, ist es defacto nicht normal und man wird auch nicht immer so behandelt. Ich habe es meinen engsten Freunden erzählt und dabei keinerlei schlechte Erfahrung gemacht. Jedoch ist meine Schwester homosexuell und auch schon seit einigen Jahren geoutet und dabei habe ich die ein oder andere schlechte Erfahrung gemacht. Ich habe Angst davor wie die Menschen reagieren. Ich habe Angst davor wie ich angesehen werde und ich habe Angst davor, dass meine Mitmenschen und (vor allem) Freundinnen mein Verhalten falsch interpretieren und sich zurück ziehen obwohl eine Umarmung nur eine freundschaftliche Geste ist oder ein Kuss auf die Wange nur freundschaftlich Glück, Freude und Dankbarkeit ausdrückt.
Mein anderes Problem ist, dass ich es nicht meiner Familie sagen kann. Akzeptiert von ihr werde ich. Das weiß ich, da meine Eltern auch meine Schwester sofort akzeptiert haben und sie sie bei ihrer Hochzeit vor wenigen Monaten zu jeder Zeit unterstützt haben. Aber wie kann ich es meiner Mutter sagen? Wie kann ich ihr sagen, dass keines ihrer beiden Kinder "normal" ist? Wie kann ich ihr nur sagen, dass sie vllt niemals biologische Enkelkinder bekommt?
Ich war neulich seit langer Zeit wieder in der Kirche, weil ich es leider von meinem Terminplan nicht schaffe regelmäßig zu gehen... Dort jedenfalls habe ich mich geborgen und nicht so alleine, einsam und verlassen gefühlt wie sonst. Meine Frage also ist die ob Gott mich ganz und gar akzeptiert und liebt. Eigentlich ist das meine Auffassung - Gott hat jeden Menschen genau so geschaffen wie er ist und Gott liebt jeden Menschen, denn er ist von ihm geschaffen. Damit hätte ich nie ein Problem bei der Homosexualität meiner Schwester. Aber mir scheint als würde das nicht mehr auf mich zutreffen. Ich fühle mich unvollständig und fehlerhaft. Ich bin nichts ganzes und nichts halbes. Ich bin weder das eine, noch das andere. Und genau das tut weh. Es tut weh darüber nachzudenken nicht normal zu sein. Doch im Gespräch mit Gott kann ich keine Lösung finden. Es ist als antworte er mir nicht. Lehnt er mich ab weil ich so bin wie ich bin?

Liebe Franka,

ich habe mir erlaubt, Ihre Frage an eine Kollegin weiterzureichen. Die Antwort kommt also von Frau Pia Heu.

Frank Muchlinsky

 

Liebe Franka,

vielen herzlichen Dank für Ihre ehrlich-offenen Worte und diese sehr spannende Frage. Ich werde mich an einer möglichst umfassenden Antwort versuchen. Denn es sind gleich mehrere Bereiche, die Sie damit ansprechen.

Zu Ihrer Frage zur Homosexualität, insbesondere die Liebe zwischen zwei Frauen, möchte ich Sie gern auf eine Frage verweisen, die Frank Muchlinsky bereits umfassend beantwortet hat. Sie finden diese unter folgendem Link.

Genauer eingehen möchte ich auf Ihre Frage nach der Angst, wie wohl Ihre Mitmenschen, insbesondere Ihre Mutter, mit einer solchen Nachricht umgehen werden. Eine pauschale Antwort lässt sich ganz rational darauf wohl nicht geben. Ich möchte Ihnen aber Mut machen und Sie darin bestärken, sich nicht zu verstecken oder zu verstellen. Wenn wir mit unseren Mitmenschen zusammenleben, dann funktioniert das nicht immer reibungslos. Das kennt wohl jeder von uns. Spätestens mit der Pubertät entdeckt jeder Teenager den ganz eigenen Weg und das kann häufig zu Konflikten, Auseinandersetzungen oder Streit führen. Zwar haben Sie die Pubertät sicher erfolgreich hinter sich gebracht, das Zusammenleben von uns Menschen, ist jedoch weiterhin nicht immer gradlinig und „ohne besondere Vorkommnisse“. Die Angst vor Ablehnung oder Verachtung kann ich sehr gut nachvollziehen, jedoch werden Sie wohl nie wissen, wie Ihre Mitmenschen darauf reagieren, wenn Sie es nicht wagen und zu dem stehen, was Sie auszeichnet und womit Sie sich identifizieren. Ich möchte Ihnen Mut machen in den Situationen, in denen dieses Thema in irgendeiner Form zur Sprache kommt, nicht auszuweichen, sondern sich klar zu positionieren und zu dem zu stehen, was Sie ausmacht. Nehmen Sie Ihren Standpunkt ein und lassen Sie sich nicht verunsichern. Und wenn es zur Auseinandersetzung kommt und sich jemand ungerecht behandelt fühlt, seien es Sie oder Ihr Gegenüber, so trauen Sie sich in die Diskussion. Trauen Sie sich Ihren Standpunkt, Ihre Hintergründe und Motivationen zu präsentieren und dafür einzustehen.

