Wie umgehen mit den sogenannten Fundamentalisten

Gefragt von Mono
Wie umgehen mit den sogenannten Fundamentalisten?

©Getty Images/iStockphoto/Portra

Ich habe mich schon bei einigen theologischen Fragen an evangelische Pfarrer gewandt, die eine offenere Theologie vertreten, die weitläufig in Deutschland gelehrt wird. Dabei ging es zumeist um Fragen, die mir aufgetreten sind, als ich vor allem in baptistischen Gottesdiensten unterwegs war. Diese Leute vertreten konservativere, "fromme" Ansichten und werden gern als "Fundamentalisten" betitelt. Ich stellte mir dann immer die Frage, ob es wirklich so ist, dass man sich auf eine Seite schlagen muss. Die Progressiven oder die Konservativen? Ich selbst würde mich als Progressiven verstehen, allerdings gibt es in meinem direkten Umfeld auch viele Menschen, die eine konservative Sichtweise haben. Teilweise höre ich dann von Auseinandersetzungen. Verletzt man damit nicht auch den Grundsatz, dass sich alle Menschen vertragen und in Frieden leben sollen? Ich fühle mich in freikirchlichen Gemeinden eher fremd, aber trotzdem verbindet doch, dass wir Christen sind und wir alle an Gott und Jesus glauben. Von Progressiven kam meist die Antwort: "Das sind Fundamentalisten". Wer hat denn nun "Recht" und wie kann ich persönlich damit umgehen?

Liebe Mona,

vielen Dank für die spannende Frage! Spannend finde ich sie vor allem auch, weil Sie so viele verschiedene Begriffe verwenden, die alle ihre eigene Bedeutung haben, obwohl sie häufig so verwendet werden, als wären sie lediglich andere Begriffe für dieselbe Haltung. Darum möchte ich mal alle Begriffe auflisten und einzeln anschauen:

  • konservativ
  • progressiv
  • fromm
  • fundamentalistisch

Was bedeuten diese Adjektive eigentlich? Konservativ komm von conservare "erhalten", "bewahren". Wer sich selbst als konservativ bezeichnet, wird auch das Positive des Bewahrens betonen. Wer jemanden abschätzig "konservativ" nennt, wird damit verbinden, dass das Gegenüber an etwas festzuhalten versucht, das mittlerweile überkommen, althergebracht ist. Auch schwingt hier mit, dass man jemandem unterstellt, anderen zu viele Regeln aufzuerlegen.

Progressiv wird hingegen nicht so häufig als Herabwürdigung empfunden. Progressiv heiß "voranschreitend", fortschrittlich. Wer selbst eher konservativ ist, wird jemanden, dem er allzu viel Progressivität vorwerfen möchte, lieber als "liberal" bezeichnen, nicht als progressiv. In liberal schwingt mit, dass man den einzelnen Menschen zu wenig Regeln auferlegen will.

Sowohl Konservativismus als auch Liberalismus sind Begriffe, die im 18./19. Jahrhundert zu (politischen) Weltanschauungen wurden. Beides ist spannend anzuschauen, aber nicht gemeint, wenn wir uns den Strömungen innerhalb der Kirche anschauen.

Kommen wir zum Begriff der Frömmigkeit. Als fromm bezeichnen wir heute einen Menschen, dessen Glaube in seinem Leben sichtbar wird. Insofern taugt dieses Wort wenig dafür, jemanden einer bestimmten Glaubensrichtung zuzuordnen. Es sind lediglich die Ausdruckformen, die unterschiedlich sind, nicht unbedingt der Glaube.

Nun aber zum Fundamentalismus: Der christlich protestantische Fundamentalismus ist eine Bewegung, die in den USA vor etwas mehr als 100 Jahren entstand. Das Fundament, die Grundlage, um die es den Anhängern dieser Richtung ging und geht, ist die Bibel und zwar – das ist wichtig – die Bibel als absolut irrtumslos in jeder Hinsicht. Die Bibel gilt hier als Fundament nicht nur für den Glauben, sondern auch für Geschichtsschreibung oder Biologie. Anhänger dieser Richtung bezeichnen sich selbst eher selten als "fundamentalistisch". Es war von vornherein eine eher kritische Bezeichnung von außen.

Was nun zum Beispiel die extrem konservative Haltung zur Sexualität angeht, die man häufig auch in christlich-fundamentalistischen Kreisen findet, so hat die ihre Wurzeln stärker noch in den evangelikalen Kreisen. Diese sind keineswegs identisch mit dem Fundamentalismus. Der Evangelikalismus hat sich seit Jahrhunderten entwickelt. Auch hier wird die Autorität der Bibel betont, allerdings nicht zwangsläufig als unumstößliche Autorität für Biologie und Geschichte. Man kann in evangelikalen Kreisen durchaus an der Evolutionstheorie festhalten. Das zentrale für den Evangelikalismus sind die eigene Beziehung zu Jesus Christus, die eigene Berufung und die persönliche Willensentscheidung, den Glauben anzunehmen.

Ich finde, dass es gut ist zu wissen, wovon man genau spricht, vor allem wenn man über andere Menschen und deren Glaubenshaltung redet. Darum finde ich, dass Sie recht haben: Jemanden, der konservativ ist, fundamentalistisch zu nennen, ist wahrscheinlich beleidigend und falsch. "Echte" christliche Fundamentalisten sind selten in Deutschland. Und jemanden als "fromm" beschimpfen zu wollen, ist Unsinn, denn es ist kein Schimpfwort. Darum will ich Ihnen auch da recht geben: Man muss sich nicht auf die eine oder andere Seite schlagen. Seien wir einfach gemeinsam fromm.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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