Ist Homosexualität Sünde?

gestellt von Timo am 17. Februar 2019

Hallo Frau Klee,

ich (m/17) finde mich gerade in einer emotionalen Krise... Ich habe letztes Jahr entdeckt, dass ich Bi bin. Ich habe mich ausprobiert und mit 2 Typen getroffen. Ich hatte mit ihnen schon beim ersten Treffen sexuellen Kontakt ... Ich habe zudem auch mit mehreren Typen Nacktbilder ausgetauscht. Anfangs fand ich dies nicht schlimm, weil ich dachte Gott ist zufrieden, solange ich glücklich bin...
Mittelerweile bereue ich dies alles und würde mich als Sünder bezeichnen, da ich meine Homosexualität ausgelebt habe und zu schnell sexuell gehandelt habe. Und ich weiß, dass mein Handeln komplett falsch war und gegen Gottes Willen.
Mir geht es seit Wochen schlecht und habe starke Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen. Ich habe Angst, dass Gott mir nicht vergeben sollte... Ich glaube eigentlich nicht an eine Hölle, sondern nur an den Himmel, wo alle Menschen nach dem Tod hinkommen, da Gott jedem vergibt auch Sündern. Jedoch plagt mich doch ne Vorstellung, indem eine Hölle existiert und ich da hinein komme...

Ich hoffe Sie können mir irgendwie einen Rat geben . War mein Verhalten sündhaft? Und was soll ich tun? Ich kann irgendwie gerade nicht mehr. Meine Gedanken gehen nicht mehr aus dem Kopf und alles ... Ich wünschte ich könnte meine Taten ungeschehen machen...

Lieber Timo,

da gehen dir aber viele Gedanken durch den Kopf! Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es mir als 17-Jährige ging. Und glaub mir: Du bist mit deinen Gedanken gar nicht allein. In manchem ging es mir damals ganz ähnlich.

Du hast also gemerkt, dass du bisexuell bist. Dann hattest du sexuellen Kontakt zu zwei Typen. Und nun bereust du es, weil du dich fragst, was Gott davon hält? Du schreibst selbst, dass du eigentlich an einen liebevollen Gott glaubst: An einen Gott, der möchte, dass du glücklich bist. Und du glaubst an den Himmel. Ein Himmel, der allen Menschen offen steht.

Das sind wirklich schöne Gedanken! Denn das hoffe ich auch. Ich glaube, dass Gott liebevoll auf uns schaut. Er möchte, dass wir glücklich und zufrieden sind. Und ich hoffe auch, dass wir uns einst alle im Himmel wiedertreffen.

Zu dem Thema, ob Homosexualität eine Sünde ist, oder nicht, gibt es unterschiedliche Auffassungen. Einige bibeltreue Christ*innen beziehen sich auf das Alte und Neue Testament. Sie argumentieren mit der Bibel gegen homosexuelle Praktiken. Allerdings muss man die Bibelstellen in ihren jeweiligen historischem Kontext betrachten. Die damalige Welt war eine andere als unsere heutige. Und so gibt es viele andere Gebote, an die wir uns heute auch nicht mehr halten, obwohl sie für die damaligen Menschen wichtig waren. Zum Beispiel durften christliche Menschen kein blutiges Steak essen. Frauen mussten ein Kopftuch im Gottesdienst tragen. Und die Ehe war für Paulus eigentlich auch nur ein notwendiges Übel. Mehr dazu hat Jürgen Ebach auf Evangelisch.De geschrieben. Oft wird da zweierlei Maß angelegt.

Es gibt sogar auch Bibelstellen, die eine besondere Nähe zwischen Menschen gleichen Geschlechts beschreiben. Rut & Noomi (Rut 1,16) oder Jonathan & David (2. Sam 1,26) zum Beispiel. Diese werden von Christ*innen angeführt, die sich für sexuelle Vielfalt im Christentum aussprechen. Mittlerweile gibt es viele Menschen des LGBTIQ*-Spektrums in den evangelischen Landeskirchen. Es gibt queere Jugendgruppen und auch queere Diakon*innen sowie Pfarrer*innen. Viele von ihnen setzen sich dafür ein, dass es zu keiner Diskriminierung mehr von bisexuellen, homosexuellen und transidenten Menschen in den christlichen Gemeinden kommt. Die evangelische Kirche in Berlin hat sogar einen eigenen Wagen beim CSD. Für diese Christ*innen ist Homosexualität oder auch Transidentität sicherlich keine Sünde! Und für mich auch nicht.

