Lieber Ralph,
für Ihre ausführlich erläuterte Frage danke ich Ihnen. Meine Antwort beginnt mit drei Bitten.
Bitte halten Sie an Ihrer analytischen und zugleich kritischen Sicht auf die Bibeltexte, die Sie lesen, fest. Christlicher Glaube ist ein kritisch fragender, suchender Glaube, der sich aus der Bibellektüre heraus immer wieder erneuern kann. Sich in Glaubenssätzen einzumauern, macht den Glauben eng, verfälscht das Evangelium.
Bitte halten Sie an Ihrer Freundschaft zu Ihrem freikirchlichen Freund und dessen Ehefrau fest. Freundschaften können an solchen Differenzen auch zerbrechen. Das wäre sicherlich nicht gut. Türen sollten zwischen unterschiedlichen christlichen Positionen offen bleiben. Das Gemeinsame betonen, das Trennende nicht zum Stolperfalle werden zu lassen, ist eine echte christliche Herausforderung.
Und: Auch Sie lesen die Bibel wortwörtlich. Die wissenschaftliche Theologie hält sich präzise an den Wortlaut. Die historische Kritik leuchtet den Hintergrund eines Textes aus, vertieft das Verständnis, sucht den Text aus dem Zusammenhang heraus zu erschließen. Die historische Kritik nimmt den Text im eigentlichen Sinn ernst und bringt den Inhalt zeitgemäß zur Sprache. So konnte in den letzten Jahrzehnten auch die christliche Sexualethik, die Position zur Ehe neu bestimmt werden. Man nahm den Text wortwörtlich und gewann die Deutungshoheit über biblische Texte zurück und legte deren Ursprungsgedanken wieder frei. Also meine letzte Bitte: Nehmen Sie die historisch-kritische Herangehensweise als Methode, die Texte wortwörtlich versteht.
Nun zu Ihrer zentralen Frage: Geistlicher Missbrauch - das ist ein schwerwiegendes Fehlverhalten - kommt vielen religiösen Gemeinschaften vor. In der Landeskirche Hannover wird geistlicher Missbrauch oder der Missbrauch geistlicher Autorität als spiritueller Missbrauch bezeichnet und so definiert:
"Spiritueller Missbrauch liegt vor, wenn Menschen ihre Macht oder Autorität ausnutzen und die spirituelle Selbstbestimmung anderer Menschen verletzen, um auf deren Lebensentscheidungen Einfluss zu nehmen. Spiritueller Missbrauch kann eine Strategie zur Anbahnung sexualisierter Gewalt sein, ist aber von dieser zu unterscheiden. Mögliche Folgen des Spirituellen Missbrauchs sind psychische oder physische Erkrankungen."
Nun müssen Sie sich prüfen: Haben Sie solchen Machtmissbrauch erlebt? Ist Ihr Freund in Gefahr? Sind Sie persönlich von dem Traugottesdienst so betroffen, dass Sie zu Schaden gekommen sind? Beraten Sie das bitte mit der zuständigen Person in der zentralen Anlaufstelle.help der evangelischen Landeskirchen. In den Räumen und Kirchen unserer Landeskirchen muss das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen gewahrt werden. Übrigens: Wer den Menschen ihre Freiheit lässt, nimmt die Bibel wortwörtlich. Wenn Sie sich mit dem Thema der Sexualethik vertieft befassen wollen, kann ich Ihnen einen Podcast von Thorsten Dietz und Tobias Faix über Sexualethik empfehlen.
Was sollen Sie konkret tun? Sie haben Ihre Frage selbst beantwortet: Sie werden diese Gemeinde nicht mehr besuchen aber die Freundschaft mit Ihrem Freund weiterhin pflegen.
Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen das gelingt und mit Segen erfüllt ist.
Herzlich, Ihr Henning Kiene