Warum wird nur in manchen Gottesdiensten Abendmahl gefeiert?

gestellt von Lucia am 16. September 2020
Abendmahlsgeschirr

© epd-bild/Annette Zoepf

Guten Tag,
In der evangelischen Kirche wird bekanntlich nicht jeden Sonntag ein Abendmahlsgottesdienst gefeiert. Wieso ist das so?
Ich komme ursprünglich aus der katholischen Kirche. Dort gibt es zwar Wortgottesdienste, aber zu einer "richtigen"Messe gehört auch die Eucharistiefeier. Deshalb war ich überrascht, dass das in der evangelischen Kirche anders ist.
Vielen Dank,
Lucia

Liebe Lucia,

 

vielen Dank für Ihre Frage. Einig sind sich Katholiken und Protestanten darin, dass Jesus die Feier des Abendmahls begründet hat, als er kurz vor seinem Tod mit seinen Jüngern am Gründonnerstag das Brot und den Kelch teilte und darin, dass Christinnen und Christen Gott nahe sind, wenn sie dies nach dem Vorbild Jesu miteinander tun. Im Laufe der Geschichte entwickelten sich aber ganz unterschiedliche Deutungen rund um die Abendmahlsfeier.

 

Wie Sie ganz richtig schreiben, ist die Eucharistie unverzichtbarer Bestandteil jeder katholischen Messe. Nach evangelischem Verständnis ist auch ein Wortgottesdienst ohne Abendmahlsfeier ein „richtiger“ Gottesdienst. Überall da, wo das Evangelium verkündet und gehört wird, findet Gottesdienst statt. Luther hat das in einem berühmten Satz bei einer Predigt in der Torgauer Schloßkirche  1544 auf den Punkt gebracht: Im Gottesdienst geschehe nichts anders, als „das unser lieber Herr selbs mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederumb mit jm reden durch Gebet und Lobgesang“. Dabei hören Sie schon, dass Wort und Sprache eine ganz wichtige Bedeutung haben. Nach Luthers Vorstellung war es das Wort, was uns Menschen im Herzen trifft.

 

Wenn in einem evangelischen Gottesdienst Abendmahl gefeiert wird, ist es nicht so, dass noch etwas hinzukommt, was den Gottesdienst dann vollständiger machen würde, sondern es ist eine Möglichkeit, mit der wir eben das Wort, also die Botschaft Jesu, mit Leib und Sinnen erfahren.

 

Trotz dieser Konzentration auf das Wort war es für Luther und andere Reformatoren noch ganz selbstverständlich das Abendmahl jeden Sonntag zu feiern. Denn auch wenn man der Botschaft Jesu viel Gewicht gibt, ist es ja schon so, dass  das Abendmahl eine Form ist nicht nur an Jesu Lehre, sondern auch an seine ganz konkrete Lebenspraxis anzuknüpfen. Wie könnte man das besser als wie er und seine Jünger miteinander zu essen und zu trinken?

 

Ich stelle es mir so vor, dass dann trotzdem einfach auch hier und da der Wunsch leitend war sich abzugrenzen und als Protestanten erkennbar zu sein und so häufiger im Gottesdienst auf das Abendmahl zu verzichten. An vielen Orten wurde es dann nach der Reformation nur noch vier Mal im Jahr, jeweils für bestimmte Gruppen und Stände der Gemeinde gefeiert. Auch die Tatsache, dass im Protestantismus das Abendmahl sehr stark mit der Sündenvergebung in Verbindung gebracht wurde, hat wohl dazu geführt, dass im Empfinden der Feiernden mit der Zeit statt Lob und Dank eher eine gewisse Scheu und vielleicht auch Angst in den Vordergrund traten und die Abendmahlsfeiern seltener wurden.

 

In den letzten Jahrzehnten gab es eine ganze Reihe von Initiativen neue Zugänge zum Abendmahl zu ermöglichen, wie z. B. das Feierabendmahl bei den Kirchentagen, wo das Erleben und Feiern von Gemeinschaft sehr im Vordergrund steht. Auch in evangelischen Gemeinden wird das Abendmahl mittlerweile wieder häufiger gefeiert und es ist z. B. über die intensiven Gespräche über die Beteiligung von Kindern ins Zentrum des Nachdenkens gerückt.

 

Ich glaube, es ist wie bei ganz vielen Dingen im Leben. Das, was wir nur selten tn, wird uns schnell fremd. Als Studierenden-Pfarrerin habe ich gerade neulich erst mit einigen meiner Studierenden an meinem heimischen Esstisch das Abendmahl gefeiert. Das war eine berührende Erfahrung, weil es eine Möglichkeit ist, die Abendmahlsfeier wieder neu vom gemeinsamen Essen her zu verstehen und zu erleben.

 

Jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie sind den Realisierungen von Abendmahlsfeiern ja deutliche Grenzen gesetzt. Die zahlreichen Versuche trotz der Umstände z. B. online miteinander Gemeinschaft zu erleben und Abendmahl zu feiern, hat gezeigt, dass das Abendmahl für viele Menschen eine wichtige Form ist den christlichen Glauben mit Anderen zu leben.

 

Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass wir vielleicht noch viel häufiger das Abendmahl in ganz alltäglichen Situationen und in ganz verschiedenen Räumen miteinander feiern und nicht ausschließlich um den Altar im Kirchenraum.

 

Ich hoffe, meine Ausführungen waren Ihnen hilfreich in Bezug auf Ihre Frage.

 

Herzlich

Katharina Scholl

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