War Jesus auch ein Rabbi?

gestellt von Susanne am 6. August 2019
Thora-Schriftrolle

© photovs/iStockphoto/Getty Images

Hallo Frau Heu,

ich finde meine Frage etwas kompliziert und weiß nicht so recht, wie ich sie in Worte fassen soll. Aber ich will es mal versuchen, weil es mich doch sehr interessiert, wie das mit dem Rabbiner und dem Rabbuni/Rabbi in Zusammenhang mit Jesus genau ist.

In der Bibel lesen wir:

Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! (Lutherbibel 2017 Johannes 20,14-16)

In den Sach- und Worterklärungen der Lutherbibel 2017 steht unter dem Stichwort Rabbi, Rabbuni folgendes: Zitat: "Rabbi, Rabbuni ("Mein Herr", "mein Meister") Ehrende Anrede an die Schriftgelehrten, die Kenner und Lehrer des Gesetzes.

Ein Rabbiner ist ein jüdischer Geistlicher, der im Synagogengottesdienst aus der Thora vorliest und sie auslegt. Jesus ist mit seinen Jüngern im Land umhergezogen und hat an Hand der Thora den Menschen das Reich Gottes nahe gebracht. Er war also ein Kenner des Gesetzes, ein Schriftgelehrter und für seine Jünger ein Lehrer. Also "Rabbuni". War Jesus gleichzeitig auch ein "Rabbiner"? Ich weiß nicht so recht! Für die Menschen jüdischen Glaubens war Jesus ein Prophet, für uns Christen ist er der Sohn Gottes.

Ein ziemliches Wirrwarr ist das. für mein Empfinden, da in meinem Kopf. Können Sie das Ganze irgendwie für mich in einen geordneten Rahmen fassen? Das würde mich sehr freuen. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.

Herzliche Grüße
Susanne

Liebe Susanne,

vielen Dank auch heute für Ihre sehr spannende Frage.

Ich sehe, wenn ich Ihre Frage richtig verstanden habe, mehrere Antwortoptionen. Vielleicht können Sie mit der einen oder anderen etwas anfangen.

Zunächst scheinen die Begriffe Rabbiner und Rabbi/ Rabbuni synonym verwandt im biblischen Kanon. Rabbuni ist dabei einfach nur das Substantiv "Rabbi" mit einem Suffix versehen, welches im Hebräischen und Aramäischen als Possesivpronomen verwendet wird. D.h. der Rabbuni ist "mein Meister", im Vergleich zu Rabbi, welches "Meister" bedeutet. Jesus ist also gleichermaßen Rabbi und Rabbuni, wenn wir dem folgen, was wir in den Evangelien finden. 

Nach dieser eher sprachwissenschaftlichen Herangehens- und Erklärungsweise findet sich auch eine synchrone, d.h. eine aktuelle Auslegungsmöglichkeit - im Duden. Der Duden gibt an, dass es sich bei dem "Rabbiner" um einen Religionslehrer oder Gelehrten handelt. Die Bezeichnung "Rabbiner" hat sich dann im Kirchenlatein zu "Rabbi" gewandelt. Das können Sie hier noch einmal nachschlagen. Damit könnte man sagen: ja, Jesus war gleichzeitig "Rabbiner" und "Rabbi" (damit auch "Rabbuni"), sofern Sie ihn als Ihren Meister, Ihren Lehrer, anerkennen.

Sehr erhellend für Ihre Frage finde ich außerdem den wibilex-Artikel über den Begriff "Lehrer". Schauen Sie hier gern einmal rein. In diesem Artikels wird beschrieben, dass sich im griechischen Urtext 65-Mal die Bezeichnung Jesu als Lehrer findet. Dafür werden die Titel  διδάσκαλος (didaskalos) oder ῥαββί (rabbi) verwendet. Wenn man danach geht, war Jesus auf jeden Fall "Rabbi" (und also auch "Rabbuni"). Ob er aber gleichzeitig auch Rabbiner war, können wir nicht sagen, da der Begriff in den Evangelien überhaupt nicht vorkommt. 

