Theodizeefrage - Wo war Gott in Auschwitz?

Walter Krüger

Was niemand versteht. Wo war Gott in Auschwitz? Eine Frage die mich (Jahrgang 1945) mein Leben lang begleitet, auf die ich aber keine Antwort finde. Die Antwort mit "freier Wille des Menschen" oder "Begrenzung unseres Verstandes" ist mir schlicht zu einfach.

Sehr geehrter Herr Krüger,

nun haben wir, das Fragenteam, einige Wochen einen Bogen um Ihre Frage gemacht, ich will Ihre Frage aufgreifen und bitte Sie zunächst um Entschuldigung. Ich habe so lange mit der Antwort gezögert, weil Sie Ihre Frage mit einer Antwort beginnen, der kann ich keinen Satz hinzufügen: "Niemand versteht das."

Die Frage nach Gott und Auschwitz ist nicht befriedigend zu beantworten. Jeder Versuch lässt eine Leerstelle. Sagt man: Gott ist allmächtig, immer und grundsätzlich, dann muss man auch sagen, in Auschwitz bleibt ein Teil seiner Allmacht für unseren Verstand verdeckt. Oder: Wer bin ich kleiner und begrenzter Mensch, dass ich Gott in seiner Allmacht begreifen will? Die Allmacht ist so groß, mein Verstand so klein, die Allmacht passt nicht in mein Denken hinein. Sagt man aber, dass Gottes Allmacht seit Auschwitz beschädigt ist, dann bleiben immer noch seine Allgüte, und seine Allwissenheit und Gottes Weisung, die er am Sinai bleibt. Nur die Allmacht Gottes ist in Frage gestellt. Ist Gott aber nicht allmächtig, dann liegt der Gedanke nah, dass Gott möglicherweise überhaupt nicht existiert. Wie Sie es auch sehen und antworten, Sie haben es in Ihrer Frage selbst beantwortet: "Niemand versteht das."

Ich möchte Ihnen eine dritte Antwort hinzufügen, der Gelehrte Emil Fackenheim hat das Konzentrationslager überlebt. In der Zeit des Nationalsozialismus ist - so sein Gedanke - der Ruf Gottes zum Glauben, zum Festhalten an Gott, neu vernehmbar geworden. Würden man an Gott nach Auschwitz nur noch zweifeln, dann hätte der Nationalsozialismus sein Ziel erreicht. Der NS-Staat wollte, dass die Juden ihr Erbe, ihre jüdische Tradition aufgeben, es ging dem Regime darum, die jüdische Identität vollständig zu vernichten. Jeder grundsätzliche Zweifel an Gott aber würde diese Vernichtung der jüdischen Identität fortsetzen. Er formulierte diese Einsicht als Gebot: "Den Juden ist es verboten, Hitler posthume Siege zu verschaffen. Es ist ihnen geboten, als Juden zu überleben, damit das jüdische Volk nicht untergeht." (Bitte lesen Sie einmal diesen Beitrag aus der Jüdischen Allgemeinen Zeitung) 

In den Tagen der November Pogrome sagte Dietrich Bonhoeffer 1938 den Satz: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Bei allen Erklärungsversuchen bleibt - aus meiner Sicht - dieser Satz die tragfähigste theologische Antwort - allerdings aus dem Bereich der evangelischen Theologie. Ich finde, dass Bonhoeffers Satz einen Schritte weiter geht als unsere gemeinsame Antwort "niemand kann das verstehen". Denn Bonhoeffer sorgt für einen spirituellen Moment, in dem es nicht um das Verstehen geht, sondern darum, etwas zu tun. Antisemitismus, sinnlose Verfolgung, das Morden muss abgewendet werden. Dazu braucht es - besonders in der Kirche - einen aktiven, lebendigen Glauben, der sich der Liebe zu den nächsten Menschen verpflichtet weiß.

Dass ich Ihre Frage wirklich beantwortet habe, bezweifle ich. Im christlichen Glauben gibt es solche Erklärungsnöte. Glaube ist kein geschlossenes System. Doch solche Erklärungsnot hat auch meine Kirche. Die evangelische Kirche hat sich in der Zeit der NS-Diktatur entsetzlich kraftlos dem vom Staat verordneten Antisemitismus und den Massenmorden entgegengestellt. Ich schäme mich für meine Kirche. Niemand kann das verstehen, warum die Kirche damals an diesem Versagen teilgenommen hat und selbst Teil des Versagens war.  

Ich grüße Sie und bin Ihr Henning Kiene 

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