Hat die Kirche die Dreieinigkeit erfunden?

Michael
Kirchenfenster mit Dreieinigkeitssymbol
© EVLKS/Walter A. Müller-Wähner/Fundus

Die Dreieinigkeitslehre ist seit Jahrhunderten fester Bestandteil vieler Religionsgemeinschaften und Kirchen. Wenn die Dreieinigkeit aber eine so zentrale Lehre ist, warum hat sie Jesus nicht gelehrt? Immerhin war Jesus als Lehrer bekannt. Tatsächlich wurde die Dreieinigkeitslehre erst im 3.- 4. Jahrhundert generiert. Nachdem sie dann anerkannt war, musste sie nur noch in die bereits vollendete Bibel, hineininterpretiert werden. Daher auch die angeblichen 'Beweise' für diese Lehre. So zumindest musste es ja abgelaufen sein. Also: "Warum hat Jesus die Dreieinigkeit nicht gelehrt?"

Lieber Michael,

Ihr Gedankengang ist nachvollziehbar: Wenn die Dreieinigkeit so zentral für den christlichen Glauben ist – warum sagt Jesus dann nicht einfach: „Ich, der Vater und der Heilige Geist sind ein Gott“? Das wäre doch klar und unmissverständlich gewesen. Tatsächlich hat Jesus das so nicht gesagt. Er spricht von Gott als seinem Vater, er betet zu ihm, und er verheißt den Jüngern den Heiligen Geist. Diese drei treten also nebeneinander auf – aber nicht in einer dogmatisch festgelegten Trinitätsformel.

Damit sind wir im Kern bei einer theologischen Spannung, die Christenmenschen bereits in den ersten Jahrhunderten beschäftigt hat: Wie kann man das Verhältnis von Gott, Jesus und dem Heiligen Geist so beschreiben, dass der biblische Befund stimmig bleibt? Schon die ersten Gemeinden beteten zu Gott „durch Jesus im Heiligen Geist“. In der Bibel finden sich einige Hinweise, die später als „dreifaltig“ verstanden wurden – etwa die Taufformel in Matthäus 28,19: „Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Oder die Grußformel von Paulus an die Gemeinde in Korinth in 2. Korinther 13,13: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Jesus selbst wollte kein Lehrsystem stiften, sondern das Verhältnis zwischen Menschen und Gott in Ordnung bringen. Er spricht im Johannesevangelium (Johannes 14) von seinem Auftrag als Sohn, durch den man den Vater erkennt, und von dem Geist, der die Jünger trösten und in die Wahrheit führen wird (Johannes 16,13). Diese unterschiedlichen Aussagen über Gott brachten die junge Kirche dazu, das Verhältnis zwischen Vater, Sohn und Geist zu durchdenken – zunächst in Glaubensbekenntnissen der Gemeinden, dann auf Konzilien wie in Nicäa (325) und Konstantinopel (381). Dort entstand die Lehre von der Dreieinigkeit: ein Gott in drei Personen.

Die Trinitätslehre ist also keine spätere „Hinzugabe“, um Lücken in der Bibel zu füllen, sondern der Versuch, die vielfältigen biblischen Zeugnisse über Gottes Wirken auf den Punkt zu bringen – nicht als mathematische Gleichung, sondern als Bekenntnis: Gott ist einer, und doch begegnet er uns auf dreifache Weise – als Schöpfer, Erlöser und Lebensspender. Ob man das „verstehen“ kann, ist eine andere Frage. 

Die Evangelische Kirche sieht die Trinitätslehre als Ausdruck einer bleibenden Wirklichkeit Gottes, nicht als historische Konstruktion. Sie können hier nachlesen, was die Evangelische Kirche in Deutschland dazu schreibt. 

Herzliche Grüße
Frank Muchlinsky

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