Lieber Thomas,
danke für diese wichtige Frage, die begegnet im Laufe des Lebens fast jedem Menschen. Was muss eigentlich passieren, damit Gott so gründlich verärgert ist, dass er eine neue Sintflut schickt und die Tür zu mir - wie einst dir Tür zum Paradies - kräftig und endgültig zuschlägt? Es ist besser, mit dieser Geduldsgrenze Gottes nicht zu experimentieren. Gott herauszufordern geht für uns, seine Kirche und seine Gemeinden schief. Die Kirche schneidet dann einfach schlecht ab, verliert ihren Wesenskern, verrät die Nächsten- und Feindesliebe.
Die Bibel weist trotzdem in Richtung der grenzenlosen Gnade Gottes. Nachdem die Wasser der Sintflut ablaufen gibt Gott ein Versprechen: "Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe." (1. Mose 8,21) Diese Zusage Gottes kann durch keine menschliche Schandtat, Glaubensschwäche, moralische Entgleisung und Sünde kaputt gemacht werden. Denn: "Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (1. Mose 8,22) Gottes Wut ist künftig von ihm selbst begrenzt.
Aber: Bitte lassen Sie es nicht zu, dass Menschen - oder Sie selbst - ausprobieren, ob die Bibel an dieser Stelle Recht hat. Suchen Sie bitte nach Wegen, auf denen Sie aus dem, was Sie als Ihre Sünde erkennen, herausfinden. Gottes Gnade darf nicht zur Ausrede werden. Das Motto: Ich tue Menschen weh, verletzte Gottes Geschöpfe, stehle, stifte Streit und verlasse mich - in meiner Bosheit - auf Gottes Gnade, der sich dann als noch gnädiger erweisen kann. "Das sei ferne!", warnt der Apostel Paulus.
Paulus erinnert an die Ausgangslage des Menschen, den paradiesischen Zustand. Der ist allerdings verloren, die ersten Menschen haben das Paradies verspielt. Paulus wendet nun den Blick von der verschlossenen Paradiestür ab und blickt auf Jesus Christus und resümiert: "Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten." (Römer 5,6) Also kann man sagen: Gott ist der Kragen geplatzt. Er ist ihm so kräftig geplatzt, dass der Apostel Paulus sagt: "Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden, damit, wie die Sünde geherrscht hat durch den Tod, so auch die Gnade herrsche durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unsern Herrn." (Römer 5,20b-21)
Am Karfreitag ist Gott - in Ihrer Ausdrucksweise gesagt - der Kragen geplatzt. Der Kreuzestod Jesu zeigt, wie voll Gott die Nase hat. Aber Gott entlädt seine Wut nicht an Ihnen und an mir. Gottes Zorn platz am Kreuz heraus und trifft Gott selbst. Das Johannesevangelium fasst das in Worte: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Johannes 3,16)
All das, was ich hier schreibe, darf nicht rechtfertigen, dass wir Menschen beständig andere Menschen bedrängen, mit dem Evangelium andere Menschen ausgrenzen, Gewalt rechtfertigen, den Glauben nicht wirklich ehrlich leben wollen. Im Gegenteil, es bleibt eine ständige Umkehr, die schon Jesus fordert: "Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1,15)
Ich wüsche Ihnen eine gute Passionszeit und ein gesegnetes Osterfest, Ihr Henning Kiene