Hallo, ich habe mich schon in meiner Jugend entschieden das ich keine Frau oder Mann will. Heute lese ich einen Bericht wo es heißt wer Sex ohne Ehe hat der wird nicht in das Reich Gottes kommen da er ungehörig ist und gegen Gott ist weil es in der Bibel heißt der Mensch ist für zu zweit geschaffen alles andere ist ungehörig und wird bestraft. Stimmt das?
Lieber Mountenbiker 85,
vielen Dank für deine Frage, du vertraust uns, dem Fragen-Team der evangelischen Kirche, ich danke dir.
Mein erster Impuls für eine Antwort an dich war heftig. "Woher wissen die Leute immer so genau, welcher Mensch in das Reich Gottes aufgenommen wird?" Antwort: "Das ist doch die Angelegenheit Gottes, dem kann ich doch nicht leichtfertig ins Handwerk pfuschen." Das, was du in einem Bericht gesehen hast, ist vermutlich Pfusch am Evangelium.
Du spürst noch meine Empörung, denn kein Mensch kann das Gericht Gottes heute schon an dir und mir einfach mal vorziehen und eigenständig vollziehen.
Außerdem: Alle Zeichen stehen, wenn ich die Bibel ernst nehme, auf Gottes Gnade, zeigen auf der Lebensampel grün. Eine Kollegin sagte einmal einen Satz, der mich - wie ein Merksatz für die Seelsorge - begleitet: Es geht nicht um die Grenzen der Empathie, es geht darum, die Grenzenlosigkeit der Empathie Gotte wahrzunehmen. Kurz: Ein gnädiger Gott wird uns richten. Martin Luther hat ein Bild geprägt, dass den Inhalt des Evangelium von Jesus Christus knapp zusammenfasst: "Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel."
Jeder Mensch, der anderen Menschen sagt, was sie von Gottes Reich trennen könnte, sollte seine Antwort mit dieser Bemerkung abschließen: "Übrigens, vergiss nicht, Gott ist ein Backofen voller Liebe." Kurz: Du fragst nach Bestrafung, der christliche Glaube aber ist keine Bestrafungsreligion, der Glaube sucht das Reich Gottes und sucht dieses Reich schon heute im Leben, im Alltag und auch in einer gut verantworteten Sexualethik.
Eine Sexualmoral, die zwingend die Ehe zwischen Mann und Frau fordert, hat sich - wie vieles im Leben - einfach überlebt. Vor einigen Jahren entdeckten viele Christinnen und Christen die erotischen Abschnitte der Bibel, sie lesen das Hohelied, und stellen fest, das Sexualität auch ohne Ehe eine erfüllte Sexualität sein kann. In der Sexualität sind Schöpfungskräfte am Werk, die jeder Mensch - wie einen Sonnenuntergang am Meer - aus vollen Zügen genießen darf. Aber es gibt auch ein Leben ohne aktive Sexualität.
Mir helfen drei Begriffe: Sexualität beginnt mit einem gegenseitigen "Ja" und einem Vertrauen, das Menschen in diesem Moment verbindet. Jede Person muss sich auf die andere Person auch so verlassen können, dass die Nähe tief, aber nicht verletzend wird. Und: Du übernimmst bei jeder Begegnung mit einem Menschen auch Verantwortung gegenüber diesem Menschen und für ihn. Kurz: Sexualität ist etwas Tiefes, verbindet Menschen, macht Freude und berührt existentielle Grenzen und braucht verlässliche Kommunikation zwischen gleichberechtigten Personen.
Wem sage ich das? Du wirst es selbst alles schon wissen.
Und: Ich bin Pastor in einer Kirche, die nicht nur vorbildlich handelt. Die ForuM-Studie aus dem Jahr 2024 weist unserer Kirche schwere Defizite nach. Ich denke, dass wir, die Kirche, unsere Vorschriften an andere Menschen behutsam dosieren sollten solange wir hier als Kirche etwas aufarbeiten müssen.
Wenn diese Antwort deine Frage nicht ganz trifft, dann stelle uns bitte eine nächste Frage. Gerade die Details der Sexualethik könnte man noch etwas vertiefen.
Ich grüße dich, wünsche dir Segen auf dem Weg, den du - ohne Ehe - beschritten hast.
Herzlich, dein Henning Kiene