Auferstehung "von den Toten" oder "des Fleisches" - ist das Glaubensbekenntnis richtig?

Gert Dr. Kreiselmeier

Auferstehung "von den Toten" oder "des Fleisches"? Das Apostolikum schreibt im Lateinischen "carnis ressurectionem", was in allen deutschen Übersetzungen mit "Auferstehung von den Toten" umschrieben wird. Während "das Fleisch" nach meinem Verständnis die gesamte lebendige Persönlichkeit, die Einheit von Leib, Seele und Geist, umfaßt, wird im Begriff "von den Toten" das Problem auf die Frage reduziert, was denn nach dem Tod von der lebendigen Persönlichkeit übrig bleibt und somit für die Auferstehung zur Verfügung steht. Vielleicht hilft der griechische Originaltext (den ich nicht interpretieren kann) etwas weiter. Sicher ist doch dieses "Problem" in theologischen Fachkreisen ausführlich diskutiert worden. Vielen Dank und Gott zum Gruß Gert Kreiselmeier

Sehr geehrter Dr. Kreiselmeier,

für Ihre Frage danke ich Ihnen, auch weil sie an eine frühe Erinnerung anknüpft. Als ich in den 1970er Jahren den Konfirmandenunterricht besuchte, gab es in den sonntäglichen Gottesdiensten, die wir besuchen sollten, einen dauerhaften Stolperstein. Während die Mehrheit der Gemeinde sich zur "Auferstehung der Toten" bekannte, sprach eine Minderheit laut: "Auferstehung des Fleisches". Die Art, wie die Leute das Wort "Fleisch" aussprachen, versetzte uns in Heiterkeit. Bei "Fleisch" gingen die Stimmen nach oben, wurden laut, fast schrill, als wollten sie alle anderen übertönen. Der Ton der Besserwisserei amüsierte uns und wir ahmten diese aufgeregten Stimmen lachend nach. Da ich Latein als Fremdsprache gewählt hatte, wusste ich "Fleisch" ist natürlich korrekt. "Auferstehung der Toten" wäre vom Lateinlehrer rot angestrichen worden. Wir fragten also unseren Pastor, der uns auf unsere Albernheit ansprach. Er erklärte uns die falsche Übersetzung so: Die Kirchen im deutschen Sprachraum würden sich seit einigen Jahren bemühen, die Sprache in den zentralen Gebeten und Bekenntnissen so zu fassen, dass auch wir, die Jugendlichen sie verstehen. Er wies auch darauf hin, dass alle Konfessionen sich auf - fast - den gleichen Wortlaut verständigt hätten. Bei "Fleisch" würden heutzutage doch alle an das Schaufenster einer Schlachterei denken und man hätte die Fleischtheke im Supermarkt vor Augen, "Auferstehung des Fleisches" sei missverständlich. Die Übersetzung mit "Auferstehung der Toten" mache den Inhalt deutlich, es gehe schließlich um das ganze Leben der Toten, um Persönlichkeit, die körperlich unübersehbar bleibt Fleisch ist und doch mehr sei. Wir sollten über "Fleisch" bitte nicht laut lachen. An diese Begebenheit erinnert mich Ihre Frage. Mir stehen die Unterrichtsstunden im Saal des Gemeindehaues vor Augen und ich habe diese kämpferischen Stimmen im Gottesdienst im Ohr. Als ich dann viele Jahre später - räumlich weit entfernt - selbst Pastor wurde, waren protestierende Stimmlagen verstummt. Einige ältere Personen sprachen den einst erlernten Text weiterhin, blieben der überkommenen Version. Das Wort "Fleisch" klang jetzt so falsch wie die Groschen und Markstücke aus der Zeit der Reichsmark, die gelegentlich in der Kollekte lagen. 

Mit Anekdoten will ich Ihre Frage nicht beantworten. Mit meinen Erinnerungen im Hinterkopf habe ich mich auf die Suche gemacht. So weit bin ich gekommen: In den 1960er und 1970er Jahre hatte eine eigens ins Leben gerufene "Arbeitsgemeinschaft Liturgische Texte" den Auftrag, u.a. eine gemeinsame Fassung des Apostolischen und Nizänischen Glaubensbekenntnisses zu schaffen. In dieser Arbeitsgemeinschaft wirkten die evangelischen Landeskirchen, viele Freikirchen, die römisch-katholischen Kirche und die Altkatholiken mit. Man wollte Gemeinsamkeit im deutschen Sprachraum herstellen und den Text dem Sprachgefühl der Gegenwart anpassen.