Auch in Bezug auf Ihre Mutter. Sprechen Sie mit ihr darüber und lassen Sie sie Anteil daran haben, was Ihnen wichtig ist. So wie Sie sie beschreiben, können Sie fest auf Ihre Eltern, Vater und Mutter, zählen. Das zeigt die Erfahrung mit Ihrer Schwester. Was ist denn so schlimm daran, wenn Sie ihnen keine, wie Sie es nennen, „biologischen Enkelkinder“ schenken können? Sind denn nicht-biologische Enkelkinder weniger wert? Sie sehen, ich überspitze die Situation etwas, finde jedoch nicht, dass die Kategorie eigene oder fremde Enkelkinder an dieser Stelle von Relevanz ist. Entscheidend ist es doch, dass Sie oder Ihre Schwester für Ihre Eltern da sind, wenn sie Sie brauchen – genauso, wie Sie es auch von Ihren Eltern erfahren haben.

Genau damit sind wir an dem Punkt, wo Gott ins Spiel kommt. Schön, dass Sie den Weg in die Kirche und zum Gottesdienst (das nehme ich einfach mal an) gefunden haben und sich auf das Gespräch mit Gott einlassen. Ich kann Ihnen eines definitiv sagen: Gott lehnt Sie keinesfalls ab. Beim Propheten Jesaja lesen wir die Zusage, die Gott, der HERR, uns allen macht. Dort heißt es: „Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43,1) Lesen Sie gern an dieser Stelle weiter und sehen Sie, was Gott uns noch alles zusagt. Ist das nicht die beste Zusage, die wir kriegen können? Und ja, sie gilt für uns – für Sie genauso wie für mich, Ihre Schwester, Ihre Eltern, etc. Ich verstehe jedoch auch Ihr Unwohlsein, Ihre Zweifel, Ihren Schmerz. Ihr Leben und Ihre Persönlichkeit ändern sich durch Ihre sexuelle Orientierung entscheidend. Vielleicht können wir das als eine Art weitere Pubertät verstehen? Körper – wahrscheinlich eher eingeschränkt – und Geist verändern sich und müssen sich erst auf das Neue einstellen, sich selbst ausprobieren und Grenzen erkennen. Versuchen Sie dies zuzulassen und helfen Sie sich, sich selbst zu finden. Wie ich Ihre Nachricht verstehe, sind die Geschehnisse noch relativ frisch, obwohl ich mir natürlich im Klaren darüber bin, dass es sich um kein Blitzerlebnis handelt, sondern sicher um einen Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinzieht. Zeugt das nicht von Reife? Selbstreflexion und Mut zum eigenen Selbst sind Stärken, die nicht jeder Mensch aufweisen kann. Ich finde, Sie haben diese eindeutig bewiesen und zeigen, dass Sie sich auch weiterhin damit auseinandersetzen.