Trotzdem verstehe ich, dass das für dich eine verwirrende Zeit sein muss. Du hast nicht geschrieben, was dich zum Umdenken bewogen hat. Ob vielleicht andere dir gesagt haben, dass Homosexualität eine Sünde ist. Oder du dir einfach nicht so richtig sicher bist. Vielleicht ging es dir persönlich wirklich einfach ein bisschen zu schnell alles. Manchmal müssen Kopf und Herz erst einmal hinterherkommen, und das dauert eine Weile. Viele, die ein Coming Out erlebt haben, wissen, wie schwer das sein kann. Gerade, wenn man gläubig ist. Man wünscht sich ja auch einfach nur, "normal" zu sein. Das allein kann ausreichen, sich schuldig und schlecht zu fühlen.

Ich weiß nicht, in welchem Umfeld du wohnst. Vielleicht gibt es in deiner Nähe eine queere Jugendgruppe oder Ansprechpartner*innen? Es kann hilfreich sein, sich mit anderen auszutauschen, die auch christlich und queer sind. Lass dich nicht von anderen runterziehen, die anderer Meinung sind. Solchen Menschen wirst du öfter im Leben begegnen, deswegen ist es gut, eine starke Gemeinschaft um sich herum zu haben.

Ich hoffe, dass Gott dich weiterhin begleitet. Und, dass du spüren kannst: Er liebt dich. Er möchte, dass du glücklich bist. Egal, ob homo, hetero oder bi.

Herzliche Grüße,

Johanna Klee

P.S.: Ergänzend verlinke ich noch die (veraltete) Stellungnahme der EKD. Viele Landeskirche machen sich mittlerweile auf den Weg, bunt wie Gottes Schöpfung zu werden.

 

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Kommentare

Liebe Frau Klee, ich finde es etwas irritierend, dass Sie Ihre ansonsten ausgewogenen und hilfreichen Gedanken in Ihrer Antwort an den jungen Mann mit der Verlinkung der beiden Stellungnahmen der EKD und der FeG abschließen. Die Stellungnahme der EKD stammt aus dem Jahr 1996 und ist einfach überholt: Die Ergebnissen und Schlussfolgerungen der Stellungnahme (etwa aber nicht nur, dass die Ehe heterosexuellen Beziehungen vorbehalten werden muss) entspricht nicht mehr der Praxis der überwiegenden Mehrheit der EKD-Landeskirchen. Auch sonst stellt sie keine zeitgemäße evangelische Auseinandersetzungen mit diesen Fragen dar. Und die Stellungnahme der FeG ist fast menschenfeindlich in ihrem Inhalt: Sie propagiert gefährliche Ideen wie "heilung" von Schwulen und Lesben (für ein Verbot solcher Praktiken hat sich die Bundesregierung aus menschenrechtlichen Gründen ausgesprochen) und wurde bereits von der LSVD -- nunmal wirklich keine radikale Organisation -- als "homophober Unfug" bezeichnet.

Homosexualität ist keine Sünde, und die evangelische Kirche hat das in den letzten Jahren in aller Deutlichkeit mit der Öffnung der Ehe zum Ausdruck gebracht. Sie hätten diesem jungen Mann ruhig mit ein bisschen weniger Vorsicht und ein bisschen mehr vollmundiger Unterstützung begegnen können!

Danke für den Kommentar. Ich habe meine Antwort noch einmal etwas verändert. Homosexualität bleibt leider ein umstrittenes Thema im Spektrum der evangelischen Kirche. Ich hoffe, in Zukunft wird sich das ändern.

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