Das Glaubensbekenntnis und die Jungfrauengeburt

gestellt von Lutz Felbick am 19. Juni 2019
Betende Menschen

© FatCamera/istockphoto/Getty Images

Das Credo wird gelegentlich auch als Symbolum bezeichnet. In der Tat handelt es sich beim Credo um ein symbolisches Reden. Aber Symbole machen nur Sinn im historischen Kontext. Warum halten Sie am Symbol der jungfräulichen Geburt fest? Dieser Text wird üblicherweise im Gottesdienst ohne Erläuterungen gesprochen, wobei das Singular des Wortes "Credo" wenig Sinn macht, denn das Credo wird auch bei den Protestanten von oben (von Gott?) der ganzen Gemeinde vorgegeben.

Lieber Herr Felbick,

wo fange ich an? Vielleicht mit dem Singular. "Credo" heißt tatsächlich "Ich glaube". Trotzdem wird es im Gottesdienst gemeinsam von allen Anwesenden gesprochen. Allerdings ist das kein Widerspruch. Schließlich kann jede Person doch nur für sich selbst sprechen. Und wenn das "im Chor geschieht", wird daraus eine Gemeinschaft, die den gemeinsamen Glauben bekundet.

Punkt zwei soll dem "von oben von Gott" gelten: Die Glaubensbekenntnisse (wir haben ja durchaus mehrere in unser Kirche) sind in langwierigen Diskussionsprozessen entstanden. Jedes Bekenntnis, auch das von Ihnen angesprochene Apostolikum, hat also eine Geschichte, in der man sich auf das einigte, was man eben als Grundlage des gemeinsamen Glaubens bekennen will. Sie sind also in keiner Weise "von oben" formuliert worden, und schon gar nicht von Gott.

Dann "Symbole machen nur Sinn im historischen Kontext". Ich verstehe leider nicht, wie Sie darauf kommen. Symbole weisen auf etwas anders hin. Sie weisen über sich selbst weit hinaus bis hin in eine Bedeutung, die in keiner Weise historisch sein muss. Kaum eine Annahme, die wir über die biblischen Geschichten machen, wird von unabhängigen historischen Quellen bezeugt. Trotzdem ist das Kreuz das Symbol für Jesus Christus, das Christentum selbst, für die Überwindung des Todes, für die Erlösung der Menschheit von unserer Sündhaftigkeit, und so weiter und so fort.

Dass Jesus an einem Kreuz starb, steht so in der Bibel. Ebenso, wie die Tatsache, dass Maria eine Jungfrau war, als sie vom Heiligen Geist schwanger wurde. Nur weil Ihnen das eine wahrscheinlicher vorkommt als das andere, bedeutet doch beides sehr viel. Die Jungfrauengeburt kann man als unhistorisch ablehnen. Ich frage mich allerdings, warum so viele Leute ausgerechnet mit diesem Teil des Glaubensbekenntnisses Schwierigkeiten haben. Was ist mit der Himmelfahrt? Was ist mit dem Jüngsten Gericht? Was ist mit der Auferstehung der Toten? Was ist mit all den Aussagen des Glaubensbekenntnisses, die denen, die nicht glauben, eben "unglaublich" erscheinen?

Das Credo versucht die gesamte Botschaft des Christentums zusammenzufassen. Wer es spricht, misst den einzelnen Aussagen eine große Bedeutung für das eigene Leben bei. Wenn ich sage, ich glaube, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger wurde, sage ich damit: Jesus war ganz direkt göttlich. Das kann man natürlich nicht jedes Mal erläutern, wenn man zusammen das Glaubensbekenntnis spricht, aber dafür haben wir schließlich den Tauf-, beziehungsweise den Konfirmationsunterricht. Da gehören die Erläuterungen hin.

Ich grüße herzlich und hoffe, dass Sie mit meiner Antwort etwas anfangen können.

Frank Muchlinsky

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Kommentare

Lieber Herr Muchlinsky,

Sie haben Probleme mit meinem Satz "Symbole machen nur Sinn im historischen Kontext". Deshalb will ich Ihnen diesen Satz, der im Mittelpunkt meiner Frage stand, genauer erläutern. Ich hatte gefragt, warum Sie an dem Symbol der jungfräulichen Geburt festhalten? Damit hatte ich keinen Zweifel an der theologischen Aussage geäußert, die sich hinter diesem Symbol verbirgt. Ich hatte lediglich gefragt, warum es denn heute immer noch dieses Symbol sein muss.

Das Symbol der Jungfrauengeburt war in Altägypten gebräuchlich und in diesem historischen Kontext wurde es offensichtlich auch von jedermann unmittelbar ohne belehrende Erläuterungen verstanden. Tillich hat mich überzeugt, dass ein solcher antiker Symbolgebrauch sinnvoll war. Für Tillich ist ein Symbol, welches man erst einmal erläutern muss, kein Symbol mehr, sondern nur ein verabredtes äußerliches Zeichen für irgend etwas. Das überzeugt!! Verzeihen Sie mir diese Satire: Ein verabredtes äußerliches theologisches Zeichen könnte beispielsweise "XQP" sein und man müsste dann erläutern, welche theologische Aussage mit dem angeblichen Symbol "XQP" gemeint ist. Das kann es doch wohl nicht sein, oder?