Abschließen möchte ich die Beantwortung Ihrer Frage mit einem Bild, das nochmals auf unsere Gottesbeziehung eingeht. Kennen Sie das Bild vom Kaltgetränke-Automaten? Oft stellt man sich Gott wie einen Kaltgetränke-Automaten vor. Wenn man ihn braucht, dann steht er plötzlich da; wenn man ihn nicht braucht, dann taucht er nicht auf, denn er stört ja nur. Wenn man ihn braucht, dann soll er sofort die eine Münze, die man hat, annehmen und ein angenehm gekühltes Getränk auswerfen. Dazu einen Strohhalm und am besten auch für die leere Dose oder Flasche eine Rücknahme-Station haben, damit man keinen Aufwand hat. Wenn man dann fertig ist, verschwindet er wieder, der Kaltgetränke-Automat und nimmt nicht lästigerweise Platz weg. Keinesfalls möchte ich Ihnen unterstellen, dass Sie eine solche Gottesbeziehung pflegen. Das habe ich aus Ihrer Frage so nicht herausgelesen, vielmehr möchte ich diese Metapher als Anreiz nutzen, Sie zu motivieren, Ihre Beziehung zu Gott lebendig zu halten. Es funktioniert sicher nicht wie mit dem Kaltgetränke-Automaten, aber ich bin sicher, wenn Sie Gott eine Chance geben, dann kriegen Sie viel mehr, als ein langweiliges blubberndes Kaltgetränk. Dann fühlen Sie sich nicht mehr als Halbes oder Ganzes, sondern Sie sind angenommen von Gott unserem Vater.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Zeit und vor allem Mut für das, was als nächstes ansteht. 

Pia Heu

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Kommentare

Hallo,
auf welche Bibelverständnis gründet sich denn bitte Ihre Antwort Frau Heu?
Ja Gott verspricht uns für uns da zu sein und uns aus Problemen zu helfen!
Aber nur wenn wir das tun was er möchte! In der Bibel wird mehrmals davon gesprochen, dass Gott Ehescheidungen, geschlechtsbeziehungen außerhalb und vor der ehe, sowie Beziehungen zum anderen Geschlecht nicht gutheißt! Deshalb kann er doch jemandem der so etwas ohne Reue weiter tut nicht segnen.

Gastratgeber

Lieber Gastratgeber,

gern möchte ich Ihnen, sehr verkürzt, mein Verständnis der Bibel darstellen. Ich lese die Bibel als ein Buch, welches aus einer anderen Zeit stammt, ein Buch, dessen Texte mehrere tausend Jahre alt sind. Deshalb ist es ein Text, den wir nicht „einfach so“, wie er geschrieben steht, annehmen können, sondern ein Text, der interpretationsbedürftig ist. Ich verstehe die Bibel also nicht als ein Buch, welches absolut zu verstehen ist, sondern als ein Buch, welches ich immer im Kontext seiner Entstehung sehen und verstehen muss.

Die Bibel ist mir eine Hilfe in der theologischen Urteilsbildung und zudem ein Zeugnis vergangener christlicher Erfahrung. Darüber hinaus verstehe ich die Bibel aber auch als Bindeglied zu möglichen zukünftigen Gotteserfahrungen. Dies ist ebenfalls allein durch eine Auslegung des biblischen Textes möglich. Dem zugrunde liegt die Unterscheidung zwischen einem Verständnis der Bibel als Literatur oder als präskriptivem bzw. heiligem Text. Die konkrete Verhältnisbestimmung zwischen diesen beiden Extremen, die Bibel als Literatur oder die Bibel als heiliger Text, obliegt einer theologischen Bibelhermeneutik, die ich meiner Bibellektüre zugrunde lege.

Viele Grüße

Pia Heu   

Sie argumentieren in Ihrer obigen Antwort aber mit Texten, die nichts damit zu tun haben wie Gott Ehescheidung und außereheliche Geschlechtsbeziehungen sieht. Es wird nicht ein mal erwähnt Gott hätte nichts dagegen oder duldet dies. Immer gab es strikte Folgen für die beteiligten und das ist nun wirklich keine Auslegungssache sondern gesunder Menschenverstand.

Die biblischen Schriften sind zu einer anderen Zeit entstanden, als wir sie heute kennen. Die Lebensweise der Menschen war eine andere und auch die Zusammensetzung der Gesellschaft. Außerdem decken die biblischen Schriften eine unglaublich lange Zeitspanne als Entstehungszeit ab. Da kommt es nicht selten vor, dass sich gegenteilige Positionen in den biblischen Schriften als gesamtes finden. Das sollten wir immer im Kopf haben. Und dann spielt die Hermeneutik eine sehr wichtige Rolle. 

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