Gibt es eine Person oder eine Figur im Christentum, die den Tod darstellt?

gestellt von M. am 1. Juli 2020
Sensemann

©Getty Images/aydinmutlu

Was ist der Tod im Christentum? Ist der Tod eine Figur oder Person wie der Sensenmann oder ist dieses Wesen nur eine Erfindung der Menschen?

Lieber M.,

das ist wirklich eine spannende Frage! Darum ist meine Antwort auch ziemlich lang geworden. Ich hoffe, es macht Dir Spaß, sie zu lesen. Figuren wie der Sensenmann oder der Tod als Skelett sind zunächst einmal Bilder. Bilder kann man malen oder einfach mit Worten beschreiben und es anderen überlassen, sich das im Kopf auszumalen. Die Grundlage des Christentums ist die Bibel und die ist voll von solchen Bildern, mit denen sie die Welt beschreibt.

Zunächst einmal ist der Tod für die Bibel ganz einfach das Ende des Lebens, also ein Ereignis und keine Person oder Figur. Jeder Mensch muss sterben. Punkt. Der Mensch wird durch Gottes Atem lebendig (so steht es zum Beispiel in 1. Mose 2,7), und wenn Gott ihnen diesen Atem wieder nimmt, so sterben sie (Psalm 104,29).

Nun zu den Bildern, von denen ich sprach. Der Tod steht auch für die maximale Entfernung von Gott. Entsprechend stellt sich die Bibel das "Totenreich" als Unterwelt vor, weil Gott ganz oben ist, sind die Toten ganz unten. Der Tod selbst ist aber auch hier noch keine "Person" oder "Figur".

Durch den Tod und die Auferstehung Jesu kommt eine weitere Vorstellung hinzu, nämlich die vom "besiegten Tod", und da sind wir schon ganz nah dran an einer persönlichen Vorstellung vom Tod, denn wenn es einen Sieger gibt, gibt es ja auch einen Verlierer. Darum schreibt zum Beispiel der Apostel Paulus einen Satz wie diesen: "Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" (1. Korinther 15,55) Wenn man so will, "malt" Paulus hier das Bild eines Wesen mit Stachel – einen Skorpion, vielleicht? Es spielt keine Rolle, was für ein "Stachelwesen" der Tod hier ist. Es kommt darauf an, dass er eben keinen Stachel mehr hat, weil Jesus Christus den Tod besiegt hat.

Kommen wir zu bekannten Bildern, wie dem "Sensenmann". Der ist ja ein bekanntes Bild für den Tod und man kann sich gut vorstellen, warum: Mit einer Sense wird geerntet. Viele Halme werden mit einem einzigen Strich der Sense gemäht und fallen um. Tatsächlich kommt dieses Bild von der Ernte in Verbindung mit dem Tod öfters vor. Und der Tod wird hier manchmal auch sehr persönlich geschildert. Zum Beispiel beim Propheten Jeremia. Der muss mit ansehen, wie seine Heimat von der Großmacht Babylon erobert und zerstört wird. Für Jeremia ist klar, dass man das hätte vermeiden können, wenn man sich auf Gott verlassen hätte, anstatt auf die eigene Kraft. Er schreibt:

"Der Tod ist zu unsern Fenstern hereingestiegen und in unsere Paläste gekommen. Er würgt die Kinder auf der Gasse und die jungen Männer auf den Plätzen. So spricht der HERR: Die Leichen der Menschen sollen liegen wie Dung auf dem Felde und wie Garben hinter dem Schnitter, die niemand sammelt." (Jeremia 9,20-21)

Ein "Schnitter" ist eben jemand, der mit einer Sichel oder einer Sense das Getreide abschneidet. Man kann also durchaus sagen, dass die Figur des Sensenmannes ihre Ursprünge in der Bibel hat. Allerdings spielt sie in der christlichen Tradition eigentlich keine große Rolle. Das liegt viel am letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes oder "Apokalypse". Dort ist der "Schnitter" Jesus Christus selbst:

"Und auf der Wolke saß einer, der gleich war einem Menschensohn; der hatte eine goldene Krone auf seinem Haupt und in seiner Hand eine scharfe Sichel. Und ein andrer Engel kam aus dem Tempel und rief dem, der auf der Wolke saß, mit großer Stimme zu: Setze deine Sichel an und ernte; denn die Zeit zu ernten ist gekommen, denn die Ernte der Erde ist reif geworden. Und der auf der Wolke saß, setzte seine Sichel an die Erde und die Erde wurde abgeerntet." (Offenbarung 14,14-16).

In der Apokalypse wird der Tod als eine ganz andere Figur "gemalt". Der Seher Johannes, der dieses Buch schrieb, sieht folgendes Bild:

"Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: der Tod, und die Hölle zog mit ihm einher. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit Schwert und Hunger und Tod und durch die wilden Tiere auf Erden." (Offenbarung 6,8)

Du siehst: Viele der Bilder, die man so kennt, stammen tatsächlich aus der Bibel. Später wurden sie auch tatsächlich aufgemalt. Berühmt sind die Bilder vom sogenannten "Totentanz" (Hier der Link zur Wikipedia dazu.)

Du hast gefragt, ob der Tod als Figur "nur eine Erfindung der Menschen" ist. Ich denke, ich konnte zeigen, dass es sich um Bilder handelt, mit denen die Menschen versuchen, sich Unvorstellbares vorzustellen. Das ist mit der Vorstellung von Gott ja nicht viel anders. Wenn wir zu Gott "Vater" sagen, ist uns gleichzeitig klar, dass Gott deswegen nicht der Mann ist, der uns gezeugt hat. Wir drücken damit aus, dass Gott uns geschaffen hat und wir wie Kinder vertrauen können. Der Tod als Sensenmann oder als Reiter auf einem fahlen Pferd oder als Stachelwesen drückt jeweils etwas Besonders aus. Für das Christentum wichtig ist vor allem dies: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das hat Gott selbst und damit das Leben.

Ganz liebe Grüße,

Frank Muchlinsky

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