Das war auch nötig, weil sich durch Flucht, Vertreibung, in konfessionsverbindenden Ehen die die unterschiedlichen Traditionen im Gottesdienst rieben.  Und: Das gemeinsam laut gesprochene Bekenntnis der Gemeinde hatte in der NS-Zeit im geistlichen Leben an Bedeutung gewonnen, war im Gottesdienst zentral geworden.

Eine eigens berufene "Arbeitsgemeinschaft Liturgische Texte" übersetzte das Lateinische "carnis resurrectio" mit "Auferstehung der Toten". Man wusste natürlich, dass das lateinische Wort "caro" "Fleisch“ bedeutet und man ignorierte den Fehler. Man war davon überzeugt, dass das Wort Auferstehung die gesamte lebendige Persönlichkeit, die Einheit von Leib, Seele und Geist, den bekennenden Personen deutlich vor Augen steht. Der Gott geschaffene Menschen aus dem 1. Buch Mose ist dem christlichen Glauben gegenwärtig, von nichts anderem spricht die Auferstehung Jesu. Paulus denkt Auferstehung immer auch fleischlich (siehe: 1. Korinther 15) genauso auch die Evangelien (siehe u.a.: Johannes 20,27) beschreiben die Auferstehung einer gesamten lebendigen Persönlichkeit. Auferstehung ist seit Jesu Auferstehung für glaubende Menschen immer auch die "Auferstehung des Fleisches". 

Kurz: Niemand kam in den damaligen 1970er Jahren auf die Idee, "Auferstehung der Toten" ohne die Dimension der Leiblichkeit zu verstehen. Es gab allerdings warnende Stimmen. Man befürchtete eine Vergeistigung der Auferstehung. In den traditionelleren lutherischen Kirchen gibt gelegentlich wieder Diskussionen und Bestrebungen, die Revision des Textes zu revidieren. Doch der Gewinn ist größer. In den Kirchen im deutschen Sprachraum gilt für das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis der selbe Text, wir sprechen - mit einer winzigen Ausnahme - unsere Bekenntnisse und die zentralen Gebete in einer Sprache, im selben Rhythmus. Wo auch immer Gottesdienst ist, man findet sich zurecht und hat in diesen Texten ein verbindendes Zuhause. 

Und: In den 1970er Jahren gab es zahlreiche Bemühungen, die Gottesdienste zu beleben. Jugendliche erhielten die Chance selbst Glaubensbekenntnisse zu verfassen und in Gottesdiensten vorzutragen, neue Lieder zogen die Leute in den Bann. Es war eine Zeit des Aufbruchs, man scheute die Moderne nicht und die theologische Diskussion suchte in der Ökumene nach Verbindungen. Und: Kompromisse galten als Lösungen und stellten kein Problem dar. Den Kompromiss als edle Lösung großer Probleme dürfen wir auch in unseren Kirchen nicht verlernen. So habe ich auch unseren Pastor damals im Konfirmandenunterricht verstanden. Er wollte die Minderheit vor unserem Spott schützen. Das haben wir bei ihm auch gelernt. 

Nun kommt eine Leerstelle in meiner Antwort. Ich habe - angesichts Ihrer Frage - die Protokollbücher der Tagungen der Generalsynode der VELKD aus den Jahren 1970 bis 1975 gesichtet und den Beschluss über die neue Textfassung gesucht. Bis jetzt habe ich keinen Beschluss gefunden, der den Text "Auferstehung des Fleisches" synodal verabschiedet. Auch die Expertinnen und Experten, die ich um Rat gebeten habe, mussten passen. Aber die wollen mich noch auf einen Suchpfad setzen um diese Antwort noch ganz abzuschließen. 

Nun haben Sie einige Wochen auf eine Antwort gewartet. Ich möchte Ihnen diese Antwort nicht noch länger schuldig bleiben und schicke sie nun ab. 

Zusagen will ich Ihnen aber: Ich suche weiter und erweitere später diese Antwort. Denn die Frage bleibt hier offen: Wie kommt es, dass der neue Text tatsächlich zum gemeinsamen Text wurde und ab den 1970er Jahren wie selbstverständlich überall gesprochen wurde? 

Herzliche Grüße, Ihr Henning Kiene 

Fragen zum Thema

Liebe Lina, das Verhältnis zwischen den klassischen Liedern, die wir in der Kirche…
Liebe Frau Braun,die liegende Acht, also das Symbol für Unendlichkeit, kommt in der…
Lieber Sascha, das ist im Leben zuweilen so, dass man ein "seltsames Gefühl" hat und sie…