War Judas wirklich ein Verräter?

Stefan Heidland
Der Judaskuss, Fresko von Giotto di Bondone in der Cappella degli Scrovegni
© Giotto/CC/Wikimedia Commons
Mich beschäftigt die Frage, ob Judas wirklich ein ,,Verräter" war. Wir müssen uns vorstellen, wie es war, als Jesus in Jerusalem eingezogen war. Für die Hohepriester, Pharisäer und Römer eine große Gefahr. Mit Sicherheit war Jesus bekannt wie ein bunter Hund - jeder wusste, wie er aussah. Um ihn herum waren Papparazzis und Spione der Römer, Hohepriester usw. Kein Schritt von Jesus blieb unbeobachtet, kein Wort ungehört. Selbst in der DDR wäre die Überwachung kaum perfekter gewesen. Judas war eher ein zusätzlicher IM - von ihm hing nichts ab, außer, dass er hätte berichten können, was Jesus innerhalb seiner Jüngerschaft gesagt hatte - nichts Aufrührerisches. Jesus selbst wusste genau, was mit Judas war - in den Evangelien gut belegt. Judas war längst enttarnt. Jesus schloss ihn nicht aus der Gemeinschaft aus, im Gegenteil: Judas nahm am Abendmahl teil und bekam auch seine Füße gewaschen. Das Tollste: als Jesus Judas das Brot zusteckte, fuhr der Satan in ihm. Die heilige Gegenwart Jesu und des Brotes waren für den Satan keine Hindernisse. Da lässt sich viel schwadronieren ... Nun der Verrat im Garten und Olivenhain in Gethsemane. Den Häschern war auch ohne Judas' Mitwirkung längst bekannt, wo Jesus war. Judas verließ bekanntlich die Abendmahlsgemeinschaft und ging zu den Führungsoffizieren (um im DDR-Jargon zu bleiben). Er hatte also gar nicht mitbekommen, wo genau Jesus sich mit seinen Jüngern im weitläufigen Garten aufhielt, dennoch wies er den Häschern den Weg. Jesus wurde verhaftet, erst dann kam der Judaskuss. Von der Sache her und strafrechtlich war Judas schon ein Verräter, aber er hat nichts dazu beigetragen, Jesus zu finden und ihn zu verhaften. Das hätten die Häscher auch ohne Judas geschafft. Jesus brauchte gar nicht verraten zu werden! Für mich ist Judas soteriologisch überflüssig! Eine tragische Figur. Sicher hat er im Himmel einen Ehrenplatz, weil ihm vom HERRN eine solche Rolle zugedacht war - stelle ich mir vor. Judas war in meinen Augen gar kein Verräter - er hat eigentlich nichts verraten! Was war nun die eigentliche Rolle Judas?

Lieber Stefan,

die Rolle eines Inoffiziellen Mitarbeiters? Judas im Dienste der Stasi? Ich denke, der Vergleich passt! Vielen Dank für Ihre Interpretation des Judas. Doch dann kommen Sie zur Heilslehre und stellen selbst fest: Judas war eine tragische Figur. Er stolpert über seine eigene Schwäche, war es das Geld, waren es zu hoch gesteckten Ziele, die er mit Jesus verband? Wollte er Jesus provozieren und das Himmelreich herbeizwingen? Bezeugt sein Suizid eine innere Reinigung, die er - als trauriger Held einer Tragödie - durchlaufen hat? 

Der Neutestamentler Klaus Berger zeigt Judas als den Gegentyp zu Jesus. Judas übergibt Jesus. Dieses Übergeben ist das, was Jesus auf keinen Fall tut. Jesu Leben ist ein Leben, das für andere da ist. Übergeben dagegen käme von oben her, "was Jesus tut, ist ein Dasein für andere. Die Judastradition ist elementare, einprägsame "Verkündigung" am Kontrastbeispiel." (Klaus Berger, Theologiegeschichte des Urchristentums. 2. Auflage 1995, Seite 660) Für mich eine einleuchtende Hilfe, die die Rolle des Judas nüchtern in die Evangelien einordnet. 

Unabhängig von theologischen Bemühungen hat sich jede Zeit der Figur des Judas bedient und sie für sich interpretiert. Der verbrecherische Antisemitismus hat sich an Judas zu schaffen gemacht. Auch die Dogmatik, die behauptet, dass man Judas als passive Figur braucht, weil Gott ihm die Rolle des Verräters übertrug. Wie auf einem Schachbrett hätte Gott den Jünger Judas in diese Position geschoben. Oder: Walter Jens hat eine Verteidigungsrede des Judas geschrieben. Er geht davon aus, dass Judas im Einverständnis mit Jesus gehandelt hat. Es habe sogar eine innige Beziehung zwischen den beiden gegeben. Es ging Judas nur darum, durch Verrat den Heilsplan Gottes zu erfüllen. Judas wehrt sich bei Walter Jens gegen den Antisemitismus, der mit dem Verrat Judas begründen wurde.

Man steht ratlos vor diesem Phänomen: Aus dem inneren Kreis der Jüngerinnen und Jünger wird ausgerechnet der Mensch zum Verräter, dem sie die Kasse anvertraut hatten. Es versagt die Person, die Vertrauensvorschuss genießt. Ich neige zu dem Kontrast: Die Übergabe liefert Jesus den Menschen aus, die Übergabe macht ihn schutzlos. Jesus hält dagegen und nimmt selbst den schutzlosen Menschen in seine Gemeinschaft auf. 

Vielleicht müssen wir das aushalten: Im inneren Kreis unserer glaubenden Gemeinschaft ist auch der Verrat beheimatet. Jesus sagt "Einer unter euch wird mich verraten." Die Jünger fragen: "Herr, bin ich’s?" (siehe: Matthäusevangelium 26,21-25)  Das ist eine zu allen Zeiten berechtigte Frage, die in der Woche vor Ostern zur Selbstprüfung beiträgt und einen Akt der Buße ermöglicht. Aber im Blick bleibt: Judas wird - obwohl jeder dann weiß, dass er der Verräter ist - nicht vom Mahl ausgeschlossen. 

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Karwoche und ein von der Kraft der Auferstehung erfülltes Osterfest, Ihr Henning Kiene 

P.S. Die Jünger machen sich dann alle aus dem Staub. Auch das ist - nach moralischen Vorstellungen der Gegenwart - Verrat an der Freundschaft. Hier müsste man nun auf die Rolle der Frauen zu sprechen kommen, die versagen nicht! 

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