Fastenzeit im Kindergarten ?

Gefragt von Janette Holster

Liebe Frau Scholz, ich bin Erzieherin und arbeite im Kindergarten.
Meine Kollegin bearbeitet jährlich das Thema Fasten mit den Kindern.
Sie erzählt die Geschichte von Jesus in der Wüste und überredet die Kinder dann,
auf Süßigkeiten zu verzichten. Jeden Tag kommt dann in den Stuhlkreis eine Handpuppe, die die Kinder zum Naschen verführen will. Ich sehe diese Aktion
Mehr als kritisch und überflüssig. Die kleineren Kinder in der Gruppe
verstehen den Sinn gar nicht, die die zum Naschteller greifen, werden in meinen Augen vorgeführt. Ist das der Sinn der Fastenzeit? Muss diese schon Kindergartenkindern näher gebracht werden? Und geht es beim Fasten nicht eher darum, auch für andere etwas Gutes zu tun?
Herzliche Grüße, Janette

Liebe Janette, vielen Dank für Ihre Frage!

Ich habe selbst einige Zeit als Erzieherin im Kindergarten gearbeitet und finde Ihr Anliegen deshalb besonders spannend. Erstmal: Es ist ja eigentlich sehr schön, mit Kindergartenkindern religiöse Bräuche zu entdecken und auch zu begehen. Wenn das aber in einer Weise geschieht, dass Kinder Angst bekommen oder willkürlich kritisiert und vorgeführt werden, ist m.E. der Sinn der Sache verfehlt.

Die Bedeutung der Fastenzeit ist religiongeschichtlich sehr unterschiedlich gewesen. Der Reformator Martin Luther beispielsweise lehnte ein Verständnis des Fastens als Bußhandlung, wie es im Mittelalter verbreitet war, ab, und auch den Gedanken, dass man sich durchs Fasten oder andere Handlungen besonderes Ansehen bei Gott erarbeiten könnte, weswegen das Fasten im evangelischen Bereich lange Zeit sozusagen "aus der Mode gekommen" war. Einen guten Überblick über die Bedeutung des Fastens, auch zu den biblischen Wurzeln, finden Sie hier.

Heutzutage verstehen viele Menschen die Fastenzeiten im Advent und vor Ostern eher als Zeiten, in denen sie sich besonders mit ihrem Verhältnis zu Gott, zu anderen Menschen, oder zum Leben überhaupt beschäftigen und besonders bewusst leben. Das kann natürlich den Verzicht auf dieses oder jenes Lebensmittel bedeuten, um sich zum Beispiel den Wert eines Genussmittels wieder besonders bewusst zu machen, das muss so aber nicht sein. Fasten könnte genauso sein, sich vorzunehmen, jeden Tag etwas Nettes für andere Menschen zu tun oder einen besonderen Text zu lesen, oder, oder oder... Anregungen bieten zum Beispiel die "7-Wochen-Ohne"- Aktionen der evangelischen Kirche.

Nun aber zurück zum "Kindergarten": Grundsätzlich denke ich, es ist für eine gelingende religionspädagogische Arbeit im Kindergarten wichtig, dass sich das Team von Erzieherinnen und Erziehern zunächst mal selbst mit der Frage beschäftigt: Was wollen wir vermitteln? Was bedeutet es uns selbst? Warum wollen wir dieses oder jenes? Und schließlich: Wie können wir das spielerisch mit "unseren" Kindern umsetzen und auch bei den Kleinen schon ein Verständnis dafür schaffen, was wir tun? 

Wenn es Ihrer Kollegin beispielsweise darum geht, den Kindern ein Bewusstsein für Konsum und seine Grenzen aufzuzeigen, dann KÖNNTE das in einen gemeinsamen Verzicht auf Süßigkeiten während der Fastenzeit enden. Und man könnte es ihnen bestimmt auch kindgerecht vermitteln, zum Beispiel, indem man erzählt, dass es viele Menschen auf der Welt gibt, die nicht so viel zu Essen und schon gar keine Süßigkeiten haben, wohingegen bei uns alles im Überfluss vorhanden ist. Und dass wir vor Ostern, in der Passionszeit, in der wir uns an die Geschichte von Jesus und wie er gestorben ist, erinnern (das müsste man dann natürlich auch mit den Kindern besprechen, Kinderbibel, Bodenbild, und ähnliches) eben auch an die Menschen besonders denken, denen es heute schlecht geht. Und dann könnte man zum Beispiel Geschichten von Kindern aus aller Welt erzählen und vielleicht statt Süßigkeiten gemeinsam etwas essen, was diese Kinder täglich haben... Und vielleicht eine Spendenaktion zu machen...Ideen entwickeln kann man da bestimmt viele!

Ihnen aber den vollen Teller Süßigkeiten hinzuhalten und dann sozusagen zu "überprüfen", wer sich an die "Regeln" hält, finde ich persönlich keine gute Lösung. Und mit Angst und Macht zu arbeiten, sowieso nicht. Und dann auch noch Jesus, den Teufel und werweißwas da ins Spiel zu bringen - ohne jetzt ganz genau zu wissen, wie Ihre Kollegin diese Geschichte einführt - erscheint mir nicht besonders stimmig und nachvollziehbar.

Vielleicht hilft es Ihnen als Team, zusammen eine religionspädagogische Fortbildung zu machen? Viele Landeskirchen haben religionspädagogische Institute, die so etwas anbieten, auch für den Elementarbereich, und seit "Corona" auch digital. Eine andere Möglichkeit wäre auch, zusammen mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer vor Ort im Team an solchen Fragestellungen zu arbeiten und gemeinsam schöne Konzepte zu entwickeln!

Auch bei facebook (falls Sie da sind) gibt es Gruppen rund ums Thema, in denen ich selbst mir manchmal Anregungen hole. Eine heißt zum Beispiel "Kirche mit Kindern". Vielleicht werden Sie auch da fündig und können sich mit anderen austauschen!

Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein bisschen weiterhelfen und ich möchte Sie ausdrücklich ermutigen, mit Ihrer Kollegin und anderen ins Gespräch zu kommen und zusammen herauszufinden, wie Sie was mit Ihrer Kindregruppe gestalten können, so dass es für alle gut ist!

Herzliche Grüße, Ihre Anna Scholz

 

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