Warum stehen Kirchen zu Trump – und soll Kirche Politik machen?

Lena
US-Flagge und Kreuz auf Bibel
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Liebes Pastoren-Team,

meine Frage: Ich weiß, Sie haben sich schon einmal zu der Christlichkeit von Donald Trump geäußert, jedoch stelle ich mir hier die Frage, warum große Gemeinden immer noch so treu hinter ihm stehen? Zudem würde ich Sie gerne fragen, ob Ihrer Meinung nach, sich die Kirche (evangelisch oder katholisch) politisch äußern sollte. In Deutschland ist dies gelungen, mit der Positionierung gegen die AfD, jedoch sehen wir, wie schon erwähnt, dass in den USA das nicht so gut gelaufen ist. 

Liebe Grüße
Lena

Liebe Lena,

Ihre Frage, ob sich die Kirche politisch äußern soll, wird häufig gestellt und häufig sehr unterschiedlich beantwortet. Darum haben wir vier vom Fragenbereich gedacht: Ihre Frage beantworten wir mal ausnahmsweise alle. Darum gibt es hier nun vier Antworten. Die sind übrigens unabhängig voneinander verfasst worden, das heißt, wir wussten nicht, was die anderen geschrieben haben. Darum kann es sein, dass sich hier und da etwas doppelt.

Helena Malsy: Eine Frage der Bibelauslegung

Sie fragen, warum christliche Gemeinschaften in den USA so treu hinter ihrem Präsidenten stehen. Ich möchte den Fokus auf die unterschiedliche Kultur der Bibelauslegung legen. Die christlichen Gemeinschaften in den USA, die den Präsidenten unterstützen, sind fundamentalistisch und charismatisch geprägt. Die Bibelauslegung erfolgt eklektisch: Aus den einzelnen Bibelversen wird das Geeignete ausgesucht und eigenen Zwecken angepasst. Ethische Grundsätze können auf diese Weise relativ leicht aus ihrem biblischen Zusammenhang losgelöst und zu etwas ganz Eigenem kreiert werden. Pfarrerinnen und Pfarrer brauchen dafür keine universitäre Ausbildung.

In der Evangelischen Kirche in Deutschland ist für den Pfarrberuf eine universitäre, wissenschaftliche Ausbildung nötig. Unter anderem wird dabei erlernt, mit welcher Methode ein Bibeltext ausgelegt werden kann. Dabei wird offengelegt, auf welchem Weg die jeweilige Interpretation entstanden ist. Dazu gehört, die Bibel nicht eklektisch, sondern im Zusammenhang zu lesen. Dies erschwert jene Interpretationen erheblich, die sich von der christlichen Botschaft loslösen.

Das Handeln des Präsidenten als „christlich“ zu verstehen, ist also in der Bibelauslegungskultur der USA möglich. Mir ist keine seriöse Bibelinterpretation bekannt, die das Verhalten des Präsidenten in Einklang mit der christlichen Botschaft bringt. Letztlich gilt, egal ob in den USA oder in Deutschland: Immer dann, wenn bei einer Bibelinterpretation nicht das Heil für alle Menschen herauskommt, ist offenbar irgendetwas schiefgelaufen.

Philipp Raekow: Eine Frage der ethischen Prioritäten

Christlicher Glaube zeigt sich nach dem Neuen Testament an Frucht und Lebenswandel: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7,16). Ob Donald Trump Christ ist, entscheidet letztlich Gott. Die wichtige Frage lautet: Handelt er im Einklang mit dem Evangelium Jesu Christi? Jede und jeder sollte sein Wirken, seine Sprache und Politik an Jesu Umgang mit Macht, Schwachen, Wahrheit und Feinden messen (Matthäus 5; Lukas 6). Unterschiedliche Einschätzungen sind dabei normal; die Geschichte des Christentums zeigt vielfältige Deutungen christlichen Handelns.

Warum unterstützen dennoch viele große Gemeinschaften in den USA Trump? Viele dieser Gemeinden teilen seine Ethik oder halten ihre gemeinsame Haltung für „christliche Ethik“. Besonders zentral ist das Thema Abtreibung: Fundamentalistisch‑charismatische Gruppen lehnen Abtreibung strikt ab und sehen darin einen Kern christlicher Moral. Wenn Trump politische Positionen stärkt, die Abtreibungsrechte stark einschränken, erscheint er ihnen als Verbündeter im „Kampf für das Leben“. Die Übereinstimmung in einem zentralen ethischen Punkt wiegt für sie schwerer als problematische Charakterzüge oder andere Politikfelder. In den USA kommt hinzu, dass religiöse Identität stärker politisch geprägt ist als in Europa.