Sie sehen, es ist etwas kompliziert. Vielleicht können Sie mit meiner Antwort trotzdem etwas anfangen.

Viele Grüße

Pia Heu

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Kommentare

Hallo Frau Heu,

danke für Ihre Antwort auf meine Frage. Ja, es stimmt, das Ganze ist etwas kompliziert. Der erste Teil Ihrer Antwort ist ja noch nicht so arg kompliziert, aber wenn die Bibel mit ins "Spiel" kommt, dann wird´s immer kompliziert, finde ich. Trotzdem kann ich mit Ihrer Antwort eine ganze Menge anfangen.

Sie schreiben in Ihrer Antwort, dass wir nicht wissen können, ob Jesus auch ein Rabbiner war, weil der Begriff in den Evangelien nicht vorkommt. Auf dieser Aussage basierend, habe ich meine weiteren "Forschungen" unter dem Stichwort "Lehrer" im wibilex-Artikel fortgesetzt. (Sie sehen, Ihre Antwort annimiert zum "Weiterforschen".)

Inzwischen vermute ich, dass der Begriff "Rabbiner" den Menschen zur Zeit Jesu und des NT, noch nicht geläufig war. Die jüdischen Geistlichen, die wir heute "Rabbiner" nennen, das waren zur Zeit Jesu die "Schriftgelehrten" (Gesetzeslehrer, Lehrer). So ein Schriftgelehrter war Jesus auch. Aber Jesu war noch mehr, als ein Schriftgelehrter.

Und sie gingen hinein nach Kapernaum; und alsbald am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten. (Markus 1,21-22 Lutherbibel 2017)

Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft" (5.Mose 6,4-5). Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen. (Markus 12,28-34 Lutherbibel 2017)

Doch Jesu Lehre ist mehr als eine Lehre, sie ist eine Offenbarung. (Johannes 7,16 und Johannes 8,28)

Jesus antwortete ihnen und sprach: Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. (Johannes 7,16 Lutherbibel 2017)

Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir aus tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. (Johannes 8,28 Lutherbibel 2017)

Jesus war also ein Prophet, der den Menschen das offenbarte, was Gott ihm eingab zu lehren. Aber Jesus war auch noch mehr, als ein Prophet. Er war ein Prophet mit göttlichen Eigenschaften. Jesus hat Sünden vergeben. Das ist eine der göttlichen Eigenschaften Jesu, denn Sünden vereben kann nur Gott. Die göttlichen Eigenschaften Jesu vollendeten sich in der Auferstehung. Jesus ist Gottes Sohn, ja, Jesus ist Gott selbst.

Soweit meine Forschungen und meine Gedanken, die ich mir gemacht habe, nachdem ich Ihre Antwort erhalten habe.

Herzliche Grüße
Susanne

Hallo Herr Muchlinsky,
Hallo Frau Heu,

da ich nicht weiß, wer von Ihnen die Bilder aussucht und einfügt, spreche ich Sie beide an. Ich finde die Idee mit den Bildern klasse und ich freue mich, immer wieder auf´s Neue, wenn ich eine Frage, der Sie ein Bild beigefügt haben, öffne. Zum Einen passen die Bilder einmalig gut zur gestellten Frage und der von Ihnen verfassten Antwort. Außerdem kommt, durch die Ausstrahlungskraft und die Farben der Bilder, eine besondere Art von Lebendigkeit hinzu. Das jeweils eingefügte Bild animiert mich einmal mehr dazu, über die Frage und die Antwort noch ausführlicher und länger nachzudenken. Das finde ich gut!

Herzliche Grüße an Sie beide
Susanne

Liebe Susanne,

danke für das Lob. Ich gebe es gern an unsere Bildredaktion weiter. Die sucht die Fotos aus.

Herzlich

Frank Muchlinsky

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