Auch heute werden Symbole benutzt, die jeder versteht. Ein Notenschlüssel ist beispielsweise ein in der Öffentlichkeit benutztes grafisches Symbol, bei dem jeder sofort spürt (!!), dass das etwas mit Musik zu tun hat. Symbole sind also ein Sache des gefühlsmäßigen Verstehens. Sie werden zu einer beliebigen Zeichensprache, wenn zum Verstehen des x-beliebigen Zeichens erst kluge Erläuterungen erforderlich sind. Nach dem Motto: mit dem X meine ich hier das Y.

Ein Beispiel: Bei einem Dasia-Zeichen werden nur wenige Eingeweihte wissen, dass dies auch mit Musik etwas zu tun hat. Ich muss Ihnen jetzt nicht erläutern, was ein Dasia-Zeichen ist, denn es ist nur ein Beispiel für ein total veraltetes grafisches Symbol. Das Dasia-Zeichen löst normalerweise heute nicht die Assoziationen aus, die es im Mittelalter auslöste. Als allgemein verständliches Symbol hat das Dasia-Zeichen deshalb seine Kraft verloren und es würde zeimlich sinnlos sein, einer heutigen Gesellschaft, die inzwischen andere musikalische Symbole benutzt, die völlig aus der Mode gekommenen Dasia-Zeichen wieder zu verordnen. Das Dasia-Zeichen macht nur Sinn im historischen Kontext und hat heute als Symbol für unterschiedliche Tonhöhen keine Relevanz mehr. Das Dasia-Zeichen ist für die allgemeine Praxis also völlig überflüssig und ist lediglich ein historisch interessantes Phänomen, mit dem sich Historikter und Spezialisten beschäftigen.

Vermutlich habe ich Sie jetzt damit genervt, dass ich so lange auf dem Thema des Dasia-Zeichens herumgeritten bin. Ab er mir ist es sehr bewusst, dass man nervt, wenn man derartige - sprachlich ausgestorbene und unverständliche -Symbole benutzt, die nur Eingeweihte verstehen. Ebenso ist es bei dem altägyptischen Symbol der Jungfrauengeburt.

Ist es nicht ziemlich daneben, die wertvolle Zeit des Konfirmationsunterrichtes mit der Erläuterung von altägyptischer Symbolik zu vergeuden? Auch das erinnert mich an einen Musikunterricht, in welchem den jungen Leuten etwas über die Dasia-Zeichen erzählt wird. Das krampfhafte Festhalten an einer symbolhaften Uralt-Sprache, die nicht mehr die heutige Sprache ist und die damit verbundenen notwendigen "Erläuterungen" machen das Christentum zu einer Wissenschaft, die nur mit Hilfe eines speziellen Fachvokabulars zugänglich ist.

Bonhoeffer äußert sich in einem Brief an Bethge vom 5. Mai 1944 zu diesem Problem, denn beim Credo sei jede Aussage, Jungfrauengeburt, Trinität oder was immer "ein gleichbedeutsames und -notwendiges Stück des Ganzen, das eben als Ganzes geschluckt werden muß oder garnicht. DAS IST NICHT BIBLISCH." (Quelle: WE 415, Hervorhebung im Zitat von mir)

Ich stimme mit Bonhoeffer überein, dass der Umgang der protestantischen Kirche mit der historischen Credo-Problematik nicht biblisch ist, also nicht der jüdisch-christlichen Tradition entspricht. Auch der Glaube an die "sancatam ecclesiam" ist aus nachvollziehbaren Gründen abhanden gekommen. Deshalb sollte eine Kirche von den selbstherrlichen Deutungen in Sachen Christentum (Glaubenskurse mit "Erläuterungen") Abstand nehmen. Ich brauche keine belehrenden Kurse für das, was mich unbedingt angeht.

Oha, die Antwort von Herrn Felbick auf seine eigene Frage erinnert mich an meine Zeit im Theologiestudium. Wer schon mal 2 Stunden mit einem historisch-kritischen Theologen in einem geschlossenen Raum verbracht hat, weiß was ich meine.

Wie erfrischend dagegen Jesus Christus: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohlgefallen.“ (Lukas 10,21)

Was ist mit dem "Gericht"? Bei diesem Wort taucht sofort das Bild "Angeklagter - Verteidiger - Staatsanwalt - Schöffen, Jury" auf...etwas, was wohl kaum dem entspricht, was
auf uns wartet..."Es kommt noch einmal alles zur Sprache", so D. Sölle...alles zur Sprache:
Eine Anamnese wie beim Arzt, beim Analytiker, zur Sprache, was zu einer Therapie nützlich ist.
Eine Operation kann wehtun - aber danach ist man ein "Neuer Mensch".
Schluss mit dem Ewigen als Schreckgespenst!

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