Zur Frage, ob sich die Kirche politisch äußern sollte: „Die Kirche“ gibt es nicht als einheitliche Stimme. Christentum ist weltweit plural, auch innerhalb evangelischer Kirchen existieren sehr unterschiedliche politische Überzeugungen. Ehrlicher ist es, von „Kirchen“, „Gemeinden“ oder „christlichen Milieus“ zu sprechen, die sich positionieren – und sich auch irren können. Kirchen äußern sich immer politisch, wenn sie das Evangelium verkündigen, denn es stellt Gottes Gerechtigkeit, Menschenwürde und den Schutz der Schwachen in den Mittelpunkt. Wo von Gottes Reich, Frieden und Bewahrung der Schöpfung die Rede ist, geht es immer auch um gesellschaftliche Fragen.

Dabei sollten Kirchen sich jedoch nicht parteipolitisch vereinnahmen lassen. Ihre Aufgabe ist es, Maßstäbe des Evangeliums stark zu machen: Nächstenliebe, Schutz der Schwachen, Wahrhaftigkeit, Versöhnung, Gerechtigkeit. Wo politische Projekte diesen Maßstäben widersprechen, darf die Kirche das benennen – mit dem Ziel, Orientierung und Umkehr zu ermöglichen, nicht um Gräben zu vertiefen.

Henning Kiene: Eine Frage des biblischen Auftrags

Die Frage, ob die Kirche sich politisch äußern darf, beantwortet die Bibel im Prinzip selbst. Jede Suche nach einer vertretbaren christlichen Ethik, steht unter einer Überschrift, die Jesus formuliert hat: "Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 

Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen." (Matthäus 25,35-36) Politische Debatten müssen sich auch an diesem Maßstab des christlichen Glaubens messen lassen. Es gilt das Wort: "Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." (Matthäus 25,40)

Frank Muchlinsky: Eine Frage von Streit und Macht

Kirche streitet immer. Es gibt keinen Zeitraum in der Kirchengeschichte, in dem man sich innerhalb der Kirche nicht um den richtigen Weg gestritten hätte. Davon erzählt bereits die Bibel. Die Jünger streiten sich, Jesus streitet mit anderen Bibelauslegern, Paulus streitet mit Leuten aus seinen Gemeinden. Die Auseinandersetzung darüber, wie man die christliche Lehre richtig im Leben umsetzen soll, gehört einfach dazu. Das ist so lange kein Problem, wie es den Streitenden dabei rein um die Sache geht. Aber es kommen natürlich auch Fragen nach Macht mit ins Spiel, und je mächtiger die Kirche wurde, desto mehr ging es beim Streiten darum, Einfluss zu gewinnen. Die meisten großen Streitfragen der Kirchengeschichte drehten sich darum, wie die Streitenden ihre eigene Macht ausdehnen konnten. Selbst die Reformation startete zwar als eine theologische Debatte darüber, wie Gott Schuld vergibt, aber da Luther sich dabei gegen die Vorstellung wandte, dass die Kirche einen Schatz an guten Taten verwaltet, von dem sie auch etwas verkaufen kann, wurde die Sache automatisch zu einer Machtfrage, denn sie stellte die Herrschaft des Papstes infrage. Das wussten auch die Unterstützer Luthers, und genau das war der Grund, warum sie ihn unterstützten. Die Fürsten konnten so ihren eigenen Einfluss vermehren. 

So zieht es sich durch die ganze Kirchengeschichte. Es wird immer gestritten und sehr häufig aus machtpolitischen Gründen. Genauso verhält es sich mit den Kirchen in den USA, die Donald Trump unterstützen. Sie hoffen, dass ihre Art der Auslegung der Bibel und ihre Weise, den christlichen Glauben zu leben, dadurch gestärkt werden. Gleichzeitig fürchten sie sich davor, dass sie bei einem Machtverlust Trumps selbst Privilegien verlieren könnten. Darum halten sie an ihm fest, auch wenn sie ihn vielleicht sogar für bestimmte Taten und Ansichten fallen lassen möchten.

Es gibt übrigens viele andere Kirchen in den USA, die anders denken und handeln. Kirchen wie die Episcopal Church mit Bischöfin Mariann Budde, die sich aktiv gegen Trumps Politik wenden. Sollen sich Kirchen und Christenmenschen in Deutschland politisch einmischen? Sie können nicht anders. Worüber auch immer sie diskutieren, kann und wird auch politisch wahrgenommen. Wer es ernst meint mit dem Glauben, wird aus ihm Konsequenzen für die eigene Handlung ziehen. Und das ist politisch. 

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