Lieber Stefan,
die Rolle eines Inoffiziellen Mitarbeiters? Judas im Dienste der Stasi? Ich denke, der Vergleich passt! Vielen Dank für Ihre Interpretation des Judas. Doch dann kommen Sie zur Heilslehre und stellen selbst fest: Judas war eine tragische Figur. Er stolpert über seine eigene Schwäche, war es das Geld, waren es zu hoch gesteckten Ziele, die er mit Jesus verband? Wollte er Jesus provozieren und das Himmelreich herbeizwingen? Bezeugt sein Suizid eine innere Reinigung, die er - als trauriger Held einer Tragödie - durchlaufen hat?
Der Neutestamentler Klaus Berger zeigt Judas als den Gegentyp zu Jesus. Judas übergibt Jesus. Dieses Übergeben ist das, was Jesus auf keinen Fall tut. Jesu Leben ist ein Leben, das für andere da ist. Übergeben dagegen käme von oben her, "was Jesus tut, ist ein Dasein für andere. Die Judastradition ist elementare, einprägsame "Verkündigung" am Kontrastbeispiel." (Klaus Berger, Theologiegeschichte des Urchristentums. 2. Auflage 1995, Seite 660) Für mich eine einleuchtende Hilfe, die die Rolle des Judas nüchtern in die Evangelien einordnet.
Unabhängig von theologischen Bemühungen hat sich jede Zeit der Figur des Judas bedient und sie für sich interpretiert. Der verbrecherische Antisemitismus hat sich an Judas zu schaffen gemacht. Auch die Dogmatik, die behauptet, dass man Judas als passive Figur braucht, weil Gott ihm die Rolle des Verräters übertrug. Wie auf einem Schachbrett hätte Gott den Jünger Judas in diese Position geschoben. Oder: Walter Jens hat eine Verteidigungsrede des Judas geschrieben. Er geht davon aus, dass Judas im Einverständnis mit Jesus gehandelt hat. Es habe sogar eine innige Beziehung zwischen den beiden gegeben. Es ging Judas nur darum, durch Verrat den Heilsplan Gottes zu erfüllen. Judas wehrt sich bei Walter Jens gegen den Antisemitismus, der mit dem Verrat Judas begründen wurde.
Man steht ratlos vor diesem Phänomen: Aus dem inneren Kreis der Jüngerinnen und Jünger wird ausgerechnet der Mensch zum Verräter, dem sie die Kasse anvertraut hatten. Es versagt die Person, die Vertrauensvorschuss genießt. Ich neige zu dem Kontrast: Die Übergabe liefert Jesus den Menschen aus, die Übergabe macht ihn schutzlos. Jesus hält dagegen und nimmt selbst den schutzlosen Menschen in seine Gemeinschaft auf.
Vielleicht müssen wir das aushalten: Im inneren Kreis unserer glaubenden Gemeinschaft ist auch der Verrat beheimatet. Jesus sagt "Einer unter euch wird mich verraten." Die Jünger fragen: "Herr, bin ich’s?" (siehe: Matthäusevangelium 26,21-25) Das ist eine zu allen Zeiten berechtigte Frage, die in der Woche vor Ostern zur Selbstprüfung beiträgt und einen Akt der Buße ermöglicht. Aber im Blick bleibt: Judas wird - obwohl jeder dann weiß, dass er der Verräter ist - nicht vom Mahl ausgeschlossen.
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Karwoche und ein von der Kraft der Auferstehung erfülltes Osterfest, Ihr Henning Kiene
P.S. Die Jünger machen sich dann alle aus dem Staub. Auch das ist - nach moralischen Vorstellungen der Gegenwart - Verrat an der Freundschaft. Hier müsste man nun auf die Rolle der Frauen zu sprechen kommen, die versagen nicht!