Der Baum der Erkenntnis

gestellt von Thorsten Schneider am 18. Juli 2015
Baum der Erkenntnis

© sdominick/iStockphoto/Getty Images

Guten Tag,

Ich habe eine Frage bezüglich des Baumes der Erkenntnis, wie er in der Bibel beschrieben ist. Die Frage lässt mich nicht so wirklich los, und deshalb würde ich gerne die Meinung eines Experten dazu hören.
Meine Frage lautet:
Man nehme an, der Baum der Erkenntnis würde noch immer existieren. Was würde Ihrer Meinung nach passieren, wenn man davon essen würde bzw. was sagt die Kirche?
Und die gleiche Frage für den Baum des Lebens.

Mit freundlichen Grüßen

Thorsten Schneider

Lieber Herr Schneider,

Das ist ein interessanter Gedanke, den Sie da haben. Die beiden Bäume im Garten Eden, die in 1. Mose 3 beschrieben werden, sind natürlich auch in der christlichen Tradition sehr häufig gedeutet worden und waren Anlass für Überlegungen und Spekulationen. Ich spekuliere also gerne mit Ihnen. Allerdings denke ich, dass Ihnen der Genuss eines der Früchte des Baums der Erkenntnis wenig bringen würde. Die Bibel erzählt diese Geschichte ja gerade, weil sie deutlich machen will, warum die Menschheit so ist, wie sie eben bereits ist. Warum schämen wir uns – anders als alle Tiere – wegen unserer Nacktheit? Warum sind wir so intelligent? Weil, das sagt eben die Geschichte in 1. Mose 3, schon die ersten Menschen von einem besonderen Baum genascht haben. Die Folge dieses verbotenen Genusses hat sich sozusagen vererbt auf alle Menschen – also auch auf Sie. Ein erneutes Essen dieser Frucht ist also eher nutzlos, wenn man in der Logik der Geschichte bleibt. Es reicht, dass Ihre Vorfahren davon gegessen haben.

Was nun den Baum des Lebens anbelangt, so hat sich im Laufe der Jahrhunderte eine christliche Deutung entwickelt, die ich sehr hübsch finde. Wie Sie vielleicht gelesen haben, werden Adam und Eva aus dem Garten geworfen, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis genascht haben. Gott sieht, dass sie durch ihre neue "Erkenntnis" ihm ähnlich geworden sind, und darum will er verhindern, dass sie nun auch noch vom Baum des Lebens essen. Er wirft sie also hinaus und lässt am Tor zum Garten Engel mit Flammenschwertern den Zugang zum Baum des Lebens bewachen. (1. Mose 3,22-23)

Die christliche Deutung dieser Geschichte ist nun, dass durch Jesus Christus der Weg zu diesem Baum sozusagen wieder geöffnet wurde. Mehr noch, das Kreuz, an das Jesus genagelt wird, wird zum Baum des Lebens, weil durch die Tatsache, dass Gott den Menschen so nahe kommt, dass er seinen eigenen Sohn sterben lässt (der Tod ist ja eine Folge des Naschens vom Baum der Erkenntnis), den Menschen das ewige Leben geschenkt wird. Am Baum des Lebens hängen also keine Früchte mehr, sondern es hängt Gottes Sohn an ihm.

Christinnen und Christen glauben, dass Gott ihnen das ewige Leben geschenkt hat, weil Jesus nicht tot blieb, sondern auferstand. An dieses Geschenk Gottes erinnert das Abendmahl, in dem wir uns versammeln und Brot und Wein teilen, von dem Jesus sagte: "Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird." Wenn wir davon essen und trinken ist es also im Grunde genommen so, als würden wir vom Baum des Lebens essen.

Summa summarum: Vom Baum des Erkenntnis zu essen, würde nichts Neues bringen, Vom Baum des Lebens können Sie sonntags im Gottesdienst etwas bekommen – wie gesagt, sehr kurzgefasst.

Sehr herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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Kommentare

Soll das heißen, dass unser Vorfahre, ein Tier, von diesem Baum der Erkenntnis heimlich geknappert hat?

Höre ich da den versteckten Vorwurf, die Antwort sei kreationistisch? wink

Schauen Sie genau hin! Ich habe geschrieben, dass die Bibel mit der Paradiesgeschichte beschreiben will, was den Menschen aus macht - nicht seine tierischen Vorfahren.

Eine sehr gute, verständliche und nachvollziehbare Antwort auf die Frage zu den beiden wichtigsten Bäumen im Paradies. Es lohnt sich, diese immer mal wieder durchzulesen und darüber nachzudenken.

Die Antwort gefällt mir gut, sie regt zum weiteren Nachdenken an. Außerdem habe ich jetzt einen sehr vorweihnachtlichen Ohrwurm von "heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis..."

Das freut mich. Wenn Sie fertig mit dem Ohrwurm sind, kann ich noch "Holz auf jesu Schulter" empfehlen, EG 97. "Holz auf jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht ..."

Diese Paradies-Geschichte ist ja sehr poetisch und lässt sicher viele Deutungen zu. Mir stellen sich da immer schon gleich mehrere Fragen:

Was soll denn schlecht sein an "Erkenntnis"? Warum war Gott überhaupt dagegen, dass Menschen diese Früchte essen? Und: Hätte er es wirklich nicht gewollt, warum hat er diesen Baum da wachsen lassen? Nur so als Schikane und Test, ob die Menschen auch gehorsam genug sind? Wenn er sie gehorsam gewollt hätte, hätte er sie doch so erschaffen können.

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