Ist das geistlicher Missbrauch?

Ralph Vermeeren
Guten Tag! Ein Freund von mir ist Freikirchler (Mennoniten Brüdergemeinde). Er hat gestern geheiratet. Dadurch habe ich seine Familie und Gemeinde kennengelernt. Der Pastor (er ist wohl baptistischer Freikirchler) hat während der Predigt zur Hochzeit in der Kirche extreme Äußerungen getätigt. Mir ist bewusst, dass es verschiedene Lesarten der Bibel gibt. Ich lese gerne in der Bibel (oder höre sie als Hörbuch). Meines Erachtens ist die historisch-kritische Methode aber unverzichtbarer Teil eines Bibelstudiums. Die Glaubensgemeinschaft meines Freundes allerdings lehnt das strikt ab. Sie nehmen die Bibel wortwörtlich! Aus meiner Sicht ist das völliger Unsinn. Worte haben verschiedene Bedeutungen. Die Bibel muss und will interpretiert werden. Hier ist es nicht so wie in der Mathematik. Außerdem haben sich das Brautpaar und verschiedene andere Personen darüber beschwert, dass zuvor in der kleinen evangelischen Kirche, wo die Hochzeit stattfand (Ekd nicht Bethaus) über der Kanzel ein Banner mit dem Kreuz in den Regenbogenfarben hing. "Das muss hier raus! Das gehört nicht hier hin!" Jetzt meine Frage: Ich merke, dass dieser kollektive fundamentalistische Wahn mir nicht gut tut. Andere Gruppierungen (z.B. Homosexuelle, Andersgläubige usw.) werden zwar höflich behandelt, insgeheim aber ausgeschlossen und mit den Etiketten "gottlos", "verloren", "sündhaft" usw. versehen. Wie soll ich damit umgehen? Ich weiß, dass der Freund fest in diesem Glauben (der ja nicht der einzige "wahre" Glaube ist - im Gegenteil -) verwurzelt ist. Ich erkenne aber den geistlichen Missbrauch und die krankmachenden psychologischen Mechanismen, die dort vorherrschen. Diese Leute verwechseln ihre unbewussten Festlegungen/Dynamiken mit dem Willen, der Macht, dem Wirken Gottes. Wie sehen Sie das? Teilweise wurde ich auch nonverbal missachtet (auf der Hochzeit), weil dort bekannt ist, dass ich ein Mensch bin, der nachdenkt und hinterfragt, der Kant und Rousseau schätzt (Kant wird dort übrigens auch verteufelt) und sich nicht einfach mit einseitigen Erklärungen abspeisen lässt. Nach meiner Definition herrscht hier kolletiver geistlicher Missbrauch vor. Was können Sie mir raten? Ich bin nach wie vor mit dem Freund befreundet, aber diese Glaubensgemeinschaft besuche ich nicht mehr. Über eine aufklärende Licht-ins-Dunkel-bringende Rückmeldung würde ich mich sehr freuen. Zusammenfassende Ansichten dieser Glaubensgemeinschaft: Kein Sex vor der Ehe Ehe ist nur zwischen Mann und Frau möglich (und vor Gott gültig) Die Bibel wird wortwörtlich gelesen Andersdenkende/Andersglaubende werden scheinbar akzeptiert insgeheim jedoch (nonverbal) ausgeschlossen Mir herzlichen Grüßen RV

Lieber Ralph,

für Ihre ausführlich erläuterte Frage danke ich Ihnen. Meine Antwort beginnt mit drei Bitten. 

Bitte halten Sie an Ihrer analytischen und zugleich kritischen Sicht auf die Bibeltexte, die Sie lesen, fest. Christlicher Glaube ist ein kritisch fragender, suchender Glaube, der sich aus der Bibellektüre heraus immer wieder erneuern kann. Sich in Glaubenssätzen einzumauern, macht den Glauben eng, verfälscht das Evangelium. 

Bitte halten Sie an Ihrer Freundschaft zu Ihrem freikirchlichen Freund und dessen Ehefrau fest. Freundschaften können an solchen Differenzen auch zerbrechen. Das wäre sicherlich nicht gut. Türen sollten zwischen unterschiedlichen christlichen Positionen offen bleiben. Das Gemeinsame betonen, das Trennende nicht zum Stolperfalle werden zu lassen, ist eine echte christliche Herausforderung. 

Und: Auch Sie lesen die Bibel wortwörtlich. Die wissenschaftliche Theologie hält sich präzise an den Wortlaut. Die historische Kritik leuchtet den Hintergrund eines Textes aus, vertieft das Verständnis, sucht den Text aus dem Zusammenhang heraus zu erschließen. Die historische Kritik nimmt den Text im eigentlichen Sinn ernst und bringt den Inhalt zeitgemäß zur Sprache. So konnte in den letzten Jahrzehnten auch die christliche Sexualethik, die Position zur Ehe neu bestimmt werden. Man nahm den Text wortwörtlich und gewann die Deutungshoheit über biblische Texte zurück und legte deren Ursprungsgedanken wieder frei. Also meine letzte Bitte: Nehmen Sie die historisch-kritische Herangehensweise als Methode, die Texte wortwörtlich versteht. 

Nun zu Ihrer zentralen Frage: Geistlicher Missbrauch - das ist ein schwerwiegendes Fehlverhalten - kommt vielen religiösen Gemeinschaften vor. In der Landeskirche Hannover wird geistlicher Missbrauch oder der Missbrauch geistlicher Autorität als spiritueller Missbrauch bezeichnet und so definiert: 

"Spiritueller Missbrauch liegt vor, wenn Menschen ihre Macht oder Autorität ausnutzen und die spirituelle Selbstbestimmung anderer Menschen verletzen, um auf deren Lebensentscheidungen Einfluss zu nehmen. Spiritueller Missbrauch kann eine Strategie zur Anbahnung sexualisierter Gewalt sein, ist aber von dieser zu unterscheiden. Mögliche Folgen des Spirituellen Missbrauchs sind psychische oder physische Erkrankungen."  

Nun müssen Sie sich prüfen: Haben Sie solchen Machtmissbrauch erlebt? Ist Ihr Freund in Gefahr? Sind Sie persönlich von dem Traugottesdienst so betroffen, dass Sie zu Schaden gekommen sind? Beraten Sie das bitte mit der zuständigen Person in der zentralen Anlaufstelle.help der evangelischen Landeskirchen. In den Räumen und Kirchen unserer Landeskirchen muss das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen gewahrt werden. Übrigens: Wer den Menschen ihre Freiheit lässt, nimmt die Bibel wortwörtlich. Wenn Sie sich mit dem Thema der Sexualethik vertieft befassen wollen, kann ich Ihnen einen Podcast von Thorsten Dietz und Tobias Faix über Sexualethik empfehlen. 

Was sollen Sie konkret tun? Sie haben Ihre Frage selbst beantwortet: Sie werden diese Gemeinde nicht mehr besuchen aber die Freundschaft mit Ihrem Freund weiterhin pflegen. 

Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen das gelingt und mit Segen erfüllt ist.

Herzlich, Ihr Henning Kiene 

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