Was bedeuten die "4 gefesselten Engel am Euphrat"?

Stefanie
Das letzte Gericht Gemälde von Hieronymus Bosch
©Hieronymus Bosch /Arezzo88, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24346853

Hallo, 

ich heiße Stefanie und schreibe Ihnen nicht, um einen moralischen Kompass zu suchen, sondern für eine Recherche für einen Roman, den ich gerade schreibe. Die Geschichte wird sich mehr oder weniger mit der Offenbarung des Johannes befassen. Jetzt bin ich über einen Punkt gestolpert, den ich mit meiner Onlinerecherche nicht klären konnte. In Kapitel 9, 13-21 ist die Rede von vier Engeln, die am Euphrat gefesselt sind. Wer sind sie und weshalb werden sie dort gefangen gehalten? 

Ich weiß, es ist wahrscheinlich eine ungewöhnliche Frage, aber ich würde mich sehr über eine Antwort freuen. Vielen Dank

Liebe Stefanie,

das eine spannende Frage, aber sie ist gar nicht so außergewöhnlich. Die Offenbarung des Johannes hat die Menschen immer schon fasziniert, weil sie in so großen und rätselhaften Bildern vom Ende dieser und dem Beginn einer kommenden Welt schreibt. Die Stelle in Kapitel 9 gehört definitiv zu diesen kraftvollen Bildern: Vier Engel, gefesselt am Euphrat, die auf ihre Stunde warten, um ein Drittel der Menschheit zu töten – das ist gleichzeitig verstörend und faszinierend.

Generell ist wichtig, sich Folgendes deutlich vor Augen zu führen: Einen Schlüssel, der uns die Offenbarung in all ihren Bildern erschließt, haben wir nicht. Es ist fraglich, ob es jemals einen solchen Schlüssel gab. Der Autor schreibt in einer Zeit der Verfolgung, das bedeutet, dass er bei seinem Text solche Bilder nutzen muss, um nicht allzu deutlich zu schreiben. Ein paar der Bilder ergeben allerdings auch aus heutiger Perspektive noch einen Sinn. 

Die vier Engel am Euphrat in Kapitel 9 erscheinen im Kontext der sechsten Posaune. Sie sind „bereitgehalten für die Stunde und den Tag und den Monat und das Jahr“ – also nicht zufällig, sondern präzise eingeplant. Im Rahmen der Geschichte von Gottes Gericht, die hier erzählt wird, bedeutet das: Die Engel gehören zu einem größeren Plan. Dass sie „gefesselt“ sind, zeigt: Ihre zerstörerische Macht ist gebunden – bis Gott sie freigibt. Sie handeln nicht eigenmächtig, sondern im Auftrag. Das ist ein wichtiger Punkt. Engel sind immer Ausführende, nicht selbstständig handelnde „Personen“. 

Und warum gerade am Euphrat? Der Euphrat war in der Antike die Grenze zu den großen Feinden Israels – Assyrien, Babylon, Persien. In der Offenbarung steht der Fluss darum symbolisch für die Grenze zwischen Gottes Ordnung und dem Chaos der Welt. Wenn die Engel von dort kommen, dann ist das ein Bild für die Bedrohung von außen, für das Böse, das sich nähert – aber eben auch für das Gericht, das Gott zulässt, um die Welt zu reinigen.

Manche Menschen, die die Offenbarung des Johannes auslegen, sehen in den vier gefesselten Engeln „gefallene Engel“, also solche, die sich einst von Gott abgewandt haben. Das halte ich für unwahrscheinlich. Diese Tradition ist in der Johannesapokalypse nicht greifbar. Meiner Ansicht nach, sind die Vier einfach Werkzeuge für Gottes Gericht. 

Die Offenbarung ist voller solcher Bilder: Drachen, Reiter, Plagen, Engel. Letztlich sind sie alle Ausdruck einer Hoffnung, dass das Böse nicht das letzte Wort hat. Die vier Engel am Euphrat sind nicht das Ende, sondern ein Teil des Weges dahin, dass Gott am Ende „alle Tränen abwischen“ wird (Offenbarung 21,4).

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

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